Overland Büffel: Wir wollten zwei Jahre weg. Jetzt wollen wir nicht mehr zurück.

Overland Büffel: Wir wollten zwei Jahre weg. Jetzt wollen wir nicht mehr zurück.

Anna und Michi sind seit 2023 mit ihrem selbst ausgebauten Mercedes 1017 „Greeny“ auf der Panamericana unterwegs. Was als zweijährige Reise durch Nord- und Südamerika begann, wurde in Mexiko zum neuen Lebensmodell: weiterreisen, unterwegs arbeiten und nicht zurückkehren. Im OLLI-Interview erzählen Overland Büffel von drei Jahren Fahrzeugausbau, 40 Zentimetern Schnee, einer Rettungsaktion am Mount Adams und der Erkenntnis, dass man Träume besser macht, bevor irgendwann etwas dazwischenkommt.

Wer seid ihr, seit wann seid ihr unterwegs – und wo hat euch die Panamericana inzwischen hingeführt?

Wir sind Anna und Michi und sind seit September 2023 auf der Panamericana unterwegs. Seitdem haben wir Kanada von Ost nach West durchquert und sind im Winter hoch nach Dawson City. Von dort aus ging es die Westküste der USA nach unten, im Süden rüber nach Texas und dann eigentlich immer Richtung Süden, bis aktuell nach Chile.

Anna zu Michi: „Entweder wir legen uns jetzt ein Datum fest oder wir machen es nie.“

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Ihr habt euren Entschluss schon 2019 gefasst. Könnt ihr euch noch an den Moment erinnern, in dem aus „irgendwann“ plötzlich ein konkreter Plan wurde?

Absolut! Das war Dezember 2019, als es auf der Welt noch „ruhig war“ und wir auf dem Schiff von Stockholm nach Helsinki saßen, um mit unserem Passat im Winter einen Roadtrip hoch ans Nordkap zu machen. In dieser Schiffskabine wurde unser Plan festgesetzt. Ich meinte damals zu Michi: „Entweder wir legen uns jetzt ein Datum fest oder wir machen es nie.“ Und so stand in einer Word-Datei: Reisestart 2023 mit Expeditionsmobil. Das war schon immer klar, denn das war Michis großer Traum.


Von diesem Satz bis zur Abfahrt lagen fast vier Jahre – und der komplette Eigenbau von Greeny. Wie war diese Zeit für euch?

Ja, und dann ging alles Schlag auf Schlag. Wir haben unser Chassis im Sommer 2020 gekauft und es von nun an drei Jahre lang in jeder freien Minute ausgebaut. Eine super anstrengende und intensive Zeit, da wir unseren Greeny von Grund auf neu aufgebaut haben, auch die Außenhaut – und das Ganze ohne fremde Hilfe zu zweit, was oft ein krasser Kraftakt war. Umso stolzer sind wir, dass Greeny immer noch so gut in Schuss ist.


Und wann habt ihr Familie und Freunden erzählt, dass ihr tatsächlich für längere Zeit verschwinden werdet?

Unserer Familie haben wir lange nichts erzählt. Erst zwei Jahre zuvor haben wir langsam versucht anzuteasern, dass wir „ein Jahr“ weg sind, um sie an den Gedanken zu gewöhnen. Viele Freunde haben es auch erst kurzfristig erfahren. Wir haben aber noch eine Hochzeit geschmissen, alle nach Italien eingeladen und dort unsere „Abschiedsparty“ gemacht.

“Es geht darum, sich immer wieder zu hinterfragen: Welche Träume habe ich? Was ist mir wirklich wichtig? Was würde ich irgendwann bereuen, wenn ich es nicht gemacht hätte?”

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Greeny ist ein alter Mercedes 1017 und war früher ein Feuerwehrfahrzeug. Warum sollte es ausgerechnet so ein LKW werden?

Wir haben uns für ein altes Feuerwehrfahrzeug entschieden, weil wir sehr viel selbst reparieren können, die Anschaffungskosten sich in Grenzen halten, es superkomfortabel ist, in ihm zu leben, und Michi schon immer ein großes, lautes Auto fahren wollte.


