Lilli Mixich: Fast 50 Jahre Afrika. Und noch lange nicht fertig.

Lilli Mixich: Fast 50 Jahre Afrika. Und noch lange nicht fertig.

Lilli Mixich reist seit fast 50 Jahren durch Afrika – seit vielen Jahren allein und in einem Toyota Land Cruiser HJ60 von 1988, der längst mehr Zuhause als Reisefahrzeug ist. Im OLLI-Interview erzählt sie von fünf Jahrzehnten Overlanding, Nächten zwischen Löwen und Elefanten, Pannen, Überfällen, finanzieller Unsicherheit und der Freiheit, die für sie trotzdem unbezahlbar bleibt.

In den OLLI Stories teilen OLLI Friends ihre Geschichten vom Reisen, Offroad-Abenteuern und dem Leben unterwegs – und zeigen, wie unterschiedlich One Life. Live It. aussehen kann.

Bilder

Von Bad Reichenhall in die Sahara: fast 50 Jahre unterwegs

Wer bist du? Seit wann bist du unterwegs? Was hast du bisher erlebt? Wo bist oder lebst du gerade? Und was kommt als Nächstes?

Lilli Mixich, 1957 geboren im schönen Bad Reichenhall in Bayern.

Ich reise eigentlich schon mein ganzes Leben. Als Kind mit meinem Vater viel zu seinen Verwandten in Rumänien, später dann Campingtrips nach Italien, Frankreich und Spanien mit meinem ersten Partner. 1978 der erste Sprung auf den afrikanischen Kontinent nach Marokko. Danach 1979 wieder Marokko, diesmal mit einem Land Rover 109, Serie 3. Ab dann in den 80ern mehrwöchige Trips in die Sahara und nach Westafrika, aber auch Backpacking in Indonesien und Malaysia.

Bilder
1983: mit dem Land Rover in Algerien
Bilder

Von 1987–1990 war ich 3 Jahre lang unterwegs von Nord nach Süd über die zentralafrikanische Route und wieder zurück nach Europa auf der Ostroute. Danach lebte ich 3 Jahre lang in Johannesburg in Südafrika.

Bilder
1988: während der ersten langen Afrikareise auf der Fähre in Guinea
Bilder
1989: Lilli und Willi in der Kalahari in Botswana
Bilder

1993–2001 zusammen mit meinem Partner Fahrzeugbau für Expeditionsmobile im Raum Bonn-Siegburg, in dieser Zeit wieder mehrwöchige Saharareisen nach Tunesien und Libyen.

2002–2004 wieder eine Afrikadurchquerung, diesmal von Nord nach West und von dort nach Osten mit einer Zwischenstation in Tansania bis Sambia, 15 Monate on the road.

Bilder
2003: mit dem Truck unterwegs in Algerien
Bilder
2003: bei Mongo an der Grenze Tschad/Sudan
Bilder
2003: Khartoum Blue Nile Sailing Club im Sudan

2003 – Kauf meines jetzigen Land Cruisers HJ 60 in Tansania, damals noch weiß und ein ganz normaler Station Wagon.

Bilder
2003: mit dem Toyota in Tansania
Bilder
2007: einheimische Helfer waren sofort zur Stelle

Dazwischen 2004–2005 1 Jahr Australien. 2005–2007 wieder 32 Monate auf Afrikatour, östliches und südliches Afrika. Erneut 2007–2008 1 Jahr Australien. 2009–2012 noch immer nicht genug von Afrika, 30 Monate. 2016–2020 schlussendlich meine erste Solotour mit meinem jetzigen Land Cruiser, 3,5 Jahre durchs südliche und östliche Afrika.

Und jetzt seit September 2021 wieder im östlichen und südlichen Afrika und hoffentlich bis Februar 2027.

2027 werde ich 70, danach muss ich schauen, wie es finanziell weitergehen kann. Ich bekomme nur eine winzige Rente und die Reisekrankenversicherungen werden sehr teuer. Aber auf jeden Fall wieder Afrika, mein treuer Toyota, Baujahr 1988, wartet dort auf mich.


„Das ist die Freiheit, die ich mir wünsche“

Welcher Satz, Gedanke oder Moment hat dein Leben verändert? Vielleicht war es ein Satz, den du selbst gesagt hast. Vielleicht hat ihn jemand anderes gesagt. Oder vielleicht war es nur ein Gedanke. Was war der Auslöser dafür, dass du heute hier bist?

1976 hat mich mein erster Partner auf eine Reise nach Venedig mitgenommen. Bis dahin war ich noch nie am Mittelmeer. Ich lag in den Dünen auf der Lagune vor Venedig, schaute in den blauen Himmel, hörte das Plätschern der Wellen und dachte: Das ist die Freiheit, die ich mir wünsche. Und dieser Gedanke der Weite und Freiheit hat mich nie mehr losgelassen.

Dann 1982 an der Grenze von Algerien nach Mali empfing mich der malinesische Grenzbeamte mit einem breiten Grinsen und dem Versprechen, mir schöne Kinder zu machen, nachdem ich angegeben hatte, mit meinem damaligen Reisepartner noch kinderlos zu sein. Dieser Humor und der Gegensatz zu der nördlicheren arabischen Welt hat mir die Horizonte Westafrikas geöffnet und ich wusste, ich will weiter, hinter den nächsten Hügel zum nächsten Horizont.

 

Wie haben Familie und Freunde reagiert? Eher: “Mega!” oder: “Du bist doch komplett verrückt.” 😄

Mein Vater ist immer mit dem Finger auf der Landkarte mit uns gereist, damals ging die Kommunikation ja noch mit Brief und einem gelegentlichen ganz kurzen Telefonat. Wenn ich von einer Reise zurückkam, hat er mir meine Briefe gezeigt und seine Notizen und Fragen dazu.

Meine Mutter hat meine Reisen bis zu ihrem Tod nie verstanden, sie aber akzeptiert.

Ihre besten Sprüche waren:

  • Du musst ja ein Millionär sein, um dir solche langen Reisen leisten zu können.
  • Du schläfst ja nur immer im Auto, weil du dir kein anständiges Hotel leisten kannst. 


