Last Ride – die letzte Reise eines Volvo 240
Was tun, wenn der geliebte Volvo nicht mehr durch den belgischen TÜV kommt? Für Robin und Greg war die Antwort klar: Auf nach Südafrika. Ein letzter grosser Ritt für ihren 240 GL, Baujahr 1990, Spitzname Lovlov.
Es begann mit einem Traum, der zu lange in einer Schublade lag. Greg und ich, seit einer Reise nach Marokko unzertrennlich, wollten endlich das tun, wovon wir jahrelang gesprochen hatten: Afrika von Nord nach Süd durchqueren. Kein Geländewagen, kein Hightech, sondern ein Volvo 240 GL mit Baujahr 1990 – unser „Lovlov“.
"Träume warten nicht ewig. Man muss sie fahren."
Als im Herbst 2022 die belgische Fahrzeugkontrolle beschied, dass unser alter Kombi praktisch „unrettbar“ sei, sahen wir darin ein Zeichen. Jetzt oder nie. Ende November rollten wir unter den Bögen des Brüsseler Cinquantenaire los, begleitet von Familie, Freunden – und einer Mischung aus Euphorie und Beklemmung.
Marokko – Wellen und Wüste
Nach 22 Stunden Fahrt und einer Fährüberfahrt glitt Lovlov endlich auf afrikanischen Boden. In Marokko gönnten wir uns noch ein paar Tage Surfen – in Imsouane, Taghazout, Dakhla. Aber schon bald führte uns die Straße in die endlosen Weiten der Westsahara. Kilometer um Kilometer Sand, Sonne, Stille. Der Traum begann sich zu entfalten.
Mauretanien – Sand, Schweiss, Schrauben
Wir engagierten einen Guide, um die Grenzformalitäten zu beschleunigen – bis der Zöllner unser Bier entdeckte. Wir übergaben es zur Vernichtung, nur um später zu sehen, wie er es unter Kollegen verteilte. Ein Video, das Greg machte, löste fünf Stunden Verhöre aus; schließlich durften wir weiter, nachdem alle Aufnahmen gelöscht waren.
Am nächsten Tag steckten wir mit Lovlov mitten in den Dünen fest. Kein Netz, 50 km bis zur nächsten Straße – nur Wasser, Essen und Unbeschwertheit halfen uns. Mit Schaufel, Sandblechen und Ästen befreiten wir den alten Volvo nach eineinhalb Stunden. Danach traten wir die Weiterfahrt an – doch Lovlov überhitzte. Kühler gefüllt, Pause gemacht, weiter ging’s.
"Afrika war größer, heißer, unberechenbarer als wir dachten – und gleichzeitig magischer, herzlicher und überwältigender."


Senegal – Strand, Märkte und Improvisation
Kaum über die Grenze, sitzen wir lachend mit Soldaten und Beamten auf dem Boden und teilen Thiéboudienne, das Nationalgericht. Willkommen in Westafrika!
Unser erstes Biwak am Strand: Palmen, Sand, Sonnenuntergang – purer Traum. Saint-Louis und Dakar begeistern uns mit bunten Märkten, endlosen Straßen und Begegnungen voller Wärme. Wir geraten aber in Korruptionsfallen und werden wegen „getönter Scheiben“ verhaftet!
Wir bleiben gelassen und erleben in einem aussergewöhnlichen Dorf einen märchenhaften Empfang: Dorfhäuptling, Mahlzeiten unter freiem Himmel, Duschen aus Eimern.


Unsere Reise führte uns weiter nach Gambia, der schmalen englischen Enklave. Hier traf uns die Korruption am härtesten: Überall wurden wir zur Kasse gebeten und aufgehalten. Zu allem Überfluss versagte Lovlovs Viskokupplung, das Auto überhitzte und alle Kontrollleuchten gingen an. Glücklicherweise fanden wir ein paar engagierte junge Männer, die Lovlov fast fachgerecht wieder flott machten.
"Man braucht keinen Geländewagen, um Afrika zu durchqueren – nur Mut, Freundschaft und einen Volvo mit Herz."


Nach Umwegen durch Mauretanien und Senegal tauchten wir tief in Guinea ein. Dort, zwischen Bergen, Märkten und Wasserfällen, erlebten wir Afrika hautnah. Unsere Windschutzscheibe zersprang bei einem misslungenen Manöver an der Grenze, in der Stadt Mali wurde kurzerhand das Dach eines Peugeot angeschweißt. Improvisation war Pflicht, die Freundlichkeit der Menschen überwältigend. Und immer wieder die Natur: Dörfer, die uns herzlich empfingen, Wasserfälle, die uns verstummen ließen.



In Abidjan gönnen wir Lovlov eine Generalüberholung: Ölwechsel, neue Bremsen, Wrangler-Federn für mehr Bodenhaftung – afrikanische Mechanikerhände zaubern ihn zurück ins Leben. Nebenbei entdecken wir die Stadt, lassen uns von Freunden an die Traumküste von Assinie-Mafia entführen, wo wir surfen und in tropischer Ruhe versinken.


