Aline Heller: Ich will nie sagen müssen "Ich hab auf euch gehört – statt auf mich.“
Aline wusste nicht, was sie erwartet. Nur, dass sie los muss. Kein Plan B, kein Sicherheitsnetz – nur ein Zelt, ein Velo und der unbedingte Wunsch, nicht stehen zu bleiben. Denn der Gedanke, es nicht zu tun, war schlimmer als alles, was kommen könnte. Was dann kam? 25.000 Kilometer Realität. Hitze. Zweifel. Begegnungen. Belästigung. Und eine neue Definition von Stärke.
Wir sprechen mit Menschen, die ihr Leben anders leben – bewusst, mutig, manchmal radikal. Nicht, um zu beeindrucken. Sondern um zu inspirieren, zu hinterfragen und zu zeigen: Es geht auch anders. Und das ist okay.
Hier geht’s nicht um Floskeln. Nicht um Hochglanz. Sondern um echte Antworten – auf die Fragen, die man sich am Lagerfeuer stellt, wenn keiner mehr Smalltalk macht. Denn wer unterwegs ist, hat viel zu erzählen. Und oft mehr zu geben, als man denkt.
"Ich habe gelernt, mich überall zuhause zu fühlen – weil ich in mir selbst ein Zuhause gefunden habe."
Ein Gespräch mit Aline Heller. Sie ist 28 und mit dem Fahrrad von der Schweiz bis nach Südafrika gefahren – allein, aus eigener Kraft, mit Neugier und einer großen Portion Mut.
Was als Abenteuer begann, wurde zu einer Lebensschule: über Freiheit, Identität und innere Sicherheit. Sie spricht über Tränen im Zelt, überwältigende Gastfreundschaft – und die Kraft, einfach weiterzufahren, auch wenn’s schwer wird.
Ein Gespräch über Heimat ohne Haus, das Reisen als Alltag – und warum es manchmal reicht, einem Fremden ein Feuerzeug zu schenken.
Über dich und deinen Weg
Erzähl kurz von dir: Wer bist du? Seit wann bist du unterwegs? Was hast du bereits gemacht? Wo bist du gerade? Und was steht als Nächstes an?
Ich bin Aline Heller, 28 Jahre alt. Am 4. März 2024 habe ich die Schweiz verlassen – über Italien nach Spanien. Dort habe ich mir ein Velo gekauft, die Ausrüstung (Zelt etc.) hatte ich schon aus der Schweiz mitgebracht. Am 20. Mai 2024 bin ich von Valencia aus gestartet, entlang der Westküste Afrikas. Nigeria und Kamerun habe ich aus Sicherheitsgründen ausgelassen und bin mit dem Flieger darüber. Seit August 2025 bin ich in Südafrika.
Ich möchte drei bis sechs Monate bleiben, mich zur Kitesurf-Lehrerin ausbilden lassen und dafür einen Job, eine Wohnung und die richtige Balance zwischen Ausbildung und Arbeiten finden. Mein Plan wäre, danach entlang der Ostküste wieder nordwärts zu fahren – mit dem Velo.
Erinnerst du dich an den Moment, an dem du zum ersten Mal gespürt hast: Ich will raus. Ich will mehr vom Leben?
Ich war schon immer ein freiheitsliebender Mensch und habe den klassischen Lebensweg früh hinterfragt: Mann, Haus, Kinder, Auto – im gleichen Dorf geboren werden und sterben. Für mich war klar: Das wird nicht mein Weg sein. Ich wollte mehr vom Leben. Mehr Reisen, mehr Entdecken. Raus aus der Komfortzone.
Ich hatte vorher schon kleinere Veloreisen in der Schweiz gemacht. Aber der Auslöser war vor vier Jahren die Reise von der Schweiz nach Kroatien – das erste Mal alleine unterwegs. Ich kannte die Sprache nicht, die Länder nicht, hatte anfangs Angst. Meine Mutter übrigens auch. Aber nach zwei Monaten hatte sich alles eingependelt. Es fühlte sich gut an. Richtig. Frei.