Was war das Schwierigste daran, tatsächlich loszufahren? Nicht zu träumen. Sondern wirklich den Schlüssel umzudrehen.

Sich einen festen Abfahrtstermin zu setzen oder wirklich das One-Way-Flugticket zu kaufen und damit zu wissen: Bis dahin musst du fertig mit allen Vorbereitungen sein.

Bilder
1983: alle Papiere für die Reisevorbereitung

Der Toyota Land Cruiser HJ60: „Er ist meine Scheidungsmasse“

Womit bist du unterwegs – und warum ausgerechnet damit? Gibt es eine Geschichte dahinter?

Jetzt mit einem Toyota Land Cruiser, Baujahr 1988, rudimentär umgebaut mit einem erhöhten Dach. Er ist meine Scheidungsmasse, der einzige Asset, der mir nach meiner Trennung von meinem 2. Reisepartner und Ehemann blieb. Wir hatten 3 Fahrzeuge auf 3 Kontinenten: 1 großen Expeditions-LKW in Europa, einen Toyota Land Cruiser HJ47 (umgebaute Buschambulanz) in Australien und diesen Toyota HJ60, den ich jetzt fahre und den wir zusammen 2003 für „nur“ ein halbes Jahr Reisen in Tansania gekauft hatten und in dem ich nach 23 Jahren immer noch sitze und fahre – und der mein alleiniges Zuhause geworden ist.

Bilder
1999: das ultimative Reisefahrzeug für Europa – ein Expeditionsmobil
Bilder
Staubig: auf einer Offroad-Piste bei Port Warrender, einem abgelegenen Küstenbereich am Mitchell Plateau
Bilder
Am Marra Garra Beach, einem abgelegenen Ort im Norden von Western Australia
Bilder
Lagerplatz am Tallaringa Track in Südaustralien
Bilder
Am Maretti River Camp in Western Australia
Bilder
Dacherhöhung beim Toyota

Gab es unterwegs Situationen, die ohne dein Fahrzeug wahrscheinlich nie passiert wären – im Guten oder im Schlechten?

Ich hatte 2022 einen Unfall in Uganda und mein Wagen war eigentlich ein Totalschaden. Aber ein indischstämmiger Werkstattbesitzer hat mich in seine Familie aufgenommen und meinen Wagen wieder zusammengeflickt, sodass ich, die ja fast noch am Anfang meiner 5-jährigen Reise war, weiterfahren konnte.

Bilder
2022: Unfall bei Malay in Uganda
Bilder
Bilder
2022: nach dem Unfall in der Werkstatt in Tororo

Wie reagieren Menschen auf dein Fahrzeug? Gibt es Begegnungen oder Geschichten, die genau deshalb entstanden sind?

Erstens siehe oben und eigentlich ist jeder, der meinen Wagen sieht, begeistert – er ist scheinbar der Inbegriff eines Safarifahrzeugs und der Freiheit, überall hinfahren zu können. Ein bisschen nervig ist die Tatsache, dass mich jede Straßenkontrolle aufhält, wahrscheinlich weil mein Wagen so außergewöhnlich ausschaut und sie neugierig sind. Das führt aber meist zu lustigen Gesprächen und die meisten wollen gleich einsteigen und mitfahren.

Bilder
2023: Mana Pools National Park im Norden Simbabwes am Sambesi

Was liebst du an deinem Fahrzeug? Und was bringt dich manchmal zur Verzweiflung? 😄

Ich liebe die einfache Bequemlichkeit, die er mir für meinen Lebensstil bietet. Ich sitze morgens und abends gerne lange im Bett und mit dem erhöhten Dach ist dies mit ausreichender Kopfhöhe, angelehnt an die Rücken der Vordersitze, eine sehr bequeme aufrechte Sitzposition.

Bilder
2018: mit Morgenkaffee und Laptop am Arbeiten im Bett

Zur Verzweiflung bringen mich mit zunehmendem Alter schlechte Straßen oder Pisten. Als ich noch jung war, konnten die Wege nicht schlecht oder abgelegen genug sein, um sie zu fahren. Heute verfluche ich jedes Schlagloch oder jede Bodenwelle, ganz zu schweigen von langen Wellblechpassagen. Jeder Stoß auf mein Fahrgestell geht mir durch Mark und Bein und ich verfluche den Verschleiß und Stress, den das für den Toyo (das ist der Name meines Land Cruisers) bedeutet.

Bilder
2024: auf der Nationalstrasse bei Pedras Negras in Angola
Bilder
2023: auf der wichtigsten Fernstrasse zwischen Nova Golega und Inhassoro in Mosambik

Wenn du heute noch einmal losfahren würdest: Würde es wieder genau dieses Fahrzeug werden? Warum?

Wahrscheinlich würde ich mir heute einen älteren Land Cruiser ohne Elektronik mit einer kompakten Kabine hinten drauf zulegen. Einfach weil es bequemer ist und noch mehr einem richtigen Zuhause ähneln würde. Aber diesen müsste ich wohl geschenkt, vererbt oder gesponsert bekommen. Meine finanzielle Situation gibt keinen Fahrzeugwechsel her. Müsste ich viel Geld für ein neues Fahrzeug ausgeben, hätte ich kein Geld mehr zum Reisen und dieses Nomadenleben in einem Schneckenhaus zu leben. Also bin ich ganz glücklich mit dem, was ich habe.

Ein ganz normaler Tag im Land Cruiser

Wie sieht ein ganz normaler Tag bei dir unterwegs aus?

