Mit 60 allein durch Afrika – wie Dot Bekker den Weg nach Hause fand

Mit 60 allein durch Afrika – wie Dot Bekker den Weg nach Hause fand

Mit 60 Jahren steigt Dot Bekker allein in einen 20 Jahre alten Van und fährt von Luxemburg bis nach Simbabwe – 20.000 Kilometer, 17 Länder, unzählige Begegnungen. Was als Reise zurück in die Heimat begann, wurde zu einer Reise zu sich selbst. Heute lebt sie in einer ländlichen Gemeinschaft, schafft Chancen für Frauen und Jugendliche und weiß: Es ist nie zu spät, das eigene Leben radikal zu verändern.

Wir sprechen mit Menschen, die ihr Leben anders leben – bewusst, mutig, manchmal radikal. Nicht, um zu beeindrucken. Sondern um zu inspirieren, zu hinterfragen und zu zeigen: Es geht auch anders. Und das ist okay.

Hier geht’s nicht um Floskeln. Nicht um Hochglanz. Sondern um echte Antworten – auf die Fragen, die man sich am Lagerfeuer stellt, wenn keiner mehr Smalltalk macht. Denn wer unterwegs ist, hat viel zu erzählen. Und oft mehr zu geben, als man denkt.

"Vielleicht sitze ich nie im Schatten der Bäume, die ich pflanze – aber ich weiß, dass sie wachsen."

Ein Gespräch mit Dot Bekker – die mit 60 Europa verlässt – allein, im alten Van, Richtung Afrika. 17 Länder später erreicht sie Simbabwe, das Land ihrer Kindheit. Was als Reise zu sich selbst begann, wurde zu einer Rückkehr mit neuer Bestimmung: In einer ländlichen Gemeinschaft schafft sie heute Chancen für Frauen und Jugendliche, pflanzt im übertragenen und wörtlichen Sinn Samen für die Zukunft.

In diesem Gespräch erzählt sie von staubigen Pisten und offenen Herzen, vom Loslassen und Ankommen – und davon, wie man sein Leben auch dann noch radikal verändern kann, wenn andere glauben, es sei zu spät.

„Ich wusste, dass ich diese Reise machen musste, um zu der Person zurückzukehren, die ich wirklich bin.“

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"Wow! Ich liebe diese marokkanischen Fliesen."

Über dich und deinen Weg

Erzähl kurz von dir: Wer bist du? Seit wann bist du unterwegs? Was hast du bereits gemacht? Wo bist/lebst du gerade? Und was steht als Nächstes an?

Ich bin eine ganz gewöhnliche Frau, die ein ungewöhnliches Leben geführt hat. Geboren in Simbabwe, lebte ich dort bis in meine frühen Zwanziger. Dann zog ich mit meinem ersten Ehemann nach Südafrika – ihn verlor ich tragisch bei einem Unfall, als ich 26 war und er 30.

Etwa zehn Jahre später lernte ich meinen zweiten Mann kennen und heiratete ihn. Kurz darauf zogen wir nach Großbritannien, wo wir elf Jahre blieben, anschließend vier Jahre nach Portugal und danach vier Jahre nach Luxemburg – wo ich meinen zweiten Mann abservierte und beschloss, mein Leben zu ändern. Ein Jahr lang lebte ich dann in Spanien, um meine Rückreise nach Simbabwe auf dem Landweg vorzubereiten. Man kann also sagen: Ich war schon viel unterwegs – und das zählt nicht einmal meine Reisen in die USA, den Fernen Osten und quer durch Europa.

Mein erstes Unternehmen gründete ich mit 29. Seit fast 25 Jahren arbeite ich als Unternehmensberaterin und Coach.

2016, kurz vor meinem 58. Geburtstag, wurde mir klar: Die 60 steht vor der Tür. Das traf mich wie ein Schlag. Ich hatte zwar viel Zeit, mich darauf vorzubereiten, aber ehrlich gesagt hatte ich die letzten 20 Jahre meines Lebens wie im Schlafwandel verbracht, in einer zunehmend schwierigen und unglücklichen Ehe mit jemandem, bei dem schließlich (nachdem ich ihn verlassen hatte) eine bipolare Störung und manische Depression diagnostiziert wurde.


Erinnerst du dich an den Moment, an dem du zum ersten Mal gespürt hast: Ich will raus. Ich will mehr vom Leben?