Nigeria – 300 Kontrollen und ein Blinddarm
Nigeria empfängt uns mit Anspannung pur: über 300 Polizeikontrollen in drei Tagen, teils freundlich, teils bedrohlich. Lovlovs Kupplung leidet, wir auch. Lagos wirkt wie ein Pulverfass – Menschenmassen, Blicke voller Misstrauen, Gewalt in der Luft. Nur dank unseres Begleiters bleiben wir von Überfällen verschont und finden überhaupt Treibstoff.
Die Nerven liegen blank. Bei Nacht im Dschungel gestoppt, zwischen Soldaten, Waffen und Angst, spielen wir unseren letzten Joker: Greg mimt eine Blinddarmentzündung, ich feilsche mit Worten. Unfassbar, aber es funktioniert – wir erhalten einen Passierschein, obwohl das Land am Wahltag eigentlich stillsteht. Kaum hinter der Schranke, brechen wir vor Erleichterung in Gelächter aus.
Die letzten Kilometer nach Kamerun sind ein Ritt durch kaputte Pisten, Lecks im Tank, endlose Berge. Aber wieder überrascht uns Lovlov: Er hält durch. Und wir? Wir halten uns am Staunen fest – über die wilde Schönheit Afrikas, die Härte der Straßen und die unfassbare Kraft von Improvisation und Freundschaft.
"Lovlov wurde für uns zum Symbol für Freiheit, Improvisation, für Geschichten, die man nur auf der Straße erlebt."
Kamerun – Werkstattluft und Aufatmen
Nach Tagen voller Druck gönnten wir uns in Kamerun ein langsameres Tempo. Holprige Pisten, stille Dörfer, Begegnungen mit offenen Menschen – Lovlov und wir atmeten durch. In Yaoundé fanden wir eine Werkstatt, die nicht nur unser Auto, sondern auch unsere Herzen reparierte: Gastfreundschaft, Hilfe und ein Visum für den Kongo inklusive.

Unsere Hoffnungen, Gorillas zu sehen, erfüllten sich nicht, doch die Begegnung mit hilfsbereiten Dorfbewohnern, die uns heimlich Treibstoff verkauften, prägte sich tief ein. Und dann der kleine Triumph: Breitengrad 0° – ein unscheinbarer Kreisverkehr, ein stiller, aber magischer Moment. Lovlov bekam unterwegs eine neue Spezialität: die „Präsidententür“, die nach einem Unfall plötzlich 180° schwenkbar war – ein Schaden, der uns eher zum Lachen brachte.


Angola – Surfen im Haifischbecken und dann die perfekte Welle
In Angola schwankten wir zwischen Faszination und Beklemmung: Surfträume am Atlantik, Haifischfallen im Wasser, bewaffnete „Aufpasser“ am Strand. Doch Cabo Ledo schenkte uns fünf Tage pure Freiheit – Wellen, Sand, Stille. Lovlov kämpfte weiter, diesmal mit einem Kühlerleck, das sich zum Glück als Schlauchproblem entpuppte. Improvisation war längst unser ständiger Begleiter.


An der Grenze begann ein anderes Afrika: keine Korruption, keine Schikanen, keine Engpässe – stattdessen Safari pur. Giraffen, Zebras, Nashörner, Löwen. Staunen ohne Ende. Wir erklommen die gigantische Düne „Big Daddy“ in Sossusvlei, verloren uns in Farben und Stille, standen ehrfürchtig vor jahrhundertealten, schwarzen Bäumen im Deadvlei. Doch die Wüste forderte ihren Tribut: doppelte Reifenpannen, improvisierte Reparaturen und Angst um Lovlovs Herzstück.
"Vertrauen in Menschen, Maschinen und Freundschaft bedeutet alles."




Südafrika – Finale am Kap
Mit letzter Kraft brachte uns Lovlov bis ans Kap Agulhas – den Punkt, an dem Atlantik und Indischer Ozean aufeinandertreffen. Kälte, Meer, ein Gefühl von Ziel und Vollendung. Und wir wussten: Wir hatten es geschafft. Nicht nur die Kilometer, nicht nur die Grenzen – sondern die Erfahrung selbst.
Freundschaft als Treibstoff
Unsere Reise war mehr als nur ein Roadtrip. Sie war ein Test für unsere Freundschaft, unsere Ausdauer und den Glauben an einen alten Volvo, der immer wieder bewies, dass 30 Jahre und 300.000 Kilometer kein Hindernis für ein echtes Abenteuer sind.
Wir hatten es bewiesen: Man braucht keinen Geländewagen, um Afrika zu durchqueren – nur Mut, Freundschaft und einen Volvo mit Herz. Lovlov hat durchgehalten und tritt nun per Schiff die Rückreise an. Wir fliegen heim, verändert, dankbar, stolz.
"Und so bleibt von dieser Reise mehr als Staub und Kilometer – es bleibt das Gefühl, dass wir etwas Unmögliches möglich gemacht haben."
Dieses „Last Ride“ war mehr als eine Reise. Es war eine Prüfung, ein Abenteuer, ein Geschenk. Greg und ich wissen heute: Träume warten nicht ewig. Man muss sie fahren.
Das Buch «Last Ride» ist auf Französisch erschienen, umfasst 208 Seiten mit 170 Bildern und ist hier bestellbar.