Wenn ich ein paar Tage an einem Ort bleibe: Ausschlafen, meist bis 9 Uhr, dann noch 1–2 Stunden im Bett beschäftigt mit Lesen oder Computerkram wie jetzt das Schreiben. Dann einen schönen Kaffee. Ich esse meist erst gegen 12, also kein Frühstück. Dann gibt es immer Haushaltsaufgaben wie Wäschewaschen, Saubermachen, kleine Reparaturen und Vorkochen für die nächsten Tage. Ansonsten entspannen beim Podcasthören und Stricken, baden, wenn am Meer, oder einfach nur die Natur beobachten, wenn in der Wildnis. Kochen und Essen am liebsten noch vor dem Dunkelwerden, da danach immer viele Moskitos und Insekten unterwegs sind. Abends im Dunkeln im Toyo geschützt unter meinem Moskitonetz meist lesen oder Filme schauen. Wenn ich gutes Netz habe, lade ich mir Filme aus den Mediatheken.

Bilder
2022: Lillis Lieblingsplatz am Tiwi Beach in Kenia

Fahrtage: Früh raus, so gegen 7 Uhr, Bett machen und staubsicher verpacken, alles einpacken und verstauen, dauert ca. 1 Stunde. Dann losfahren, meist nur zwischen 100 und 250 km bis zur nächsten Übernachtungsmöglichkeit. Die suche ich meist mit der iOverlander-App. Dort wieder alles auspacken und Camp aufbauen, dann Essen kochen (hoffentlich nur das Vorgekochte warmmachen), 3 l Tee für den Abend und den nächsten Tag kochen und dann wieder das übliche Abendprogramm.

Wenn ich Leute oder andere Reisende kennenlerne, verbringe ich auch gerne viel Zeit mit Gesprächen. Eine Alleinreisende redet eh gerne und viel, manchmal zu viel. 😇


An welchem Ort bist du viel länger geblieben als geplant – einfach weil du nicht mehr weg wolltest?

In Botswana in einem uneingezäunten Camp. Dieses liegt in einem Migrationskorridor und die komplette Wildnis Afrikas marschiert je nach Jahreszeit an dir vorbei. Vorzugsweise viele Elefanten, die dort zu einem speziellen Wasserloch mit Frischwasser kommen, aber auch viele Antilopenarten, Giraffen, Zebras und Gnus. Bereichert sogar mit der Aufregung durch Löwen, Hyänen und andere Raubtiere.

Und in Kenia auf einer Campsite am Indischen Ozean, die sich seit 1988, als ich zum ersten Mal dort war, kaum verändert hat. Dorthin bin ich auch gerade wieder unterwegs als Abschluss meiner fünfeinhalbjährigen Reise jetzt.

Bilder
2026: Camping im Senyati Campsite in Botswana
Bilder
1988: Lilli mit einem Obstverkäufer, Twiga Lodge, Kenia

Überfall, Löwen, Felskante: Nächte, die bleiben

Erzähl uns von einem Abend, den du nie vergessen wirst.

Das ist leider einer, den ich lieber nicht erlebt hätte. Bin auf einer ganz normalen Campsite gegen 9:30 Uhr in meinem Auto sitzend überfallen worden. Man hat versucht, mich aus dem Auto zu zerren, ich hab mich mit Tritten dagegen gewehrt. Leider hat es nicht viel gebracht und mir wurde mein Telefon aus der Hand und mein Laptop vom Schoß gerissen. Zum Glück waren die Räuber nicht bewaffnet, sonst wäre es ggf. schlechter für mich ausgegangen. So blieben nur blaue Flecken und der Schreck und der Verlust meines Smartphones und Laptops. Schon oft wurde ich gefragt, ob ich dabei keine Angst hatte. Aber das dominante Gefühl, an das ich mich erinnern kann, war schlichtweg WUT. Wut, dass diese Kerle in mein privates Reich eindringen und mir etwas wegnehmen wollen.

Dann noch ein Morgen, den ich nie vergessen werde. Damals bin ich in einem Nationalpark in Botswana mitten in einem Löwenrudel aufgewacht. 4 Löwinnen mit 4 kleinen Jungen hatten sich rund um uns (damals war ich noch mit meinem Partner in diesem Toyo unterwegs) niedergelassen. Es war eine heiße Nacht und wir hatten die Hintertüren unseres Toyotas weit offen, als wir durch das Maunzen und Fiepsen der Löwenbabys wach wurden. Wir haben dann erst mal unsere Bettdecke vor unserer offenen Tür befestigt, denn da trennte uns nur das dünne Moskitonetz von den umherliegenden Löwen. Im Dach hat der Toyo eine Luke, die man 180° aufklappen kann. Da hinausschauend mussten wir dann ca. 2 Stunden warten, bis sich die Löwen wieder trollten und wir dann draußen unseren Morgenkaffee kochen konnten.

Bilder
2024: Überfall auf einem Campingplatz in Namibia
Bilder
2024: mit den Löwen auf dem Mabusehube-Camping in Botswana

Wann hast du unterwegs gedacht: “Was zur Hölle mache ich hier eigentlich?” Was war passiert?

Das war einmal in Australien. Um eine gute Fotoposition zu erreichen, fuhr mein Ex zu nahe an den Pistenrand, der unter unserem Fahrzeuggewicht nachgab. So hingen wir schräg mit einem Hinterreifen in der Luft über dem tosenden Meer an einer steilen Felsklippe. Ich sollte dann ganz langsam und bedächtig ohne große Bewegungen vom Beifahrersitz über der Klippe auf den Fahrersitz klettern und mich auf der Fahrerseite weit hinausbeugend an das Fahrzeug hängen, um ein Gegengewicht zu unserem gefährlich schwankenden Gefährt zu erzeugen. Da habe ich mir definitiv gedacht: „Was zur Hölle machst du hier!“


Und wann dachtest du genau das Gegenteil? “Genau deshalb mache ich das.”

Wenn ich wie vor einigen Wochen auf einer Campsite in Botswana sitze und neben mir die Giraffen neugierig über die Büsche lugen und die Elefanten durstig an das nahe gelegene Wasserloch streben – dann weiß ich – das möchte ich erleben – hier bin ich am richtigen Ort.

Bilder
Abgesackt am Shelley Beach im West Cape Howe National Park in Western Australia
Bilder
2025: Giraffe im Camp im Botswana

Pannen und teure Lektionen

Erzähl uns von der Panne, über die du heute selbst lachen kannst.

