Fool on Wheels: Barbara Toy und die Kunst, sich nicht zu erklären.

Fool on Wheels: Barbara Toy und die Kunst, sich nicht zu erklären.

London, 1950. Ein Abend im Pub, ein leerer Satz, ein Lachen über Mut, der keiner ist. Eine Frau allein nach Bagdad? Lächerlich, heißt es. Zu gefährlich. Zu naiv. Zu weiblich. Barbara Toy hebt das Glas – und widerspricht nicht. Sie kündigt einfach an, in wenigen Wochen loszufahren. Es ist kein Bluff. Sie meint es ernst.

Dabei hatte sie bis zu diesem Moment keinen konkreten Plan. Aber sie wollte nach Bagdad. Und jetzt hatte sie einen Grund mehr. Sie organisierte Visa, besorgte ein fabrikneues Land Rover Series I Vorführmodell, ließ es nach Gibraltar verschiffen – und brach im Winter 1950/51 zu ihrer ersten großen Solo-Expedition auf. Ohne Sponsor, ohne Auftrag, ohne große Worte. Nur mit Neugier. Und einem Auto, das sie „Pollyanna“ nannte.

„I wasn’t brave. I was just curious.“ 

Pollyanna – benannt nach der literarischen Figur, die selbst im größten Unglück das Gute zu sehen versucht. Für Toy war das kein Zynismus. Sondern Haltung. Ein Versprechen an sich selbst, nicht aufzugeben, bevor sie verstanden hat, was sie da draußen sucht.

Die Route führte sie durch Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen, Ägypten, dann weiter per Schiff und Landweg über Zypern, Syrien, Jordanien bis in den Irak. In Nimrud traf sie Agatha Christie und deren Ehemann Max Mallowan, der dort Ausgrabungen leitete. Was wie ein PR-Coup klingt, war für Toy nichts weiter als ein Zwischenstopp. Sie blieb nie lange. Aber sie schaute genau hin.

A Fool on Wheels – so nannte sie später ihr erstes Buch. Der Titel stammt von einem britischen Offizier, der ihren Aufbruch in Gibraltar belächelte. Toy nahm die Beleidigung auf – und machte daraus ein Selbstporträt in Buchform: trocken, ehrlich, selbstironisch. Kein Heldinnen-Epos, sondern ein Protokoll der Selbstermächtigung.

„The desert does not care who you are. That’s why I liked it.“ 

Sie fuhr weiter: durch Libyen, nach Saudi-Arabien – mit Sondergenehmigung des Königs. Sie besuchte seinen Hof, lernte Arabisch, schrieb. Auf dem Rückweg wurde die Straße nach Europa von Banditen gesperrt – also mietete sie kurzerhand ein Haus mit Garten und Palmen, lebte dort monatelang allein, schrieb ihr nächstes Buch, lernte Französisch.

In den Jahren darauf bereiste sie Äthiopien, den Jemen, Australien, den Sudan, die USA. In den 1960ern umrundete sie die Welt. Sie reiste nicht, um zu fliehen – sondern, um zu begreifen. Wer sie war. Und was möglich ist, wenn man sich nicht mehr zurückhält.



Bilder

Barbara Toy (1908–2001) war Schauspielerin, Bühnenautorin, Journalistin, später Fellow der Royal Geographic Society. Sie veröffentlichte acht Bücher. Sie war die erste Frau, die allein mit einem Geländewagen Saudi-Arabien durchquerte – lange bevor Frauen dort selbst fahren durften. Sie war auch die erste westliche Frau, die Mount Wehni in Äthiopien erreichte – per Helikopter, mit einem Fuß auf der Kufe. Dort verbrachte sie allein eine Nacht, in Begleitung eines Leoparden, der durch ihr Lager schlich.

Sie reiste nicht, um sich zu beweisen. Sie reiste, weil es ihr Wesen war.

Pollyanna – ihr Land Rover – wurde ihr zum Zuhause. Als Land Rover ihr nach 210’000 Kilometern einen neuen Wagen schenkte, tauschte sie widerwillig – und kaufte Pollyanna Jahre später zurück. Teuer. Aber mit Überzeugung. Mit über 80 umrundete sie erneut die Welt. Sie war auf dem Weg nach Jemen, als sie 2001 in England starb.

Heute steht Pollyanna im Museum. Aber sie lebt weiter – in jeder Frau, die losfährt, ohne zu fragen. Und in jedem Menschen, der versteht, dass Reisen mehr ist als Bewegung. Es ist eine Entscheidung: für Freiheit, für Selbstachtung, für einen eigenen Weg.

One Life. Live it. Und nenn dein Auto ruhig beim Namen.



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