London, 1950. Ein Abend im Pub, ein leerer Satz, ein Lachen über Mut, der keiner ist. Eine Frau allein nach Bagdad? Lächerlich, heißt es. Zu gefährlich. Zu naiv. Zu weiblich. So jedenfalls wird die Geschichte später erzählt. Barbara Toy, australische Schauspielerin, Autorin und spätere Reiseschriftstellerin, hebt das Glas – und widerspricht nicht. Sie kündigt einfach an, in wenigen Wochen mit einem Land Rover loszufahren. Es ist kein Bluff. Sie meint es ernst.
Toy organisiert Visa und kauft einen 1950er Land Rover Series I 80” Softtop, der zuvor als Vorführwagen eines Londoner Händlers gedient hatte. Kurz vor Weihnachten lässt sie ihn nach Gibraltar verschiffen und bricht von dort zu ihrer ersten großen Solo-Expedition auf. Der Land Rover ist zu diesem Zeitpunkt selbst gerade einmal zwei Jahre alt. Vorgestellt wurde er 1948 auf der Amsterdam Motor Show, gebaut als robustes Arbeitsgerät für Landwirtschaft, Militär und alles, wofür normale Autos zu schade waren. Dass man damit zum Vergnügen Kontinente durchqueren könnte, gehört noch nicht zum Mythos. Den gibt es noch gar nicht.
„I wasn’t brave. I was just curious.“
Barbara Toy gehört zu den ersten Menschen, die mit einem Land Rover zu einer privaten Fernreise aufbrechen. Ohne Sponsor, ohne Auftrag, ohne Expeditionszirkus. Nur mit einem Auto, das sie „Pollyanna“ nennt. Der Name stammt aus Eleanor H. Porters Roman Pollyanna, dessen junge Heldin ein bemerkenswertes Talent dafür besitzt, selbst in ziemlich beschissenen Situationen noch etwas Gutes zu finden. Für ein Auto, mit dem Toy gleich mehrere Kontinente durchqueren wird, keine schlechte Wahl.
Von Gibraltar fährt sie durch Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen und Ägypten. Weiter geht es per Schiff und auf dem Landweg über Zypern, den Libanon, Syrien und Jordanien bis in den Irak. In Nimrud trifft Toy ihre Freunde Agatha Christie und Max Mallowan, der dort archäologische Ausgrabungen leitet. Sechs Monate ist sie unterwegs.
A Fool on Wheels nennt sie später das Buch über diese erste Reise. Den Titel verdankt sie einem britischen Brigadier in Gibraltar, der Toys Vorhaben für einigermaßen verrückt hält und sie einen „Fool on Wheels“ nennt. Toy macht aus dem Spott einen Buchtitel und aus der Reise den Anfang einer ziemlich außergewöhnlichen Karriere als Reiseschriftstellerin.
Nach ihrer Rückkehr nach Großbritannien hält es sie nicht lange zu Hause. 1952 zieht es sie erneut nach Libyen. Pollyanna bekommt inzwischen ein Hardtop, dessen Dach weiß lackiert wird, um wenigstens einen Teil der nordafrikanischen Sonne draußen zu halten. Aus dieser Reise entsteht A Fool in the Desert: Journey in Libya.
Ein Jahr später will Toy nach Saudi-Arabien und schreibt König Abdul Aziz persönlich, um die Erlaubnis zu bekommen, sein Land allein mit Pollyanna bereisen zu dürfen. Der König stimmt zu. Toy reist durch ein Land, in dem eine allein fahrende Frau alles andere als vorgesehen ist, besucht den Hof des Königs, lernt Arabisch und schreibt. Als ihr auf dem Rückweg gesperrte Straßen die Weiterreise unmöglich machen, bleibt sie mehrere Monate, mietet ein Haus und arbeitet an ihrem nächsten Buch. A Fool Strikes Oil: Across Saudi Arabia erzählt von dieser Reise.
„The desert does not care who you are. That’s why I liked it.“
1956 wird aus einer außergewöhnlichen Reisebiografie endgültig ein Stück Automobilgeschichte. Barbara Toy startet mit Pollyanna zur Weltumrundung und fährt von England über die Türkei und Pakistan weiter durch Asien bis Singapur. Von dort wird der Land Rover nach Perth verschifft, Toy durchquert Australien bis Sydney und setzt nach einer weiteren Schiffspassage von Kalifornien quer durch die USA bis an die Ostküste fort. 1957 ist Barbara Toy der erste Mensch, der die Erde in einem Land Rover umrundet hat. Nicht die erste Frau, sondern der erste Mensch. Ihr Buch darüber heißt Columbus Was Right! Rover Around the World.