Ist nicht richtig eine Panne, aber eine lustige Geschichte zu Krankheiten unterwegs, die ich gerne erzähle.

Mit meinem Exmann war ich schon einige Zeit im tropischen Norden Australiens, auf der Cape York Peninsula, unterwegs. Da wir dort nur wild im Busch übernachtet hatten, fand natürlich auch unser Toilettengang im Freien statt. Kleines Loch buddeln, Geschäft erledigen, Klopapier einpacken fürs abendliche Lagerfeuer und danach das Loch und das Ausgeschiedene mit Erde bedecken und schön glatt stampfen. Alles nach Outdoor-Vorschrift! Doch – bei einem letzten Blick auf das Verdauungsprodukt – oh weh – da wiggeln sich doch kleine weiße Würmer in dem weichen Stuhl. Und das Verstörende, das betrifft nicht nur mich, sondern auch meinen Reisepartner.

Wir haben uns also irgendwo Würmer aufgesackt.

Leichteste Lösung, in der nächsten größeren Ansiedlung in eine Apotheke, Wurmmittel gekauft und brav über mehrere Tage eingenommen.

Und der Erfolg nach ein paar Tagen: Die Würmer sind weg.

Aber es dauert nicht lang und die Parasiten sind wieder da, wiggeln sich wieder fröhlich in unseren Häufchen.

Also noch mal in die Apotheke und diesmal im privaten Gespräch mit der Apothekerin, die sich das alles auch nicht erklären kann, ein stärkeres Wurmmittel gekauft. Wieder brav nach Vorschrift angewendet und – was denkt ihr? Das gleiche Spiel geht von vorne los – Würmer weg – Würmer kommen wieder …

Mittlerweile waren wir an der äußersten Spitze Cape Yorks in Bamaga angekommen. Dort wussten wir uns keinen anderen Ausweg, als uns im dortigen Krankenhaus mit dem Problem einer andauernden Wurmerkrankung vorzustellen.

Nur hatte man dort auch keine richtige Erklärung und schickte uns mit einem weiteren, diesmal garantiert sehr starken Entwurmungspräparat wieder weg.

Und nun kommen wir zum Ende der Geschichte – wir sitzen mit anderen Reisenden am Abend am Lagerfeuer am Strand und es kursieren wie immer alle möglichen Geschichten. Plötzlich bekam ich ganz lange Ohren. Mein Gegenüber berichtete von Würmern im Stuhl und seiner Entdeckung dabei – es sind keine Würmer, sondern lebendige Maden, die von den allgegenwärtigen Fliegen in Australien auf den frischen und noch weichen Ausscheidungen lebend geboren werden. Die australischen Fliegen haben sich also an die hauptsächlich trockenen Gegebenheiten im australischen Outback adaptiert, dass sie keine Eier auf passende Nahrungsquellen legen, sondern gleich lebende Maden, die dann mit ihrer Schnelligkeit, sich einzugraben, viel bessere Überlebenschancen haben. Unsere „Würmer“ waren also in Wirklichkeit gar keine Darmparasiten, sondern Fliegenbabys. Und diese Maden bohren sich in den weichen Haufen und wiggeln sich nicht heraus, wie wir immer passend zu Würmern beobachtet hatten.

Ich wurde vor Scham ganz still und hab natürlich überhaupt nichts dazu gesagt. Zu groß empfand ich meine Schande als erfahrene Reisende, so etwas nicht gewusst zu haben.

Das starke Wurmmittel blieb noch eine Weile unberührt in unserer Reiseapotheke, man weiß ja nie!

Worüber ich mich aber im Nachhinein sehr gewundert habe, war auch das Nichtwissen all der uns beratenden Gesundheitsexperten in Apotheke und Krankenhaus. Aber die erleichtern sich bestimmt nur in modernen Wassertoiletten, wo alles gleich weggespült wird. Keiner von ihnen wird wohl je im Busch sein Loch gebuddelt und beim Zuschütten entsprechende Beobachtungen gemacht haben.

Bilder
Am Cannibal Creek auf der Cape-York-Halbinsel im äussersten Norden von Queensland, Australien

Was war die teuerste Lektion deiner Reise? Nicht nur finanziell.

Mein Exmann ist Automechaniker und während unserer gemeinsamen 10-jährigen Reisezeit brauchte ich mich nie um Wartung oder Reparaturen an unseren Reisefahrzeugen zu kümmern. Ölverschmierte Hände oder schmutzige Finger sind mir auch ein Gräuel, deshalb mag ich nicht an Autos rumschrauben. Nach unserer etwas unschönen Trennung blieb ich mit unserem afrikanischen Fahrzeug, dem alten Toyota HJ60, alleine. Wahrscheinlich aus einem Verdrängungsmechanismus heraus habe ich mich die ersten Monate meiner Soloreise überhaupt nicht um die Wartung meines Reisegefährts gekümmert. Das ging so weit, bis mir unterwegs der Kraftstofffilter geplatzt ist und ich gesehen habe, welcher Dreck sich darin angesammelt hatte.

Im Grunde genommen habe ich eineinhalb Jahre gebraucht, bis ich wirklich die volle Verantwortung für meinen Toyota übernommen habe. Ihn als das zu behandeln, was er ist, nämlich das Vehikel, welches mich an die Orte bringt, die ich erreichen möchte. Dieses Verdrängen hat mich viel Lehrgeld gekostet. Und ich musste lernen, den einheimischen Mechanikern zu vertrauen und auch zu akzeptieren, wenn etwas falsch gemacht wurde. Denn keiner kann natürlich den Wagen so gut kennen wie ein Schrauber, der permanent an einem Fahrzeug dran ist, im Gegensatz zu einem x-beliebigen Mechaniker, der den Wagen zum ersten Mal sieht.


Was würdest du heute komplett anders machen – und warum?

