Sébastien Loeb – Was bleibt, wenn man längst alles erreicht hat?

Sébastien Loeb – Was bleibt, wenn man längst alles erreicht hat?

Sébastien Loeb (*1974) ist der erfolgreichste Rallyefahrer der Motorsportgeschichte. Neunmal in Folge wurde der gebürtige Elsässer WRC-Weltmeister – ein Rekord, der bis heute ungebrochen ist.

Doch Sébastien ist weit mehr als ein Champion auf Zeit: Er hat fast jede Motorsportdisziplin ausprobiert – von der Rallye Dakar über Pikes Peak bis hin zur Rallycross-WM – und ist dafür bekannt, immer wieder neue Herausforderungen zu suchen. Was ihn auszeichnet, ist nicht nur sein fahrerisches Können, sondern seine Ruhe, Präzision und Bescheidenheit. Statt sich medial in Szene zu setzen, überzeugt er durch Haltung und Ausdauer. Sébastien gilt als Ausnahmeathlet – und als jemand, der nie aufgehört hat, seinen eigenen Weg zu gehen.

Aber genau darum geht es in diesem Gespräch nicht. In unserer Interviewreihe OLLI – ONE LIFE. LIVE IT – STORIES sprechen wir nicht über Pokale, sondern über Persönlichkeiten. Nicht über Technik, sondern über Entscheidungen. Wir wollen wissen, wie Menschen ticken, die ihren eigenen Weg gegangen sind. Auch wenn vielleicht niemand an sie geglaubt hat. Was treibt sie an? Was hält sie wach? Und was geben sie weiter? Ein Gespräch mit Sébastien Loeb über Haltung, Mut, Zweifel – und den richtigen Moment zum Losfahren. 

Für mich zählt, was morgen kommt – nicht, was ich vor zehn Jahren gewonnen habe.

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Interview mit Sébastien Loeb


Sébastien, gab es einen Moment in deinem Leben, in dem du wusstest: Das ist mein Weg – auch wenn ihn sonst niemand versteht? Und was hat dich damals durchziehen lassen?

Nein, so klar war das nie. Es hat lange gedauert, bis ich überhaupt daran geglaubt habe, dass ich mit Motorsport wirklich meinen Lebensweg finden könnte. Der Weg dahin ist voll von Etappen – nichts ist sicher. 

Als ich beim Förderprogramm „Rallye Jeune“ teilgenommen habe, war da dieser Gedanke: Ich träume davon, Rallye zu fahren. Aber selbst, als ich schon im WRC angekommen war, hat es noch gedauert. Erst als ich plötzlich in einem Team mit Colin McRae und Carlos Sainz fuhr – und sah, dass ich mit dem gleichen Auto schneller war als sie – wurde mir klar: Vielleicht kann ich das wirklich. Vielleicht kann ich eines Tages Weltmeister werden. Davor hatte ich viele Zweifel. Ich hätte nie gedacht, dass ich es wirklich bis ganz nach oben schaffen würde.


Wie gehst du mit Erwartungen um – von außen, aber auch von dir selbst? Hast du gelernt, dich davon abzugrenzen?

Ja, mit der Zeit habe ich gelernt, Erwartungen etwas gelassener zu sehen – die eigenen genauso wie die von außen. Natürlich will man gut abliefern, vor allem für das eigene Team oder den Hersteller. Heute will ich, dass es bei Dacia gut läuft, wenn ich mit dem Auto fahre. Ich will, dass es für meinen Beifahrer und mich rund läuft. Klar entsteht dadurch ein gewisser Druck. Aber nachdem ich nun schon so viele Jahre im Sport bin, kann ich auch sagen: Es wird nicht mein Leben verändern, wenn mal nicht alles perfekt läuft – auch wenn man es sich wünscht.


Was machst du, wenn deine Leidenschaft ins Wanken gerät? Gibt es etwas, das dich dann neu fokussiert?

Die Leidenschaft wankt bei mir nicht. Ich liebe, was ich tue. Ich liebe das Fahren, ich liebe den Wettkampf – das hat sich nie verändert. Klar, manchmal wird man müde – von den Testfahrten, von den ständigen Reisen, von den wiederkehrenden Abläufen. Aber das ist der Job. Und selbst dann sage ich mir: Es ist besser, gerade Tests in Marokko zu fahren, als in der Fabrik zu arbeiten. Aber sobald ich am Start stehe, sobald es um den Wettkampf geht – da ist alles wieder da. Unverändert.


Wie überwindest du dich, wenn der Mut mal fehlt? Was hilft dir in diesen Momenten, trotzdem loszufahren?

Mut entsteht bei mir durch Lust, Freude und Leidenschaft. Wenn ich fahre, kommt das alles ganz von selbst.


