Motorradreise von Kanada bis Ushuaia – mit 60 und Hund ans Ende der Welt

Motorradreise von Kanada bis Ushuaia – mit 60 und Hund ans Ende der Welt

Mit 60 verkauft Tracy ihr Haus und startet ihre Motorradreise in Kanada. In Kolumbien rettet sie Roo – gemeinsam erreichen sie Ushuaia in Argentinien. Eine Reise durch Südamerika über Zweifel, Tempo und Freiheit.

Wir sprechen mit Menschen, die ihr Leben anders leben – bewusst, mutig, manchmal radikal. Nicht, um zu beeindrucken. Sondern um zu inspirieren, zu hinterfragen und zu zeigen: Es geht auch anders. Und das ist okay.

Hier geht’s nicht um Floskeln. Nicht um Hochglanz. Sondern um echte Antworten – auf die Fragen, die man sich am Lagerfeuer stellt, wenn keiner mehr Smalltalk macht. Denn wer unterwegs ist, hat viel zu erzählen. Und oft mehr zu geben, als man denkt.

Tracy Charles ist seit mehreren Jahren mit dem Motorrad unterwegs – dauerhaft. Was als spontane Entscheidung nach einem frühen Ruhestand begann, entwickelte sich zu einer Weltreise auf zwei Rädern.

Sie verkaufte ihr Haus in Kanada, reduzierte ihren Besitz auf das Nötigste und machte sich auf den Weg Richtung Süden. Ihr Ziel: so weit fahren, wie es geht.

Nach viereinhalb Jahren erreichte sie Ushuaia in Argentinien – das „Ende der Welt“. Unterwegs rettete sie an der Karibikküste Kolumbiens einen Hund. Seitdem reist sie nicht mehr allein. Roo sitzt hinten auf dem Motorrad.

Heute plant sie ihre nächste Etappe: die Westküste Afrikas. Wir haben mit ihr über Mut, Zweifel, Tempo, Alter und Freiheit gesprochen.

„Am Ende ist es nie so schwierig, wie mein Kopf es sich ausmalt.“

Wer bist du – und wie sah dein Leben vor dieser Reise aus?

Ich habe viele Jahre in einem klassischen 9-to-5-Job gearbeitet und meine Tochter nach dem Tod meines Mannes allein großgezogen. Unerwartet ergab sich für mich die Möglichkeit, deutlich früher in Rente zu gehen. Für mich war das eine einfache Entscheidung – ich habe die Chance sofort ergriffen.


War diese Motorradreise ein lang gehegter Traum?

Nein. Es war kein Lebenstraum. Ich hatte meinen Motorradführerschein erst kurz zuvor gemacht. Die Idee, die Welt mit dem Motorrad zu bereisen, war noch ziemlich neu.


Wann wurde dir klar, dass es kein Zurück mehr gibt?

Als mein Haus nach zehn Tagen verkauft war und die neuen Besitzer es drei Wochen später übernehmen wollten. Ich war offiziell obdachlos.

Der zweite Moment war der Verkauf meines Jeeps. Da wurde mir bewusst, dass mein Motorrad nun mein einziges Fortbewegungsmittel war. Seit diesem radikalen Neuanfang gab es unzählige „Warum“-Momente.

„Ich muss niemandem mehr etwas beweisen – nicht einmal mir selbst.“


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Was lief anders als geplant?

Ich dachte, ich würde in vier oder fünf Jahren um die Welt fahren. Nach viereinhalb Jahren hatte ich gerade einmal meinen ersten Kontinent abgeschlossen: Südamerika.

Während der Pandemie rettete ich an der Karibikküste Kolumbiens einen Hund. Eigentlich wollte ich sie nur versorgen, kastrieren lassen und in gute Hände geben. Doch irgendwann war ich in sie verliebt – und irgendwie waren wir zu einem Team geworden. Ich nannte sie Roo.

Mit Roo wurde alles langsamer. Keine sieben-, acht- oder neunstündigen Fahrtage mehr. Grenzübertritte dauerten länger. Wir blieben mehrere Tage in kleinen Orten, statt nur eine Nacht.


Was war überraschend einfach – und was unnötig schwierig?

Die Angst vor dem Aufbruch verschwand fast sofort. Viel gut gemeinter Rat stellte sich als übertrieben heraus. Schwierig war mein Kopf. Ich verliere Schlaf, wenn am nächsten Tag eine besonders schlechte Straße bevorsteht – oder auch nur eine komplizierte Einfahrt. Ich habe viele Nächte wachgelegen und mir unnötige Sorgen gemacht. Am Ende ist es jedoch nie so schwierig, wie mein Kopf es sich ausmalt.

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„Ich war offiziell obdachlos.“

Gab es einen Moment, der dein Selbstvertrauen verändert hat?