Und wie kommt ein mintgrüner Mercedes 1017 bei den Menschen unterwegs an?

Durch unsere Farbe kommt Greeny eigentlich überall gut an. In Kanada haben wir so viel Aufmerksamkeit bekommen, dass wir vor dem Einkaufen eine Menschenschlange abfertigen mussten, weil so viele mit uns reden wollten. Das Ganze hat oft Stunden gedauert.


Was liebt ihr nach all den Kilometern am meisten an Greeny?

Am meisten lieben wir an ihm, dass er sich oft selbst repariert, wir bisher überall superschnell Ersatzteile bekommen haben und er die perfekteste 12-m²-Einzimmerwohnung ist, die wir je hatten. Und wir sind bis dato oft umgezogen.

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“Unsere Familie haben wir langsam versucht anzuteasern, dass wir “ein Jahr weg” sind, um sie an den Gedanken zu gewöhnen.”

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Der Ausbau des ehemaligen Feuerwehrautos hat drei Jahre gedauert.
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Nach mehreren Jahren unterwegs seid ihr längst nicht mehr einfach im Reisemodus. Wie schafft ihr es, Arbeit, Weiterfahren und Alltag unter einen Hut zu bekommen?

Mittlerweile versuchen wir, Struktur in unseren Alltag zu bekommen, da wir a) schon sehr lange unterwegs sind und b) mittlerweile auch online arbeiten. Wir versuchen, Montag bis Mittwoch irgendwo fest zu stehen. Donnerstag bis Sonntag wird meistens gefahren. Montag bis Freitag wird außerdem vormittags immer gearbeitet. Wir bemühen uns, dass das Wochenende frei bleibt. Dadurch, dass wir aber sehr flexibel sind, variiert dieser Plan sehr oft. Fahrtage sind meistens sowieso ganz unterschiedlich, je nachdem, was passiert.


Fahrtage können bei euch offenbar ziemlich anders enden als geplant. Welche Geschichte ist euch besonders im Gedächtnis geblieben?

Ich glaube, eine der verrücktesten Geschichten ist diese hier:

Wir wollten eine kleine Straße Richtung Mt. Adams fahren, doch ein Schild warnte uns: „Mt. Adams blocked by snow“. Kurz darauf kam sogar die Polizei vorbei. Wir fragten den Officer nach der Straße und er meinte, wenn wir im Schnee fahren können, sollte das kein Problem sein. Umdrehen könnten wir dort allerdings nicht.

Lange Rede, wir entscheiden uns natürlich dafür.

Die Straße wird schnell schmaler und bald ist auch der Schnee da. Greeny gräbt sich in Schrittgeschwindigkeit durch ca. 40 cm hohen Schnee. Rechts Abhang, links Berg. So im Nachhinein sind wir der festen Überzeugung, der Police Officer hatte keine Ahnung, was uns da oben erwarten würde.

Unser Hoffnungsträger: eine noch nicht allzu alte Spur im Schnee. Also muss die Straße genutzt werden!

Nach der Hälfte der Strecke sehen wir vor uns einen Pickup. Wild fuchtelnd steigt eine junge Frau aus. Als würden wir sie hier übersehen können …

Schnell wird klar: Sie war unsere Spur! Jene, die wir die letzten Kilometer verfolgt hatten. Und sie steckt seit zwei Tagen auf diesem Bergpass fest. Beim Umdrehen hat sie sich im Graben festgefahren.

Mit T-Shirt und Ballerinas steht sie vor uns und erzählt wie ein Wasserfall, dass sie in zwei Tagen Geburtstag hat und diesen Pass schon als ihren Todestag gesehen hat. Sie hätte probiert, die restlichen 60 km zu laufen, sei aber nach drei Metern wieder umgekehrt. Ich glaube, sie hatte absolut keine Ahnung, wie lange man für 60 Kilometer wirklich braucht. Abgesehen von den Bedingungen hier oben.