Was hat dich am meisten geprägt: Ein Erfolg, ein Rückschlag – oder etwas ganz anderes?

Insgesamt war es sicher der Erfolg. Die vielen Titel bedeuten mir viel. Aber was mir persönlich am meisten geblieben ist, war der Sieg beim Rallye Frankreich in Haguenau – meiner Heimatstadt. Vor all meinen Freunden zu gewinnen, zusammen mit dem Herstellertitel und dem Fahrertitel – das war ein besonderer Moment. Eine Art Krönung.

Ich liebe das Fahren. Ich liebe den Wettkampf. Daran hat sich nie etwas geändert.

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Was glaubst du, können andere von deinem Weg lernen – auch wenn sie nicht Rennen fahren?

Ich hatte sicher Glück – ein gewisses Talent, das mir den Einstieg überhaupt ermöglicht hat. Aber was danach zählt, ist Motivation. Man braucht Ambitionen, man muss lernen, im Team zu arbeiten und andere mit ins Boot zu holen. Die Leute müssen Lust haben, mit dir zu arbeiten, dein Auto perfekt abzustimmen – das geht nur, wenn du fair, verlässlich und engagiert bist. Und man muss immer weiter lernen, sich hinterfragen, sich verbessern. Das gilt nicht nur im Motorsport. Das gilt für alles im Leben.


Gibt es etwas, das du bewusst nicht mitgemacht hast – obwohl alle gesagt haben: „Das musst du tun“?

Nein. So einen Moment gab es in meinem Leben eigentlich nie. Ich habe nie erlebt, dass mir jemand gesagt hätte, was ich „tun muss“. Weder im Leben noch in der Karriere.


Woran misst du heute Erfolg – ganz persönlich?

Ich bin stolz auf das, was ich erreicht habe. Ich hatte großartige Erlebnisse – keine Frage. Aber ich lebe nicht in der Vergangenheit. Ich denke nicht jeden Morgen an meine Weltmeistertitel. Für mich zählt, was morgen kommt, nicht was vor zehn Jahren war. Klar, das, was ich erreicht habe, hat mir viele Türen geöffnet. Aber ich definiere mich nicht über das, was war.


Wenn du heute komplett neu anfangen müsstest – mit 20 – würdest du denselben Weg wählen?

Absolut. Ich würde alles genauso machen.


Welche Spuren möchtest du hinterlassen – ausser Reifenspuren im Sand? Was soll bleiben, wenn man eines Tages mal nicht mehr über deine Siege spricht?

Ich glaube, ich habe den Motorsport auf meine Art geprägt – vor allem in Frankreich, aber auch international. Nicht nur durch meine Erfolge im WRC, sondern auch dadurch, dass ich vieles ausprobiert habe – und oft erfolgreich war.
Aber was mir wirklich wichtig ist: dass ein gutes Bild von mir bleibt.

Ich achte seit jeher auf mein Auftreten. Aber heute gibt es so viele Fake-News über mich – auf ebenso „fake“ Webseiten – dass ich es kaum kontrollieren kann. Trotzdem: Die Menschen, die mich wirklich kennen, wissen, wer ich bin. Und das ist das Entscheidende. Das ist das Bild, das bleiben soll.


Was wünschst du dir für die Zukunft – für dich selbst, aber auch für die Welt, in der wir leben?

Für mich selbst: Gesundheit. Und ein Leben ohne größere Probleme. Deshalb ist es mir wichtig, den Moment zu genießen. Alles kann sich plötzlich ändern – aus tausend Gründen. Man sollte schätzen, was man hat. Die Menschen um sich herum. Das Leben. Ich finde, wir haben die Fähigkeit zur Empathie ein bisschen verloren. Dabei ist es so wichtig, gut mit den Menschen umzugehen – auch mit denen, die man nur kurz trifft.


Was bedeutet für dich: One Life. Live it. – ganz konkret?

Nutze den Moment. Du weißt nie, wie lange du ihn hast. Lebe voll, liebe voll, schau hin – und verpass nichts.


Wenn du deiner Tochter nur einen einzigen Satz fürs Leben mitgeben dürftest – wie würde er lauten?

One Life. Live it.


Merci, Sébastien.


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Seit 2023 ist Sébastien Loeb Teil des neu formierten Dacia Sandriders Teams, mit dem er sich auf die Rallye Dakar und andere Wüstenrennen vorbereitet. In einem von Prodrive entwickelten Prototypen mit synthetischem Kraftstoff will das Team zeigen, dass Abenteuer, Innovation und Nachhaltigkeit kein Widerspruch sind. Loeb bringt dabei nicht nur Erfahrung, sondern auch Klarheit und Fokus ein – als Fahrer, Mentor und stiller Taktgeber.

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