Das wurde mir nach einem Frauenworkshop zum Thema Selbstvertrauen und Macht bewusst. Wieder einmal stritt ich mit meinem Mann, als mir plötzlich klar wurde: In vielen Bereichen meines Lebens habe ich Macht und Selbstvertrauen – nur hier nicht. Also drehte ich mich um und sagte: „Ich gehe. In den nächsten drei Monaten packe ich meine Sachen – und dann bin ich weg.“ Er wirkte nicht einmal überrascht, vielleicht hatte ich so etwas schon früher gesagt. Aber diesmal war es ernst.

In diesen drei Monaten hatte ich Zeit, darüber nachzudenken, was ich tun wollte. Ich beschloss, das wenige Geld, das ich hatte, zu nutzen, um nach Simbabwe zu fahren und mehr von Afrika zu entdecken. Und nicht zuletzt wusste ich: Diese Reise musste ich machen, um wieder zu der Person zu werden, die ich wirklich war – oder die ich vielleicht immer hatte sein wollen.

„Mit 60 allein durch Afrika zu fahren – fast jeden Tag passierte etwas, das mein Herz öffnete.“

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Helfende Hände befreiten Dot in Mauretanien aus dem Sand.

Wie sah dein Alltag unterwegs aus?

Mit 60 als alleinstehende Frau allein durch Afrika zu fahren, war das Abenteuer meines Lebens. Fast jeden Tag passierte etwas Unerwartetes. Die Reise brachte mich zu mir selbst zurück, ließ mich meinen Mut und meine Stärke erkennen – und die Wärme der afrikanischen Sonne und Menschen schenkte mir meine Lebensfreude zurück.

Was war der bislang schönste Ort, an dem du länger geblieben bist – und warum?

Ich muss zugeben: Auch wenn ich jedes der 17 afrikanischen Länder, die ich auf meiner „Going Home to Africa“-Reise durchquert habe, geliebt habe, war die Rückkehr nach Simbabwe für mich das Schönste. Ich liebe die Landschaften, die Herzlichkeit der Menschen, das Klima. Natürlich gibt es auch Dinge, die man nicht mag – aber nach dem Leben in so vielen Ländern weiß ich: Das Paradies existiert nicht. Es gibt nur Dinge, die man liebt, und Dinge, die man nicht liebt. Man muss einfach entscheiden, was für einen selbst überwiegt.

Gab es Momente, an denen du alles hinschmeissen wolltest?

Auf meiner Reise gab es viele Herausforderungen – die größte war die ständige, extreme Hitze und Luftfeuchtigkeit. Dazu kamen korrupte Grenzposten, schlechte Straßen und unerwartete Verzögerungen. Aber ich kann ehrlich sagen: Kein einziges Mal dachte ich „Ich bin weit genug gekommen, ich kehre um“. In Wahrheit gab es nichts, wohin ich hätte zurückkehren können – der einzige Weg war vorwärts, Schritt für Schritt.

„Das Paradies existiert nicht. Es gibt nur Dinge, die man liebt – und Dinge, die man nicht liebt.“

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Dot hat als Einzige eine Rettungsweste auf der Fähre in Senegal bekommen – vielleicht dachten sie, sie könne nicht schwimmen.

Wenn du deinem früheren Ich vor der Abreise einen Satz sagen könntest – welcher wäre das?

Die andere Seite ist es wert!


Die Frage, die sich alle stellen

Wie finanzierst du dieses Leben? Und wie gehst du mit der Unsicherheit um, die damit vielleicht verbunden ist?

Ehrlich gesagt weiß ich nicht genau, wie ich mein Leben finanziere – es ergibt sich einfach. Irgendwie gibt es immer jemanden, der mir hilft, oder es kommt Arbeit herein, mit der ich etwas bezahlen kann. In den letzten Jahren habe ich viel Zeit in Gemeinschaftsprojekte investiert und verdiene dafür eine kleine Provision, die mich einigermaßen über Wasser hält.

Das Wichtigste ist aber: Ich habe mein Leben stark verkleinert. Ob unterwegs oder – wie jetzt – in einer ländlichen Gegend, es gibt viele Dinge, auf die ich verzichte, ohne dass es mir schadet. Ich habe kein fließendes Wasser, nur eine kleine Solaranlage und ein unfertiges, aber bewohnbares Haus – und das reicht.


Unterwegssein als Lebensprinzip

Was bedeutet Reisen für dich – jenseits von Postkartenmotiven und Bucketlists?