Dazu kann ich auch nichts sagen. Ich habe immer nach meinen Möglichkeiten gehandelt. Ich glaube nicht, dass ich meiner Persönlichkeit entsprechend andere Entscheidungen hätte treffen können. Insofern zeigt mir meine Rückschau nur, dass ich zu meinen Entscheidungen stehen und sie und ihre Konsequenzen akzeptieren muss. Sie liegen in der Vergangenheit, die nicht mehr zu ändern ist. Man kann aber für die Zukunft daraus lernen und all die Erfahrungen machen den Menschen aus, der ich heute bin.

Bilder
2017: der verdreckte Filter des Toyota in Uganda

Begegnungen: „Eine Freiheit, die UNBEZAHLBAR ist“

Welcher Mensch geht dir bis heute nicht mehr aus dem Kopf? Warum?

Es gibt eigentlich viele Menschen, die man als Langzeitreisender trifft und die einen mit ihren Geschichten und Erfahrungen bereichern. Als ich mal wieder auf einem Tiefpunkt mit den teuren Reparaturen meines alten Toyotas war, brachte ein Reisefreund mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Eindringlich erinnerte er mich: „Hör auf, dich zu beklagen, wie viel Geld du in dieses alte Fahrzeug steckst. Ja, er ist alt und sicherlich hat er mit den Jahren viele Schwachstellen bekommen. Aber er, der Toyo, kann immer repariert und wieder zum Fahren gebracht werden. Und du bekommst dadurch, dass du mit diesem Auto so ein freies Leben führen kannst, eine so große persönliche Freiheit, die UNBEZAHLBAR ist.“

Diesen Rat führe ich mir immer wieder vor Augen und erneuere für mich die Dankbarkeit dafür, dass ich so ein Leben führen darf.


Gab es eine Begegnung, die dich verändert hat? Eine Geschichte, die du nie vergessen wirst?

Ich habe einmal in Tansania einen Mann getroffen, mit dem ich längere Zeit am Strand des Indischen Ozeans in einem kleinen Dorf ein Gespräch geführt habe. Wir sprachen über Entwicklungshilfe und wie die 1. Welt die 3. Welt unterstützt und Hilfe bringt. Er fragte mich, ob ich denke, dass Afrika auch mal in der Lage sein würde, uns, Europa, zu helfen. Und ich antwortete: „Ja, davon bin ich fest überzeugt.“ In Afrika hat die heutige Menschheit ihren Ursprung, seit 2,5 Millionen Jahren leben und überleben die Menschen hier. Und ich denke, sie werden auch noch in den nächsten 2,5 Millionen Jahren hier auf diesem Kontinent überleben und es wird sicher der Zeitpunkt kommen, wo sie uns überzivilisierten Menschen helfen können.


Gab es unterwegs jemanden, der dir geholfen hat, obwohl er eigentlich keinen Grund dazu hatte? Was ist passiert?

Dazu fällt mir die Geschichte meiner ersten Panne mit dem Toyo ein. Wie schon weiter oben berichtet, hab ich die Wartung meines Reisegefährten am Anfang sträflich vernachlässigt. So bin ich auch mit einem schon bedenklich ausgefransten Keilriemen losgefahren. Und wie es kommen musste, riss dieser Keilriemen dann auch mitten im Busch auf einer kleinen Piste in Kenia. Ich stand ziemlich verzweifelt mit offener Motorhaube am Wegesrand, als neben mir ein Safarifahrzeug voll mit Touristen anhielt. Der Fahrer stieg aus, um sich zu erkundigen, was mein Problem sei.

Keilriemen gerissen – kein Problem – hast du Ersatz und Werkzeug dabei? Habe ich (habe ja alles von meinem Mechaniker-Ex übernommen 😇) – gut! Keilriemen wechseln ist ja kein Problem, ich mache das eben, sagte der Fahrer. Allerdings musste er dann feststellen, dass es bei meinem verbastelten Auto doch etwas komplizierter zu sein schien. Und er hatte schließlich Gäste an Bord, die zur nächsten Lodge gebracht werden sollten. Also hielt er kurzentschlossen einen der allgegenwärtigen Motorrad-Taxi-Fahrer an und schickte ihn mit dem Auftrag los, im nächsten Dorf einen Mechaniker mit dem entsprechenden Werkzeug zu finden, um einen Keilriemen zu wechseln und hierher zu mir zurückzukommen. Kaum 45 Minuten später kam dieses Gespann dann auch angeknattert und mein Ersatzkeilriemen war in einer weiteren halben Stunde drin. Diese Reparatur war auch nicht teuer – in einer dörflichen Umgebung schwimmen beim Anblick einer Ausländerin die Dollarzeichen noch nicht in den Augen. 😂

Bilder
2017: erste Panne in Kenia, mitten auf der Kinangoni Road streikt der Toyota, der Keilriemen ist hin

Geld, Rente, Unsicherheit: wie Lilli das Reisen finanziert

Wie finanzierst du dieses Leben? Und wie gehst du mit der Unsicherheit um, die damit vielleicht verbunden ist?

Früher habe ich gearbeitet, Geld gespart, gereist, gearbeitet …

Während der 10 Jahre, die ich mit meinem Ex unterwegs war, nachdem wir unsere Fahrzeugbaufirma für Expeditionsmobile aufgegeben hatten, fingen wir schon an, unterwegs zu arbeiten. Er als Allround-Handwerker und ich habe im Management von Lodges und Camps in Tansania gearbeitet. Das habe ich nach meiner Trennung auch noch weitergeführt und damit gutes Geld verdient, von dem ich wieder mehrere Monate über die Runden kommen konnte.

Bilder
2017: Lilli mit einem Safari-Fahrzeug auf der Hatari Lodge in Tansania

Dann habe ich Ersparnisse bis jetzt (wer weiß, was kommt) gut angelegt und bekomme seit ein paar Jahren eine ganz kleine Rente. Wenn ich nicht viel fahre, jeder Kilometer kostet mich Erspartes, komme ich damit über die Runden. Ob ich dieses Leben nach meinem 70. Geburtstag noch weiter finanzieren kann, wenn die Reisekrankenversicherung sehr teuer wird, wird sich dann zeigen. Aber auf jeden Fall möchte ich mein Vagabundenleben möglichst so lange es geht weiterführen.