Greeny kann also seine erste Rettungsaktion durchführen, bei der selbst wir unsere Schneeketten aufziehen müssen.

Wir leisten noch einige Minuten seelischen Beistand, tauschen Nummern aus, falls einer von uns nicht unten ankommt, und machen uns anschließend wieder auf den Weg – in entgegengesetzte Richtungen.

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“Michael kochte für uns, stellte uns Freunden vor und überließ uns seinen Haustürschlüssel. Damit wir uns wie zu Hause fühlen können.”



Ihr habt unterwegs viele Menschen kennengelernt. Gibt es jemanden, der euch bis heute besonders im Kopf geblieben ist?

Oh, das ist schwierig, da gibt es nämlich einige. Vor allem aber unseren Kanadier „Michael Knopf“ mit seinem Freund Bernhard Bernstein.

Wir sind in Prince Rupert gestrandet, spitz auf Knopf, nachdem unser Anlasser richtig am Ende war. Keinen Meter hätten wir noch weiterfahren können. Wir sind also zur nächsten Werkstatt und haben Michael Knopf kennengelernt, der uns auch schon gleich zur Seite nahm und meinte, wir regeln das lieber unter uns und nicht mit der Werkstatt.

Wir durften vor seinem Haus parken und standen zwei Wochen bei ihm, bis unser Anlasser eingeflogen wurde. Nach dem zweiten Tag waren wir schon seine „Kinder“. Er machte Pläne mit uns, wie wir unser Wochenende verbringen könnten, und erzählte uns eine Menge seiner Lebensgeschichten. Er kochte für uns ein hammermäßiges Menü, stellte uns Freunden vor, zeigte uns eine Krabbenfarm und überließ uns seinen Haustürschlüssel. Damit wir Wäsche waschen, baden und uns „wie zu Hause fühlen“ können.

Was für ein Mensch.


Konntet ihr euch für all das irgendwie revanchieren?

Sobald wir nachfragten, ob wir ihm denn irgendwie helfen könnten, meinte er: „Wenn ihr mal einem Menschen begegnet, der Hilfe benötigt: Helft ihm und denkt dabei an mich.“

Wir haben aber so viele tolle Menschen kennengelernt, auch viele wunderbare Reisende!

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“Das Schönste daran, dass man alles teilen kann: Sorgen, Ängste, Freude und Momente.”



Ursprünglich wolltet ihr zwei Jahre die Panamericana fahren und anschließend zurückkehren. Wann habt ihr gemerkt: Wir wollen noch gar nicht zurück – und wie finanziert ihr seitdem euer Leben unterwegs?

Wir sind gestartet mit Erspartem und dem Gedanken, zwei Jahre die Panamericana zu fahren und dann wieder zurückzukehren. In Mexiko haben wir dann gemerkt, dass uns das alles so gut gefällt, dass wir erst mal nicht zurück wollen.

Wir haben uns dann erst mal selbstständig gemacht als virtuelle Assistenzen. Im Laufe der Zeit haben wir unser eigenes Unternehmen gegründet, das produzierenden Start-ups dabei hilft, in die Serienreife zu kommen. Im Prinzip die Ingenieurrichtung, aus der wir kommen.


Und was fühlt sich nach so langer Zeit unterwegs plötzlich wie echter Luxus an?

Spannend übrigens: Der größte Luxus, den wir uns unterwegs gönnen, ist, wenn wir europäische Produkte finden, die schweineteuer sind 😄. Chile ist hierfür ein Paradies, aber nichts geht über die Freude, nach langer Zeit der Entbehrung Gewohntes zu sehen, zu finden oder essen zu können. Gilt im Übrigen auch für eine unendlich warme Dusche 😄

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Er sagte: „Wenn ihr mal einem Menschen begegnet, der Hilfe benötigt: Helft ihm und denkt dabei an mich.“

Was ist das Schönste daran, dieses Leben zu zweit zu führen – gerade dann, wenn es unterwegs schwierig wird?

Das Schönste daran, gemeinsam unterwegs zu sein, ist, einen Gefährten zu haben, mit dem man alles teilen kann: Sorgen, Ängste, Freude und Momente.