Der entscheidende Moment kam in Kroatien. Ich wachte eines Morgens weinend auf. Und das passierte dann eine Woche lang – jeden Morgen. Weil mein altes Bild von „Zuhause“ zusammenbrach. Plötzlich war mein Zelt mein Zuhause. Und in dieser Traurigkeit kam die Erkenntnis: Die Welt ist mein Zuhause. Ich habe realisiert, dass ich überall hinreisen, überall leben kann – weil ich in mir selbst ein Zuhause gefunden habe.
Wie sieht dein Alltag unterwegs aus – oder gibt es den gar nicht mehr?
Doch, den gibt es schon – aber er ist sehr flexibel. Manchmal warte ich morgens auf die Sonne, weil’s einfach noch zu kühl ist. Dann mache ich Frühstück und fahre zwischen 80 und 100 Kilometer. Gegen 14 Uhr bin ich meistens im nächsten Ort, von dem ich weiß, dass es dort Essen und Wasser gibt. Viel mehr kann ich auch gar nicht mitnehmen – höchstens für ein bis zwei Tage.
Ab dem Nachmittag ist dann „Feierabend“. Ich schaue, was sich ergibt, rede mit Menschen, ruhe mich aus, esse, dusche – und gehe meistens gegen 22 Uhr wieder ins Zelt. Und am nächsten Tag beginnt alles von vorn.
Manchmal gönne ich mir auch einen Pausentag. Dann hänge ich einfach nur rum, telefoniere mit Freunden oder recherchiere ein paar Dinge.
"Ich hab gelernt, alles auf mich zukommen zu lassen: Menschen, Schlafplätze, dass etwas passiert oder eben auch nicht."
Was war der bislang schönste Ort, an dem du länger geblieben bist – und warum?
Ich bin ein bisschen in Marokko „hängengeblieben“. Die Menschen dort sind einfach unglaubliche Gastgeber. Ich habe mich sofort willkommen und sicher gefühlt – wie ein Teil der Familie. Man wird überall eingeladen – zum Tee, zum Essen, zum Übernachten. Und die Landschaft ist wahnsinnig vielseitig: Wüste, Berge, Meer, Flüsse, Städte, Dörfer … alles dabei.
Der schönste Ort fürs Auge war für mich Guinea-Bissau. Sehr unberührt, magisch, wilde Natur mit vielen Flüssen und Bäumen.
Und Benin hat mir ebenfalls super gefallen – wegen seiner Geschichte, dem Voodoo-Glauben und der Kultur. Ich habe dort sehr schnell Anschluss gefunden.
Gab es Momente, an denen du alles hinschmeissen wolltest?
Oh ja. Vor allem in Westafrika. Dort „ma chérie“ genannt zu werden, ist nicht immer charmant – vor allem, wenn es 30 Mal am Tag passiert und nicht gerade nett gemeint ist. Ich wurde oft belästigt, auf sehr unangenehme, provokative Art. Das hat mich extrem ausgelaugt – psychisch komplett an meine Grenzen gebracht.
Ich hatte sogar psychosomatische Herzbeschwerden, wenn ich Männer gesehen habe. Da war ich wirklich an dem Punkt, wo ich dachte: „Ich brech das ab.“
„Ma chérie“ genannt zu werden, ist nicht immer charmant – vor allem, wenn es 30 Mal am Tag passiert.
Wenn du deinem früheren “Ich” einen Satz mitgeben könntest, bevor du losgezogen bist – wie würde er lauten?