Ich habe gelernt, diese Unsicherheit zu akzeptieren. Ich habe in meinem Leben entsprechende Entscheidungen getroffen, die im Nachhinein nicht mehr umkehrbar sind. Dafür lebe ich seit 2001 ein Leben mit Reisen und seit 2012 mit sehr viel persönlicher Freiheit, die, wie oben schon erwähnt, einfach unbezahlbar ist.


Was war unterwegs dein grösster Luxus – obwohl er kein Geld gekostet hat?

Mein größter Luxus ist meine persönliche Freiheit, die kostet aber schon Geld. In einer anderen Form von Lebenshaltungskosten. Aber ich habe eben die Freiheit, jederzeit zu entscheiden, in welche Richtung ich mich wenden möchte und wie lange ich irgendwo bleiben möchte.

Aber zur Frage größter Luxus. Immer dann, wenn ich eine Badewanne mit heißem Wasser zur Verfügung habe, oder wie gerade einen 41° warmen Quellsee, ist das für mich das ultimative Wohlfühlszenario.

Bilder
2026: bei den Kapisha Hot Springs in Sambia

Solo unterwegs in Afrika: das Beste und das Beschissene

Du bist alleine unterwegs. Was ist das Beste daran?

Immer wieder die persönliche Freiheit, die ich sehr zu schätzen gelernt habe.

Aber in meinem Fall auch eine gewisse Vervollkommnung meines persönlichen Reisestils. Speziell auf meinem Herzenskontinent Afrika. Auf den ersten Reisen mit meinem ersten Partner habe ich für mich Afrika erobert und schätzen gelernt. Mit meinem zweiten Partner habe ich noch viel mehr entdeckt und sehr spannende Touren gefahren. Jetzt perfektioniert sich das Reisen in Afrika für mich und ich entdecke MEIN Afrika, was mich vollkommener macht, meine eigenen Erinnerungen erzeugt und sehr erfüllt. Das wäre ohne das Alleinreisen nach all meinen vorherigen Erlebnissen nicht möglich gewesen.

Bilder
2018: Camping mit Elefanten im Gonarezhou Nationalpark in Simbabwe

Und was ist manchmal richtig beschissen?

Dass ich jede Entscheidung ganz alleine fällen muss und sie mir niemand abnehmen kann. Das bezieht sich bei mir besonders auf fahrzeugtechnische Entscheidungen. Denn auch wenn ich mein Fahrzeug nicht selbst repariere, es aber selbst am besten kenne, muss ich doch bei jedem technischen Problem allein entscheiden, was gemacht werden und wie es weitergehen soll. Und hinter dieser Entscheidung stehen, auch wenn ein Mechaniker Mist baut. Auch da muss ich akzeptieren, dass er seinem Wissensstand entsprechend wahrscheinlich sein Bestes gegeben hat, auch wenn mich die Korrektur seines Fehlers wieder viel Geld kostet. Dann bemühe ich mich, diese Summen möglichst schnell zu vergessen und als Lebenshaltungskosten abzuschreiben. Das gelingt mir mit den Jahren immer besser. 😇


Glaubst du, deine Reise wäre eine andere geworden, wenn du sie mit jemandem geteilt hättest?

Natürlich wäre sie eine andere geworden, denn in einem Team ist man immer gezwungen, Kompromisse zu machen. Ich mag diese Kompromisse aber nicht mehr machen und deshalb ist es auch entsprechend schwer, einen passenden Reisepartner zu finden. Das ist mir auf meiner jetzigen Reise nur mit einer Frau gelungen, die mit ihrem eigenen Fahrzeug auch solo unterwegs ist, den gleichen Reisestil wie ich hat und sich meiner langsamen Reisegeschwindigkeit komplett anpasst. Ich denke, das tut sie um meiner Gesellschaft willen, weil wir uns sehr gut verstehen, obwohl wir einen ganz unterschiedlichen Tagesrhythmus haben. Für mich ist so jemand natürlich sehr angenehm, denn da muss ich keine Kompromisse machen.

Bilder
2019: der treue Toyota hat in Namibia einen Motorschaden
Bilder
2023: Lilli und Silvi mit dem grünen Bus

Klischees, Social Media und die Realität

Hand aufs Herz: Welche Frage kannst du wirklich nicht mehr hören?

Wie viele Kilometer hat dein Toyo gefahren? Erst mal weiß ich es nicht, denn der Kilometerstand bei Fahrzeugkauf war garantiert geschönt und zurückgedreht (haben wir allerdings erst später herausgefunden) und mein Tacho ist schon seit Jahren kaputt. Zudem bin ich kein Statistiker, schreibe also keine Kilometerstände, Dieselverbräuche, Nächte im Toyo etc. auf. Ich fahre mit einem digitalen Tacho, der mir meine Geschwindigkeit anzeigt und meine gefahrenen Kilometer aufaddiert. Wenn ich ungefähr 5000 gefahrene Kilometer erreiche, braucht der Toyo Zuwendung und einen Ölwechsel. Das reicht mir und ihm. 😇


Was glauben viele Menschen über dein Leben unterwegs – obwohl es überhaupt nicht stimmt?

Wahrscheinlich, dass es leicht und unbeschwert ist, aber genau kann ich das nicht sagen. Manchmal kommt der Vorwurf, dass ich mich durchschmore. Das basiert aber mehr auf Neid als auf realen Grundlagen. Natürlich werde ich oft eingeladen und nehme dies auch an. Aber ich habe auch gelernt, dass sesshafte Menschen die Gesellschaft einer Nomadin wie mir schätzen, meine Geschichten lieben und die Gastfreundschaft gerne geben.


Was wird auf Social Media über das Reisen romantisiert, obwohl die Realität manchmal ganz anders aussieht?