Ja. In Mexiko steckte ein Kaktusdorn im Vorderreifen. Es war Sonntag, alles geschlossen. Ich setzte mich auf den Bordstein, sah mir ein YouTube-Video an und reparierte den Reifen selbst. Der Stopfen hielt weitere 15.000 Kilometer. Es war nur eine Kleinigkeit – aber sie gab mir das Vertrauen, dass ich mit allem umgehen kann, was passiert.


Was ermöglicht dir das Motorrad, was andere Verkehrsmittel nicht könnten?

Ich kann günstig reisen und Orte erreichen, die abseits der üblichen Routen liegen. Ich bin Teil einer großartigen Motorrad-Community und fühle mich nie wirklich allein. 

Am liebsten sind mir die Momente, wenn Menschen merken, dass ein Hund hinten auf meinem Motorrad sitzt. Sie schauen erst ernst – und dann grinsen sie über das ganze Gesicht. Als hätten wir gerade ihren Tag gerettet.


Gibt es einen Moment, der für dich alles zusammenfasst?

Ushuaia. Als ich dort ankam, begann ich zu weinen. Niemals hätte ich gedacht, eines Tages an diesem Punkt zu stehen. Und ich war nicht allein mit meinen Tränen – Männer wie Frauen, die nach mir ankamen, hatten ebenfalls Tränen in den Augen.

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Planst du heute noch – oder fährst du nach Gefühl?

Am Anfang habe ich jeden Tag genau geplant: Straßen, Unterkünfte, Tankstopps. Das hat sich verändert. Ich ändere meine Pläne ständig. Eigentlich wollte ich mehrere Jahre durch Europa fahren – nun zieht es mich an die Westküste Afrikas. Es ist ein wunderbares Gefühl, diese Freiheit zu haben.


Was hast du über deine eigenen Grenzen gelernt?

Dass ich weitergehen kann, als ich je gedacht hätte. Selbst wenn ich erschöpft bin, mir vor Angst der Mund trocken wird und meine Knie zittern – ich schaffe es trotzdem weiter.


Was bedeutet Mut heute für dich?

Mut bedeutet, den ersten Schritt auf etwas zuzugehen, vor dem man Angst hat – selbst wenn man scheitert. Nicht jeder ist bereit, es überhaupt zu versuchen.

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„Mit Roo wurde alles langsamer.“

Reist du heute anders als mit 30?

Ja. In meinen Dreißigern reiste ich meist in All-inclusive-Resorts oder an sichere Orte. Heute wähle ich bewusst Länder, die oft als gefährlich gelten, die ich aber als schön, sicher und freundlich erlebt habe.

Mit 60 plane ich Strecken dennoch sorgfältiger. Eine lange Heilungszeit nach einem Knochenbruch steht nicht auf meiner Agenda.


Wie verändern sich Begegnungen, wenn Menschen merken, dass du allein reist?

Wenn ich mit jemandem unterwegs bin, bleiben Einheimische eher auf Distanz. Wenn ich allein bin, wecke ich ihre Neugier. Schnell ist mein Motorrad umringt, Fragen prasseln auf mich ein. Als allein reisende Frau möchten viele sich um mich kümmern – mit Essen, Wasser, Unterkunft oder guten Ratschlägen.


Wo hast du dich am sichersten gefühlt – und wo am verletzlichsten?

Mit Einheimischen habe ich mich nie unsicher gefühlt. Dreimal fühlte ich mich jedoch sehr unsicher – jedes Mal durch männliche Reisende aus anderen Ländern. Das machte mich eine Zeit lang misstrauisch. Irgendwann erkannte ich, dass nicht jeder Mensch gleich ist, und begann wieder, Begegnungen zu genießen.


Hat dein Alter dir eher Vorteile oder Hürden gebracht?

Mehr Vorteile. Ich muss niemandem mehr etwas beweisen – nicht einmal mir selbst. Ich muss unterwegs kein Geld verdienen und suche nicht den perfekten Fotospot. Dinge, die früher wichtig waren – Haare, Make-up, Kleidung – spielen keine Rolle mehr. Heute zählen nur das Abenteuer und die Menschen.

„Am Ende bleiben nur Erinnerungen.“

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Würdest du alles noch einmal genauso machen?

Ja. Jederzeit. Und ich würde nichts ändern. Alles, was unterwegs passiert ist – Gutes wie Schwieriges – hat diese Reise geprägt.


Was bedeutet „One Life. Live It.“ für dich persönlich?

Wir neigen dazu, Dinge zu sammeln und vergessen dabei, was uns wirklich glücklich macht. Am Ende bleiben nur Erinnerungen. Sorge dafür, dass es gute sind.


Was würdest du einer Frau um die 60 raten, die überlegt, allein loszufahren?

Wenn du in meinem Alter bist – ungefähr 60 –, dann tu es einfach. Wir sind in einem Lebensabschnitt, in dem wir keine unerfüllten Träume zurücklassen sollten.


Es gibt keinen perfekten Moment. 

Kein perfektes Alter. 

Keine perfekte Route.

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