Reisen bedeutet, den eigenen Horizont zu erweitern – im wahrsten Sinne des Wortes. Es heißt, das Leben in seinen vielen verschiedenen Formen und Facetten zu sehen. Und vor allem heißt es, die erstaunliche Schönheit dieses Planeten zu erleben – und all die Gründe zu erkennen, warum wir ernsthaft beginnen müssen, ihn zu bewahren.


Hat sich dein Blick auf die Welt durch das Unterwegssein verändert?

Bis ich 27 war, war ich nur in Simbabwe oder in Südafrika gewesen. Ich war blind, voreingenommen und, ehrlich gesagt, naiv. Doch dann begann ich zu reisen, neue Dinge und Menschen kennenzulernen – und das konnte mich gar nicht anders als zum Besseren verändern.

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Fährtenleser und Guides auf der Suche nach wilden Schimpansen im Dschungel von Guinea.
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Dorfälteste und Häuptlinge auf dem Heimweg in Ghana.

„Rückwärts ist keine Option. Es gab nichts, wohin ich hätte zurückkehren können. Also ging ich nur vorwärts.“

Gibt es Begegnungen, die dich besonders geprägt oder verändert haben? Eine, die du nie vergessen wirst?

Ich glaube, die gesamte Reise hat mich geprägt. Sie hat mich nicht grundlegend verändert, sondern mich mehr zu der Person gemacht, die ich bin – und mich daran erinnert, wer ich bin.

Um aus meinem Buch zu zitieren: Das Loslassen meiner alten Welt hat mir eine überraschend neue eröffnet – eine, in der ich wusste, dass ich mir selbst vertrauen konnte, dem Universum und meinen Engeln und Beschützern, die fast immer hinter mir standen, wenn ich es zuließ. Ich hatte Hindernisse überwunden, die unüberwindbar schienen, und konnte die Geschichte erzählen.

Die Frau, die Europa verließ, war nicht dieselbe, die nach Hause kam. Um ganz ehrlich zu sein: Die Frau, die Europa verließ, hatte keine Ahnung, was es brauchen würde, um diese Reise zu schaffen. Sie war nicht vollständig ausgerüstet, wusste zu wenig über das, was sie erwarten würde. Aber die Frau, die ich unterwegs fand, war voller Entschlossenheit, einfallsreich, konnte schnell Entscheidungen treffen – und vor allem lernte sie, wieder zu lachen.

Auf meiner Heimreise nach Simbabwe war es mir gelungen, mich selbst zu finden – durch die Reise nach innen. Ich hatte erkannt, dass ich fähig, klug, anpassungsfähig, kompetent, mutig, stark und wertvoll bin – und dass mein Herz in Frieden ist. Ich hatte meine Freude wiedergefunden. Nicht die Freude meiner Jugend, sondern eine Freude an den kleinen Dingen jedes Tages: ein schöner Sonnenaufgang, die Freundlichkeit eines Fremden, das Winken und Lächeln der Menschen in Afrika, die überwältigende Natur, die alle Erwartungen übertraf – und der oft lästige, aber ständige rote Staub Afrikas.

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Treffen mit Königen aus Nigeria in der Republik Benin.

Welche Rolle spielt „Zuhause“ für dich – und wo würdest du heute sagen: „Hier bleibe ich“?

Als ich Mitte 2019 nach Simbabwe zurückkehrte, hatte ich das Gefühl, den Kreis geschlossen zu haben. Ich war in ferne Länder gereist, um Diamanten zu suchen, die letztlich in meinem eigenen Hinterhof lagen. Aber ich weiß: Wäre ich nicht in diese fernen Länder gereist, wäre ich heute nicht die Person, die ich bin. Ich wusste, ich war zu Hause und wollte bleiben – die Frage war nur: wie.

Nach einer Zeit im Van, in den Einfahrten anderer Leute oder gelegentlich als Housesitterin fand ich schließlich meinen Platz, nicht weit von meiner Heimatstadt entfernt – in einer afrikanischen Landgemeinde. Dort entdeckte ich meine Aufgabe: mit der Gemeinschaft zusammenzuarbeiten, um positive Veränderungen zu bewirken und wirtschaftliche Projekte zu initiieren.

Mein Schwerpunkt liegt darauf, Frauen zu unterstützen, selbstständig zu werden – etwas, das hier besonders wichtig ist, wo es mehr Frauen als Männer gibt, bedingt durch AIDS-Todesfälle, einen Genozid und Männer, die in der Ferne arbeiten. Ich unterstütze begabte Mädchen dabei, die Bildung zu erhalten, die sie brauchen und verdienen. Derzeit versuche ich, ein Handwerkszentrum fertigzustellen, in dem wir Frauen das Nähen und andere Fertigkeiten beibringen können, um ihnen den Weg in die Selbstständigkeit zu ebnen.