Auf Social Media kann man nur Momentaufnahmen zeigen und man neigt dazu, natürlich nur die schönen, aufregenden oder besonderen Augenblicke zu zeigen. Das entspricht dann nicht der Realität. Man sieht viel Vermüllung und Armut, aber auch langweilige, triste Landschaften und Städte. Man denkt dann, die sind kein Bild oder Video wert, es sei denn, man hat ein spezielles Projekt und möchte mit schockierenden Bildern aufrütteln. Diese Kontraste können auch nur sehr spezielle gute Fotografen einfangen, z. B. ein lächelndes Kind auf einem Müllhaufen oder ein genügsamer Mensch in einer zerstörten Umgebung.

Für mich bedeutet Social Media, mein Leben zu teilen. Ich habe das auch erst angefangen, seitdem ich alleine reise. Vorher hatte ich kein Verlangen danach, mein Leben zu teilen. Aber ich kann gut zu meinen Bildern eine Geschichte erzählen und diese Gelegenheit bietet mir Social Media. Es gibt viele gute Bilder, aber ein Bild ohne Geschichte ist eigentlich wertlos, das kann die KI bald viel besser. Aber ein Bild einzufangen, welches beim Betrachter eine Geschichte im Kopf erzeugt, gelingt nur sehr wenigen Menschen und mir auch nur gelegentlich. Aber mit einem Bild und der entsprechenden Geschichte kann ich die Menschen erreichen und wenigstens meine Realität zeigen.

Bilder
2026: es wird gestrickt vor dem Landcruiser in Sambia

Was hat dir das Unterwegssein beigebracht, das dir keine Schule der Welt hätte beibringen können?

Vor allem seit ich alleine reise, dass man eigentlich überall Hilfe bekommt, wenn man sie braucht. Grundsätzlich sind die Menschen freundlich und hilfsbereit.


Welche Meinung hattest du vor deiner Reise – und würdest heute das komplette Gegenteil behaupten?

Vor meinen Reisen? Das liegt ja jetzt schon fast 50 Jahre zurück. Ich kann mich echt nicht mehr daran erinnern, was ich damals gedacht habe.

Aber eine Sache hat sich geändert. Als ich jünger war, konnte kein Punkt zu abgelegen, keine Piste zu schlecht sein, um dort nicht hinzufahren. Ich habe dann meine Partner, die ja damals die „Vehikel“ zu meinen Wünschen waren, angetrieben und war sehr enttäuscht, wenn wir es nicht schafften, an gewisse Ziele zu gelangen, z. B. als wir 1988 in der Regenzeit im Kongo umkehren mussten, weil der Weg für ein Fahrzeug unpassierbar wurde. Heute, nachdem ich selber fahren muss, um an bestimmte Punkte zu kommen, kann ich es nachvollziehen, dass man abbricht.

Mittlerweile mag ich persönlich keine schlechte Piste mehr fahren, jedes Schlagloch tut mir in der Seele weh und bei jeder Wellblechpiste habe ich das Gefühl, dass mein geliebter Toyo auseinanderfällt und ich nach der Strecke wieder teure Reparaturen bezahlen muss. Insofern hat sich hier meine Einstellung um 180° geändert, aber es hängt wohl auch damit zusammen, dass ich schon sehr viel gesehen und erlebt habe und es in meinem Alter nicht noch einmal auf Gedeih und Verderb heraufbeschwören muss. Ich war schon in sehr vielen brenzligen Situationen, sodass ich es heute vermeide, da überhaupt in die Nähe zu kommen. Obwohl sich das nie vermeiden lässt. Eine einzige Umleitung, z. B. weil eine Brücke weggespült worden ist, kann schon ins Desaster führen und dann gilt halt wieder „Augen zu und durch“!

Bilder
1988: mit dem Land Rover im Kongo
Bilder

Wenn du deinem “Ich” vor der Abreise einen einzigen Satz mitgeben könntest – welcher wäre das?

Nimm das, was du hast, und versuche das Beste daraus zu machen und dann geh deinen Weg – alles andere wird sich ergeben.


Wann hast du unterwegs zuletzt gedacht: “Verdammt … was habe ich für ein Glück, dass ich dieses Leben führen darf.” Was ist in diesem Moment passiert?

Das denke ich eigentlich ziemlich oft und natürlich besonders in Momenten, wo ich mich rundherum wohlfühle. Jetzt gerade, wo ich an dieser heißen Quelle mitten im Wald bin und diese Idylle genießen darf.

Aber ich denke auch manchmal das Gegenteil – nach dem Motto – muss ich mir das antun. Besonders wenn ich für sehr primitive Einrichtungen viel Geld zahlen soll. Das letzte Mal in einer engen Dusche, wo dich der kalte Wasserstrahl beim Aufdrehen des Hahns sofort trifft, kein einziger Haken für Kleidung oder Handtuch da ist, die Türe nicht schließt und man sich dazu noch im Freien auf einem gut beleuchteten Platz nackt ausziehen muss, weil die Dusche zu eng ist, um sich auch nur umzudrehen, und alles rundherum dreckig ist.

Aber dann komme ich gedanklich schnell wieder zu dem wesentlichen Punkt zurück – ich nehme das in Kauf, um möglichst lange dieses Leben leben und reisen zu können.


Was bedeutet für dich persönlich „One Life. Live It.“?

Ich wusste schon früh, was ich wollte – Reisen – darauf habe ich immer meinen Fokus gelegt. Mich mit einer Karriere, Kindern oder Krediten festzulegen und abhängig zu machen, davor bin ich instinktiv immer zurückgeschreckt. Auch hat es mir mein familiäres Umfeld leicht gemacht, mich zu lösen und eigenverantwortlich mein Leben zu bestimmen. Ich bin nie zu Reichtum gekommen, hatte aber zwei lange, für mich passende und bereichernde Partnerschaften. Die Entscheidungen, die ich getroffen habe, um dieses Reiseleben möglichst unbeschwert und mit geringen Kosten leben zu können, habe ich gelernt zu akzeptieren. Es gibt kein Zurück. Ich vermisse, eine Heimat zu haben und einen Platz, der mir gehört und von dem mich niemand vertreiben kann. Aber das muss ich akzeptieren. So bleibe ich ein Wanderer zwischen Ländern, solange es geht. So hat sich mein Leben entwickelt und so lebe ich es.