„Glaub an dich. Hör auf deine Herzensstimme – und mach’s trotzdem.“ Auch wenn dir alle sagen: „Das geht nicht. Du bist eine Frau. Das ist gefährlich.“ Vor allem Männer – mit ihren klassischen Rollenbildern – haben oft nicht verstanden, wie stark ich bin. Und dass ich sogar noch stärker werde, wenn ich allein unterwegs bin. Alle haben irgendeine Meinung zu Afrika – und die meisten waren selbst noch nie dort. Ich habe gelernt: Hör nur auf die, die das gemacht haben, was du machen willst. Und ich will später nie sagen müssen: „Ich habe es nicht gemacht, weil ich auf andere gehört habe.“
Die Frage, die sich alle stellen
Wie finanzierst du dieses Leben? Und wie gehst du mit der Unsicherheit um, die damit vielleicht verbunden ist?
Ich habe schon vor der Reise sehr günstig gelebt: in einer WG, bin kaum ausgegangen, habe mich von geretteten Lebensmitteln ernährt (foodsharing.de/region/schweiz oder https://foodsharing.network/region/zuerich?). Dazu habe ich viel gearbeitet, gut verdient – und gespart. Am Wochenende habe ich zusätzlich gekellnert.
Auch jetzt lebe ich sehr minimalistisch. Velo fahren kostet nichts. Ich schlafe im Zelt, auf Campingplätzen oder in günstigen Unterkünften – auch wenn da mal Mäuse oder Kakerlaken sind. Essen ist günstig (in Westafrika manchmal nur 30 Rappen), oder ich koche selbst.
Unterwegssein als Lebensprinzip
Was bedeutet Reisen für dich – jenseits von Postkartenmotiven und Bucketlists?
Reisen heißt für mich: Mehr sehen als nur den „schönen“ Moment. Auch das Unschöne sehen. Den Reichtum, die Armut, die Ungleichheit. Menschen begegnen, ihre Geschichten hören. Neugierig sein, offen sein, präsent sein – im Hier und Jetzt.
Hat sich dein Blick auf die Welt durch das Unterwegssein verändert?
Ja – und nein. Ich wusste schon vorher, dass die Welt ein schöner Ort ist. Aber ich kam mit vielen festgefahrenen Bildern nach Afrika – mit Vorurteilen, die mich am Anfang blockiert haben. Es hat gedauert, bis ich die loslassen konnte. Ich arbeite heute noch daran.
Ich versuche, Afrika durch die Augen der Menschen hier zu sehen. Durch Kolonialismus, Apartheid und andere Ungerechtigkeiten ist so viel verloren gegangen – Kultur, Spiritualität, Gemeinschaft. Und ich sehe, wie der westliche Konsum Afrika ausgebeutet hat. Unsere Supermärkte wären einiges leerer, wenn wir das nicht tun würden.
Gibt es Begegnungen, die dich besonders geprägt oder verändert haben? Eine, die du nie vergessen wirst?
Ja, viele. Was überall ähnlich war: Die Menschen geben, obwohl sie selbst kaum etwas haben. In manchen Dörfern war ich die erste Weiße – die Kinder sind weinend weggelaufen. Trotzdem war da sofort eine Herzlichkeit, eine Wärme. Ich wurde eingeladen, bekocht – auch wenn die Leute selbst nur eine Wellblechhütte, kein fließendes Wasser, keinen Strom hatten.
Zwei Erlebnisse bleiben mir besonders:
In Marokko, als ein Gewitter aufzog und ich mein Zelt irgendwo aufschlug – nass, hungrig, Kocher kaputt. Plötzlich stand ein alter Mann da. Er sprach nur Arabisch, aber mit Gestik und Mimik hat er mich ins Haus geholt. Ich bekam trockene Kleidung, Decken, Essen.
In Namibia habe ich vier Jungs getroffen, die Ziegen hüteten. Ich fragte, ob ich zelten könne. Später kamen sie mit Maisbrei und Ziegenfleisch. Flüchtlinge aus Angola, die in zerrissenen Kleidern lebten – ohne Wasser, ohne Strom. Ich setzte mich zu ihnen ans Feuer, schenkte ihnen ein Feuerzeug. Sie hatten so etwas noch nie gesehen.