Auch die Jugend ist ein Fokus: Aufgrund mangelnder Bildung haben viele kaum Perspektiven und flüchten sich in Alkohol und Drogen. Wir hoffen, dass wir – sobald wir die nötigen finanziellen Mittel zusammenhaben – jungen Menschen Fähigkeiten vermitteln können, die sie zu wertvollen Mitgliedern ihrer Gemeinschaft machen. Mein Leben ist an den meisten Tagen voll und anstrengend – aber auch großartig.

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Ölwechsel in Nigeria.
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Endlich am Äquator in Gabun.

Gibt es etwas, das du unterwegs losgelassen hast – und nicht vermisst?

Den Drang, Dinge besitzen zu müssen. Ich habe gelernt, dass Stunden und Tage unserer Lebensarbeit in den Kauf von „Zeug“ fließen – Dinge, die wir einmal benutzen oder nie wieder ansehen, und die wir trotzdem unbedingt kaufen wollen. Heute schaue ich mir alles genau an, bevor ich es kaufe, und rechne aus, wie viel meiner Lebenszeit es mich kostet. Dann entscheide ich, ob ich mein Leben leben möchte – oder mich an Besitz binden will.


Sinn & Spuren

Was willst du hinterlassen – nicht im Sand, sondern bei den Menschen, denen du begegnest?

Mein Leben war reich an Erfahrungen, und meine einzige Hoffnung ist, dass aus den Samen, die ich säe, Bäume wachsen. Vielleicht werde ich nie in ihrem Schatten sitzen oder dafür bedankt werden – aber meine Seele wird das Ergebnis meiner Mühe kennen.


Was treibt dich an, wenn es schwierig wird?

Zu wissen, dass Rückwärts keine Option ist.

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Ein Himba-Mann und Mädchen machen ein Selfie mit Dots Handy, Namibia.

Wovon träumst du noch – ganz persönlich, ganz ehrlich?

So reich zu sein, dass ich all die Projekte umsetzen kann, die mir einfallen, um meiner Gemeinschaft zum Erfolg zu verhelfen – und damit vielleicht auch andere ländliche Gemeinden zu inspirieren, zu erkennen, was möglich ist. Denn „Unmöglichkeit“ ist an Orten, in denen Armut herrscht, zur Norm geworden.

Oh, und ganz ehrlich: davon, mein Haus fertigzustellen, um richtig darin leben zu können.


Wenn unterwegs mehr passiert

Bist du auf ein Projekt, eine Initiative oder einen Menschen gestossen, der etwas in Bewegung bringt? Oder hast du selbst etwas gestartet, das mehr ist als dein eigenes Abenteuer? 

Ja. Eine Französin, die einen Teil des Jahres in Simbabwe lebt, hat einen Wettbewerb ins Leben gerufen, der eine alte Stammes­tradition wieder aufleben lässt: die Kunst des Hütten­bemalens. Sie heißt Véronique Attala – auf Facebook kannst du ihrem Projekt folgen: mybeautifulhomezimbabwe – Ekhaya Gaia.

Zur Person: Dot Bekker

Autorin, Abenteurerin, Community-Builderin. Geboren in Simbabwe, aufgewachsen mit Sonne, Busch, Gemeinschaft und dem Gefühl von Zugehörigkeit. Nach fast vier Jahrzehnten in Südafrika und Europa – darunter Stationen in Großbritannien, Portugal, Luxemburg und Spanien – kehrte sie 2019 in ihre Heimat zurück.

Mit 60 Jahren fuhr sie allein in einem 20 Jahre alten Ford Transit von Luxemburg durch 18 westafrikanische Länder nach Simbabwe – 20.000 Kilometer ohne Allrad, aber mit der Überzeugung: „Gewöhnliche Afrikaner fahren jeden Tag mit gewöhnlichen Fahrzeugen durch Afrika, also wusste ich, dass es möglich ist.“

Heute lebt sie in einer ländlichen Gemeinschaft in der Nähe ihrer Heimatstadt, wo sie Bildungsprojekte für Mädchen, Einkommensinitiativen für Frauen und Perspektiven für Jugendliche aufbaut. Ihre Erfahrungen teilt sie in ihrem Buch Going Home to Africa, in ihrem Blog und auf Social Media – mit dem Ziel, Mut zu machen und zu zeigen, dass es nie zu spät ist, das eigene Leben radikal zu verändern.


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