Inzwischen hat auch Rover verstanden, welchen Wert Barbara Toy für die noch junge Marke hat. Beim zehnjährigen Firmenjubiläum 1958 wird Pollyanna prominent präsentiert, Toy und ihr Land Rover sind längst zu rollenden Beweisen dafür geworden, was dieses damals noch junge Fahrzeug leisten kann. Trotzdem endet ihre gemeinsame Geschichte vorerst genau dort.
Pollyanna hat zu diesem Zeitpunkt rund 210.000 Meilen hinter sich. Der neue Land Rover Series II steht in den Startlöchern und Rover möchte die inzwischen bekannte Weltreisende lieber im aktuellen Modell sehen. Toy tauscht ihren Series I gegen einen neuen Series II 88”. Technisch ist das ein Fortschritt: mehr Leistung, mehr Komfort und sogar zwei Scheibenwischer. Emotional sieht die Sache anders aus.
In In Search of Sheba beschreibt Toy später ihre Abfahrt vom Rover-Werk in Solihull. Sie fährt mit dem neuen Series II durch den Schnee, schimpft über Wetter, Straße und Auto und wischt sich schließlich die Tränen aus den Augen. Den Tausch bereut sie fast sofort.
Reisen wird sie mit dem neuen Land Rover trotzdem. 1959 durchquert Toy die Sahara, fährt von Libyen über den Sudan nach Äthiopien und Kenia und folgt dem Nil bis nach Khartum. Daraus entsteht In Search of Sheba. In Äthiopien wartet allerdings ein Ziel, an dem auch der Land Rover passen muss: Mount Wehni, ein nahezu senkrecht aus der Landschaft ragender Tafelberg, auf dessen Gipfel einst äthiopische Thronfolger isoliert wurden.
Toy chartert einen Helikopter und erreicht 1959 den Gipfel, wo sie allein eine Nacht verbringt. Nach eigener Darstellung ist sie die erste westliche Person, die Mount Wehni betritt.
Später wechselt Toy erneut den Land Rover. Mit einem Series IIA 109” Dormobile, einem frühen Overland-Camper mit Schlaf- und Wohnmöglichkeit, fährt sie 1961 von Timbuktu nach Tripolis. Im Tassili n’Ajjer im Süden Algeriens sucht sie nach prähistorischen Felszeichnungen und den Spuren alter Verkehrswege durch die Sahara. Daraus entsteht The Way of the Chariots. 1968 durchquert sie erneut die Arabische Halbinsel und kehrt in den Jemen zurück. Highway of the Three Kings wird ihr letztes großes Buch über die arabische Welt.
Insgesamt veröffentlicht Barbara Toy acht Reisebücher und wird Fellow der Royal Geographical Society. Aus der Schauspielerin und Bühnenautorin, die 1950 mit einem gebrauchten Land Rover nach Bagdad aufgebrochen war, ist längst eine der frühen Figuren des motorisierten Overlandings geworden. Nur eine Sache lässt sie über all die Jahre nicht los: Pollyanna.
Rover hatte den Series I nach dem Tausch weitergegeben, später landete das Auto bei einem Sammler. Toy wollte es zurück, doch der Besitzer verkaufte nicht. Erst nach seinem Tod bekam sie ihre Chance. 1989 kaufte Barbara Toy Pollyanna für 3.500 Pfund zurück – ein Vielfaches der 640 Pfund, die sie ursprünglich für den Land Rover bezahlt hatte.
Barbara Toy war inzwischen 81 Jahre alt, Pollyanna fast 40. Und 1990 gingen beide noch einmal auf Weltreise. Toy vollendete damit ihre zweite Weltumrundung und war rechtzeitig vor Weihnachten wieder in England.
Danach folgte unter anderem noch eine Reise über die Alpen auf den Spuren Hannibals. Selbst mit über 90 plante Toy weiter. Im Jahr 2000 wollte sie mit Pollyanna noch einmal in den Jemen fahren. Dieses Mal waren weder Wüste noch Grenzen oder Technik das Problem: Sie bekam keine Versicherung mehr.
Barbara Toy starb am 18. Juli 2001 in Banbury, England, wenige Wochen vor ihrem 93. Geburtstag. Pollyanna gibt es noch heute. Der 1950 gebaute Land Rover Series I 80”, mit dem Toy nach Bagdad und später als erster Mensch in einem Land Rover um die Welt fuhr, ist erhalten geblieben.
Barbara Toy und Pollyanna waren unterwegs, bevor Overlanding ein Lifestyle, Land Rover eine Legende und Abenteuer ein Geschäftsmodell war.
One Life. Live it.
Und nenn dein Auto ruhig beim Namen.