Aktuell befinden wir uns in Nordchile und durch Super-El-Niño sind fast alle Richtungen extrem schwer zu befahren. Wir können nicht nach Bolivien, weil die Grenzen zu sind (extremer Schneefall). Im Norden und im Süden sind so krasse Überschwemmungen und Fluten, dass wir dort auch nicht sein können oder hinwollen. Zu zweit ist das schon eine Herausforderung, aber alleine wäre es schon noch mal härter.


Und worüber kann man selbst nach Jahren gemeinsam auf zwölf Quadratmetern immer noch diskutieren? 😄

Wir diskutieren regelmäßig über die perfekte Wohlfühltemperatur in Greeny :D. Für Michi gerne kühler als für Anna … eine unendliche Diskussion.

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“Ob der Traum am Ende der eigene Garten oder eine Weltreise ist, ist eigentlich völlig egal.”

Hand aufs Herz: Was war das Gefährlichste, das ihr bisher erlebt habt?

NICHTS 😄


Von außen sieht das Leben auf der Panamericana schnell nach großer Freiheit und Dauerurlaub aus. Was stimmt an diesem Bild überhaupt nicht?

Viele denken, wir führen ein entspanntes Leben. Ich glaube, zu Hause zu sein und in einem 9-to-5-Job zu arbeiten, ist wesentlich entspannter. Unser Leben ist superaufwendig und immer anders. Selbst kleine Routinen aufzubauen, ist extrem schwer.

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Ihr seid inzwischen seit Jahren unterwegs. Gibt es trotzdem noch Momente, in denen ihr denkt: „Verdammt … was haben wir für ein Glück, dass wir dieses Leben führen dürfen“?

Fast jeden Tag. Es ist so etwas Besonderes und ein riesengroßes Privileg, diese Welt, die Menschen und die Natur kennenzulernen und schätzen zu lernen. Gerade Südamerika ist tief in unserem Herzen.

Zu sehen, was mit unserer Natur passiert und wie Menschen leben müssen, ist teilweise auch sehr schmerzhaft.

“Zu zweit ist es manchmal eine Herausforderung, aber alleine wäre es schon noch mal härter.”

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Ihr habt selbst erlebt, wie schnell aus „irgendwann“ ein „vielleicht nicht mehr“ werden kann. Was bedeutet „One Life. Live It.“ deshalb heute für euch?

Als wir gestartet sind, konnte ich nicht verstehen, wie Menschen ihre Träume ewig vor sich herschieben können. Während unseres Ausbaus haben wir Peter kennengelernt. Seit seine Frau gestorben ist, baut auch er ein ExMo aus. Wir waren viel im Austausch. Kurz vor unserem Reisebeginn ist er erkrankt und musste sowohl seinen LKW als auch seine Reise auf Eis legen.

Das war für uns auf jeden Fall noch einmal die Bestätigung, schon in jungen Jahren reisen zu können und diese Chance auch zu nutzen.

Aber auch wenn man jung ist, bleibt einiges auf der Strecke, wenn man unterwegs ist. Es gibt Vor- und Nachteile. Letztendlich muss jeder für sich selbst entscheiden, welche Wünsche so groß sind, dass man sie wirklich anpacken möchte.


Was würdet ihr also jemandem mitgeben, der selbst seit Jahren einen Traum mit sich herumträgt, aber immer wieder einen Grund findet, ihn aufzuschieben?

Am Ende geht es gar nicht darum, raus in die Welt zu müssen oder etwas besonders Außergewöhnliches zu erleben. Es geht vielmehr darum, sich nicht einfach in den Trott des Lebens zu begeben und immer wieder zu hinterfragen: Welche Träume habe ich? Was ist mir wirklich wichtig? Was würde ich irgendwann bereuen, wenn ich es nicht gemacht hätte?

Und dann: TUN! Aufstehen und nicht nach Ausreden suchen.

Ob der Traum am Ende der eigene Garten oder eine Weltreise ist, ist eigentlich völlig egal.

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