Welche Rolle spielt “Zuhause” für dich – und wo würdest du heute sagen: „Hier bleibe ich“?
Die Schweiz ist meine Heimat. Aber „Zuhause“ – das ist heute kein fester Ort mehr. Ich sehne mich nach einem Ort, wo ich mich gesehen und gehört fühle. Wo ich mit Herzensmenschen zusammen sein kann. Wo wir uns gegenseitig guttun. Wo wir etwas bewegen. Vielleicht wird das Kapstadt.
Gibt es etwas, das du unterwegs losgelassen hast – und nicht vermisst?
Grundsätzlich brauch ich wenig bis gar nichts im Leben und vermisse auch nichts (mehr). Was ich lernen musste, war die Stabilität und den Drang nach Sicherheit. Die Kontrolle. Den Wunsch, alles im Griff zu haben. Ich weiß oft nicht, wo ich schlafe. Und das ist okay. Ich lasse alles auf mich zukommen – Menschen, Schlafplätze, Gespräche oder auch das Nichts. Ich lebe bescheiden, einfach – aber spüre inzwischen auch wieder das Bedürfnis, länger an einem Ort zu bleiben.
Sinn & Spuren
Was möchtest du hinterlassen – bei den Menschen, denen du begegnest?
Mut. Zuversicht. Den Glauben daran, dass mehr möglich ist, als man denkt. Ich will inspirieren, gerade Frauen, ihren Weg zu gehen. Auch allein. Auch wenn es schwierig wird. Folge deinen Träumen. Sie sind es wert.
Was treibt dich an, wenn’s schwer wird?
Ich hatte viele schwierige Momente, gerade auch mit den Belästigungen. Aber ich habe eine unsichtbare, treibende Kraft in mir, die dann sagt: «Schwamm drüber, sch… drauf, weitermachen!» Ich habe einen starken, resilienten Charakter, lass mich nicht von jedem Wind wegblasen. Solche Reisen machen ja per se stärker. Und wenn’s mal schwierig wird, rede ich gerne mit Freunden oder auch mal mit meinem Gratiscoach ChatGPT, der erstaunlich einfühlsame Antworten, Blickwinkel und Lösungen bieten kann.
Wovon träumst du noch – ganz persönlich, ganz ehrlich?
Ich möchte mich in Pflanzenkunde weiterbilden – Heilpflanzen erforschen, Alternativen zu chemischen Medikamenten finden. Ich will Menschen näher an die Natur bringen. Mit Wanderungen, Abenteuern, echten Momenten. Und sie dabei auch innerlich stärken.
Wenn unterwegs mehr passiert
Bist du auf ein Projekt, eine Initiative oder einen Menschen gestoßen, der etwas in Bewegung bringt? Oder hast du selbst etwas gestartet, das mehr ist als dein eigenes Abenteuer?
Nein, aber es würde weltweit einen großen Unterschied machen, wenn wir alle unseren Konsum runterschrauben und Konzerne, die dank Ausbeutung groß geworden sind, nicht mehr unterstützen bzw. deren Produkte boykottieren. Das ist etwas, das wir tagtäglich bewusst beeinflussen können.
Zum Schluss: Gibt es etwas, das du gerne teilen möchtest?
Ich wünsche mir, dass Frauen mutiger werden. Selbstbewusster. Dass sie sich trauen, ihre eigenen Wege zu gehen. Sachen bewegen und sich nicht limitieren lassen. Ich habe kürzlich starke Frauen in der südafrikanischen Kletterszene getroffen. Und fast alle trugen tief in sich den Gedanken: „Ich bin nicht gut genug.“ Das muss sich ändern. Den müssen sie ablegen, wenn sie Träume haben. Und es gibt immer Wege, die eigenen Träume zu verwirklichen. Man muss ihn nur gehen.
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