Heidi Hetzer – mit 77 in einem 1930er Hudson um die Welt
Mit 77 Jahren kaufen sich viele Menschen einen bequemeren Fernsehsessel. Heidi Hetzer kaufte einen Hudson von 1930 und fuhr damit um die Welt.
Von Berlin durch die Türkei, den Iran, Zentralasien, China, Südostasien, Australien, Neuseeland, Nordamerika, Südamerika und Afrika, bevor sie fast drei Jahre später wieder nach Berlin zurückkehrte. Rund um die Welt. In einem Auto, das fast so alt war wie sie selbst.
Das klingt wie eine dieser Lagerfeuergeschichten, bei denen irgendwann jemand fragt, ob das wirklich stimmt.
Die Idee entstand nicht aus dem Nichts. Heidi wollte den Spuren von Clärenore Stinnes folgen, die zwischen 1927 und 1929 als erste Frau die Welt mit dem Auto umrundet hatte. Fast neunzig Jahre später wollte sie selbst erleben, was eine solche Reise bedeutet. Was als Hommage an eine große Pionierin begann, entwickelte jedoch schnell seine eigene Dynamik. Denn wer Heidi Hetzer nur auf diese Reise reduziert, verpasst das eigentlich Interessante. Der Hudson war nie die Geschichte. Die Geschichte war Heidi.
Ein Mädchen, das in den 1950er-Jahren Kfz-Mechanikerin wird, als Frauen in Werkstätten noch eine Seltenheit waren. Eine junge Frau, die nach dem Tod ihres Vaters Ende der 1960er-Jahre plötzlich Verantwortung übernehmen muss. Für ein Unternehmen, für Mitarbeiter, für Kunden und für eine Zukunft, die niemand garantieren konnte. Eine Unternehmerin, die sich in einer Branche durchsetzt, die damals fast ausschließlich von Männern geprägt war. Eine Frau, die über Jahrzehnte Entscheidungen trifft, Risiken eingeht, Krisen erlebt und sich Respekt erarbeitet. Nicht durch große Worte, sondern durch Leistung. Eine Rallyefahrerin. Eine Berliner Schnauze. Jemand, der gelernt hat, dass Probleme selten verschwinden, nur weil man lange genug über sie spricht.
Ein Detail taucht in vielen Berichten nur am Rande auf, sagt aber erstaunlich viel über Heidi Hetzer aus.
Die Reise war ursprünglich gar nicht als Soloprojekt geplant. Immer wieder suchte sie Begleiter für einzelne Etappen oder sogar für die gesamte Strecke. Journalisten, Fotografen, Techniker, Oldtimerfreunde und Abenteurer meldeten sich. Manche begleiteten sie einige Tage, andere mehrere Wochen oder Monate. Besonders Patrik Heinrichs spielte zu Beginn eine wichtige Rolle. Er schraubte an Oldtimern, kümmerte sich um die Technik und dokumentierte die Reise mit Berichten und Fotos. Die frühen Blogeinträge gehören bis heute zu den ausführlichsten und lebendigsten der gesamten Weltumrundung.
Doch die Zusammenarbeit war nicht von Dauer. In Usbekistan trennten sich die Wege von Heidi und Patrik. Danach wurde die Berichterstattung deutlich ruhiger und die Reise veränderte ihren Charakter. Immer wieder begleiteten Freunde, Bekannte oder lokale Helfer einzelne Abschnitte. Über weite Strecken war Heidi jedoch allein unterwegs. So wurde aus einer Reise, die ursprünglich als Teamprojekt begonnen hatte, Schritt für Schritt Heidis ganz persönliche Reise. Am Ende blieb etwas, das besser zu Heidi passte als jede Planung: eine Frau, ein alter Hudson und die Welt da draußen.
Natürlich fährt Heidi Hetzer mit 77 um die Welt. Wenn man ihr Leben kennt, wäre alles andere überraschender gewesen.
Das Faszinierende an Heidi ist deshalb nicht einmal die Reise selbst, sondern dass sie offenbar nie aufgehört hat, sich für das Leben zu interessieren. Klingt banal? Ist es aber nicht. Viele Menschen werden mit den Jahren vorsichtiger. Sie wissen mehr, haben mehr erlebt, kennen die Risiken und entwickeln gute Gründe, Dinge nicht zu tun. Erfahrung schützt. Bei Heidi hatte man manchmal das Gefühl, dass ihre Lebenserfahrung genau den gegenteiligen Effekt hatte. Sie wusste, …
- dass Menschen krank werden.
- dass Pläne scheitern.
- dass Motoren kaputtgehen.
- dass man enttäuscht werden kann.
Sie wusste all das nicht theoretisch, sondern aus eigener Erfahrung. Und trotzdem blieb diese Neugier. Vielleicht sogar gerade deshalb.
Wer heute Overlanding kennt, denkt an perfekt ausgebaute Fahrzeuge. Heidi brach 2014 mit einem Hudson Great Eight Baujahr 1930 auf, den sie Hudo nannte. Das Auto hatte Charme, Charakter und einen ausgeprägten Hang dazu, genau dann kaputtzugehen, wenn man es am wenigsten gebrauchen konnte.