Bilder
1984: Lilli auf den Dünen in Algerien

Wenn jemand nach dem Lesen deiner Geschichte ebenfalls den Mut findet loszufahren – was möchtest du ihm oder ihr mit auf den Weg geben?

Es gibt immer einen Weg. Man darf sich nicht aufhalten lassen. Und unterwegs findet man meist mehr Hilfe, Freundlichkeit und Zugewandtheit, als man es sich vorstellen kann. Also nix wie los!


Lillis Reisen und Fahrzeuge

  • 1879: Marokko in einem Land Rover 109
  • 1882/1983/1984: Die Sahara in einem Land Rover 109
  • 1985 und 1986: Rucksackreisen in Südostasien
  • 1987–1990: Erste Überlandreise durch Afrika in einem Land Rover 109
  • 1990–1993: Auswanderung nach Südafrika in einem Land Rover 109
  • 1993: Einstieg in das Unternehmen meines zweiten Partners und Bau des Magirus-Expeditions-Lkws
  • 1997–2012: gelber Magirus Deutz 170D als Wohn- und Reisefahrzeug in der Sahara und in Europa
  • 2002–2003: Zweite Überlandreise durch Afrika in einem grauen Magirus Deutz 170D
  • 2003–2004: Überlandreise durch Afrika in einem weißen Toyota HJ60
  • 2004–2005: Australien in einem Toyota HJ47 Bushambulance
  • 2005–2008: Überlandreise durch Afrika in einem weißen Toyota HJ60
  • 2008–2009: Australien in einem Toyota HJ47 „Bushambulance“
  • 2009–2010: Überlandreise durch Afrika in einem weißen Toyota HJ60
  • 2010–2012: Überlandreise durch Afrika in einem orangefarbenen Toyota HJ60 mit Dachaufsatz
  • Seit 2012 reise ich nach meiner Trennung alleine
  • 2012–2013: VW-Bus
  • 2013–2020: Hymer-Wohnmobil in Deutschland und Europa
  • 2016–2020: Toyota HJ60 (orange) als alleinreisende Frau in Afrika
  • 2021–heute (bis 2027): Toyota HJ60 (orange) als alleinreisende Frau in Afrika


Das Albino-Projekt in Uganda

Gibt es ein Projekt, einen Menschen oder eine Initiative, die dir unterwegs besonders ans Herz gewachsen ist? Oder etwas, das wir unbedingt mit der OLLI-Community teilen sollten?

Als ich in Uganda unterwegs war, ist mir ein Projekt besonders aufgefallen. Ein einheimischer Lehrer, der sich speziell um Albinos kümmert. Er hat sein Projekt ganz alleine und ohne fremde Hilfe einer ausländischen Entwicklungsorganisation aufgebaut. Speziell Albinokindern soll damit Schulbesuch und Ausbildung ermöglicht, sowie erwachsenen Albinos eine eigene Lebensgrundlage verschafft und an Hautkrebs erkrankten Albinos Zugang zu medizinischer Hilfe gewährt werden.

Mir war bis dato nicht so klar gewesen, welchem besonderen Schicksal Albinos in Afrika besonders durch Aber- und Hexenglauben ausgesetzt sind. Der Albinismus ist durch einen speziellen afrikanischen Gendefekt ungleich vielfach in Afrika verbreitet.

Albinos werden häufig als Ausgeburt eines weißen Dämons verstoßen, ihre Körperteile werden von Zauberern und indigenen Heilern gehandelt. Babys und Kinder werden deshalb entführt und nicht selten getötet, sogar von ihren eigenen Vätern oder Müttern. Dazu muss man wissen, dass sich das Albinismus-Gen nur dann weitervererben kann, wenn beide Elternteile es tragen, obwohl in afrikanischen patriarchalischen Gesellschaften meist die Mütter für die Ausgeburt verantwortlich gemacht werden. Der Albinismus ist oft kombiniert mit einer Augenerkrankung, d.h. die Kinder brauchen nicht nur Schutz auf dem Schulweg vor Entführung, sondern in den Schulen auch eine Sonderbehandlung wegen ihres verminderten Sehvermögens. Dabei sind sie meist hochintelligent und sehr strebsam. Ihre Anfälligkeit für Hautkrebs bremst sie in der afrikanischen Sonne sehr aus und meist sind sie sich dieser Anfälligkeit nicht bewusst und könnten sich teure Sonnencremes als „Sonderbehandlung“ gar nicht leisten.

Michaels großer Wunsch, ein spezielles Internat für Albinos aus ganz Uganda zu gründen, wurde durch die Corona-Pandemie vereitelt, doch heute hat er zusätzlich zu einem kleinen Marktladen, den seine Frau betreibt, ein Safariunternehmen gegründet, um damit die Mittel, ein Internat unterhalten zu können, zu erwirtschaften. Langsam aber sicher nähert er sich seinem Ziel und ich unterstütze ihn gerne mit meiner Sichtbarkeit auf sozialen Medien dabei. Sei es, Reisende nach Uganda um Kleiderspenden für langärmlige Kleidung und Hüte zu bitten oder in Uganda nicht erhältliche Substanzen, um damit die erforderliche Sonnencreme billig und selbst in Uganda herstellen zu können, nach Uganda zu bringen.


Folge Lilli auf:

Bilder
2022: bei den Albinokindern in Uganda

OLLI – ONE LIFE. LIVE IT.
Newsletter abonnieren

Keine Floskeln. Kein Spam. Kein Bullshit. Dafür echte Geschichten, neue Fahrzeuge, frisches Equipment und alles, was draußen zählt. Jeden Freitag in deinem Postfach.

Cookies. So einfach ist das.

Wir brauchen sie, damit OLLI funktioniert – und damit wir verstehen, was euch bewegt. Damit du das findest, was dich wirklich interessiert. Deine Daten bleiben bei uns. Kein Handel. Kein Hokuspokus. Keine Tricks. Kein Bullshit. Mehr dazu in unserer Cookie Policy