Eigentlich begann die Reise schon mit Schwierigkeiten. Der große Start in Berlin war von Kameras, Interviews und viel Aufmerksamkeit begleitet. Kurz darauf stand Hudo wieder in der Werkstatt. Motorprobleme, technische Defekte und ein Beifahrer, der noch vor dem eigentlichen Abenteuer ausstieg, sorgten dafür, dass die Reise beinahe scheiterte, bevor sie richtig begonnen hatte.
Und genau das zieht sich wie ein roter Faden durch die folgenden Jahre. In Usbekistan wurde der Motor zerlegt. In Kasachstan platzten die ursprünglichen Pläne. Visa verloren ihre Gültigkeit. Routen mussten neu gedacht werden. In Nordamerika blieb Hudo ausgerechnet auf dem Grenzstreifen zwischen Kanada und den USA stehen. Später verletzte sich Heidi bei einem Werkstattunfall schwer an der Hand. Noch schwerer traf sie die Krebsdiagnose, die sie während der Reise erhielt. Mehr als einmal schien es vernünftiger, nach Hause zu fahren.
Wenn man ihre Geschichte betrachtet, wirkt die Reise fast weniger wie ein Abenteuer als wie die konsequente Fortsetzung eines Lebens, das immer nach vorne gerichtet war. Sie hatte längst bewiesen, dass sie Unternehmen führen konnte. Sie hatte sich Respekt erarbeitet. Sie hatte wirtschaftlichen Erfolg gehabt. Niemand hätte ihr etwas vorwerfen können, wenn sie ihre Tage zwischen Oldtimerveranstaltungen, Vorträgen und schönen Erinnerungen verbracht hätte. Stattdessen entschied sie sich für Unsicherheit. Für Grenzübergänge. Für Werkstätten. Für schlaflose Nächte. Für einen Hudson von 1930. Für die Möglichkeit des Scheiterns.
Wer ihre alten Berichte liest, entdeckt zwischen Motorschäden, Grenzübertritten und Werkstattgeschichten noch etwas anderes. Fast überall tauchen Menschen auf. Fremde, die helfen. Mechaniker, die improvisieren. Familien, die Türen öffnen. Oldtimerfreunde, die Ersatzteile organisieren. Vielleicht konnte Heidi diese Begegnungen gerade deshalb so intensiv erleben, weil sie niemandem mehr etwas beweisen musste.
Mehr als einmal schien die Reise zu Ende zu sein. Der Motor kaputt. Die Route blockiert. Eine Krebsdiagnose. Und trotzdem ging es weiter. Heidi unterbrach die Reise, ließ sich in Deutschland behandeln und kehrte anschließend zurück auf die Straße.
Als Heidi Hetzer im März 2017 wieder nach Berlin zurückkehrte, hatten viele Menschen das Gefühl, eine große Abenteurerin würde nach Hause kommen. Wahrscheinlich stimmt das. Nach Hause kam aber auch eine Frau, die ihr ganzes Leben lang neugierig geblieben war. Eine Frau, die sich mit 77 Jahren noch immer wie jemand verhielt, der das Leben nicht als abgeschlossene Geschichte betrachtete, sondern als etwas, das noch immer Überraschungen bereithält.
Eine Frau, die sich einen Hudson von 1930 kaufte und beschloss, damit um die Welt zu fahren. Und es einfach tat.
One Life. Live it.
Steckbrief Heidi Hetzer
- Geboren: 20. Juni 1937 in Berlin
- Gestorben: 21. April 2019 in Berlin
- Kfz-Mechanikerin
- Übernahme und Ausbau des Familienunternehmens Opel Hetzer in Berlin
- eine der bekanntesten Unternehmerinnen der deutschen Automobilbranche
- zahlreiche Rallye- und Oldtimerveranstaltungen
- Weltumrundung 2014–2017 auf den Spuren von Clärenore Stinnes
- Fahrzeug der Reise: Hudson Great Eight, Baujahr 1930
- Reisedauer: Juli 2014 bis März 2017
- Alter beim Start: 77 Jahre
Was Menschen über Heidi Hetzer sagten:
„Sie war eine außergewöhnliche Frau.“ — Christian Reuter
„Heidi war ein großes Vorbild für uns. Ihren Mut und ihren Tatendrang hat uns immer wieder inspiriert.“ — Uwe Richter
„Man kann den eigenen Traum leben und ist nie zu alt dafür.“ — Marimar
„Selten findet man eine Frau mit so viel Unternehmergeist, Mut und Energie.“ — Thomas
„Ihr Lebensmut und ihre Lebensfreude werden unvergessen bleiben.“ — Ronny Schultz
„Sie wäre einen von jenen ewigen Helden gewesen, denen ich die 100 gewünscht hätte.“ — Christian Witt
„Sie war voller Tatendrang, sprühte vor Lebensfreude und Optimismus.“ — Claudia Bröll
„Heidi Hetzer ist die Bertha Benz unserer Tage – eine Auto-Botschafterin von Weltformat.“ — Johannes Hübner