TOPtoTOP – Die längste Klimaexpedition der Welt. Ohne Zeigefinger.
Seit über 20 Jahren sind Dario und Sabine Schwörer zu Fuss, mit den Velos und ihrem Schiff Pachamama unterwegs. Über die sieben Weltmeere, zu den sieben höchsten Gipfeln der Welt (TOPtoTOP). Sie segeln mit ihren Kindern um die Welt, sammeln Daten für die Klimaforschung, halten Vorträge an Schulen – und beweisen: Hoffnung ist eine Haltung. Und Veränderung beginnt mit einem Schritt. TOPtoTOP Global Climate Expedition ist eine Schweizer gemeinnützige Organisation, deren Mission es ist, junge Menschen zu inspirieren, unseren Planeten zu schützen.
Wir sprechen mit Menschen, die ihr Leben anders leben. Bewusst. Mutig. Konsequent. Nicht um zu beeindrucken – sondern um zu inspirieren. Die Geschichte der Familie Schwörer ist keine klassische Weltreise. Es ist eine Expedition. Ein Bildungsprojekt. Eine Forschungsmission. Und vor allem: ein Liebesbeweis an unseren Planeten. Was als Idee in den Schweizer Alpen begann, wurde zu einer globalen Bewegung mit Wirkung in über 100 Ländern. Warum sie losgegangen sind. Was sie antreibt. Und wie man unterwegs ein Zuhause findet – davon erzählt Dario im OLLI-Interview.
Was hat euch damals aufbrechen lassen? Gab es einen Moment, in dem euch klar wurde: Wir müssen los?
Ich arbeite bis heute als Bergführer – es macht etwa die Hälfte unseres Einkommens aus. Ich liebe die Berge. Ihre Klarheit, ihre Kraft. Aber irgendwann merkte ich: Mein Büro schmilzt. Der Permafrost, der die Felsen zusammenhält – mein tägliches Terrain –, begann zu tauen. Nicht theoretisch, sondern direkt unter meinen Füssen. Und plötzlich war da diese Frage in meinem Kopf: Was kann ich tun? Nicht irgendwann – sondern jetzt. Ich wollte raus aus der Theorie, rein in die Wirklichkeit. Ich wollte Menschen berühren, nicht belehren. Und ich wusste: Wenn man Menschen bewegen will, muss man ihnen zuerst zeigen, was auf dem Spiel steht – und was möglich ist.
Sabine, meine Frau, war sofort dabei. Krankenschwester, ein Mensch mit Herz und Haltung. Wir waren beide mit dem Outdoor-Leben groß geworden. Beide überzeugt, dass Vorleben mehr bewirkt als Vortragen. Also luden wir zwanzig Freunde ein, ein Wochenende lang. Eine Hütte, ein Feuer, eine große Frage: Wie können wir dem Planeten helfen?
So entstand TOPtoTOP. Unsere Idee: Alle 26 Schweizer Kantone bereisen, in jeder Region das beste Umweltprojekt suchen, an Schulen sprechen und Kinder begeistern – und den jeweils höchsten Gipfel besteigen. Alles zu Fuss. Muskelkraft statt Motor. Und was dann geschah, war nicht geplant – aber entscheidend: Wir sahen dieses Leuchten in den Augen der Kinder. Kinder denken frei, fragen ehrlich. Und wenn sie Natur nicht nur sehen, sondern spüren – im Gesicht, in den Händen, in der Nase –, dann verändert sich etwas. Bei unseren Schulbesuchen entstehen oft genau dann die besten Ideen: mutig, anders, lösungsorientiert. Da wussten wir: Das hier ist kein Projekt. Das ist unser Weg.
“Wir wollten nicht nur darüber reden. Wir wollten etwas tun.”
Und wie wurde daraus eine Weltumsegelung?
Wir dachten anfangs: Machen wir das ein paar Jahre. Vier vielleicht. Reisen durch die Klimazonen. Suchen gute Beispiele. Besteigen den höchsten Gipfel auf jedem Kontinent, überqueren die Meere – nur mit Muskelkraft und Natur. Ohne Flugzeug, ohne fossile Energie. Und dafür brauchten wir ein Schiff. Pachamama. Ein Expeditionssegler aus Aluminium, gebaut für schwere See. Energie über Solar und Wind, ein kleiner Notmotor – und sonst nichts, was Lärm macht. Wir bekamen ein Darlehen.
"Die Idee war einfach: Boot kaufen, Expedition machen, Boot verkaufen. Was nicht eingeplant war: dass das Boot irgendwann unser Zuhause wird."
Sabine arbeitete damals im Spital in Davos. Ihre Vorstellung vom Leben war eine andere. Sie wollte ein Spital in Afrika aufbauen – was übrigens immer noch auf ihrer Liste steht. Aber sie war bereit, sich auf das Abenteuer einzulassen. Unter einer Bedingung – oder besser gesagt: unter zwei. Ich versprach ihr, dass die Reise vier Jahre dauern würde. Und dass ich in jedem Hafen ein Klavier auftreiben würde. Ich habe mein Bestes gegeben. Wirklich – zumindest beim Klavier.
Der Anfang war hart. Kein Feierabend, keine Privatsphäre. Kein Zurück. Aber was zählt, ist nicht der Komfort, sondern der Kompass. Und unser Kompass hat uns immer in die richtige Richtung geführt – und wenn man die Richtung hält, kommt man auch mit kleinen Schritten ans Ziel.
Wie lebt man als Familie auf einem Segelschiff?
Pachamama wurde nicht nur unser Zuhause – sondern der Geburtsort einer neuen Realität. Unsere Tochter Salina kam 2005 in Patagonien zur Welt – in einem kleinen Gesundheitszentrum, begleitet von einer indigenen Mapuche-Hebamme. Kein Ärzteteam – nur Sabine, ich und ein Schweizer Taschenmesser. Unkonventionell? Ja. Aber es hat funktioniert. Der Schweizer Botschafter in Chile hörte von dieser Geburt – und brachte uns mit Victorinox zusammen. Daraus entstand eine Partnerschaft, so unkonventionell wie unser Leben.
Wir konnten uns damals nicht vorstellen, diese Expedition auch mit Kindern fortzusetzen. Aber unterwegs hat sich alles verändert. Als Salina da war, wurde aus einem Projekt ein Lebensmodell. Aus einem Boot ein Zuhause. Und aus unserer Reise eine Familie – mit sechs Kindern, geboren in fünf verschiedenen Ländern.
Klar, es ist nicht immer einfach. Es gibt keinen Rückzugsraum, kein Kinderzimmer, kein WLAN auf Knopfdruck. Dafür gibt es den Ozean. Delfine am Morgen. Schneestürme in Alaska. Schulunterricht im Dingi. Diskussionen über Weltkarten statt über Influencer. Und Gespräche, die mehr mit dem echten Leben zu tun haben als mit Schulnoten. Wir haben viele Bildungssysteme erlebt – vom Kloster im Himalaya bis zur internationalen Schule in Singapur. Am meisten gelernt haben unsere Kinder wahrscheinlich dort, wo es keine Klassenzimmer gab. Wo man wissen musste, wann das Wetter kippt. Wie man ein Leck flickt. Oder wie man mit Menschen in Kontakt kommt, deren Sprache man nicht spricht. Kinder an Bord zu haben war nie geplant – aber im Rückblick war es das Beste, was uns passieren konnte. Sie waren unsere besten Türöffner. Unsere ehrlichsten Kritiker. Und manchmal auch unsere besten Lehrer.
Was habt ihr unterwegs gesehen – und was ist daraus entstanden?
Wir haben den Klimawandel gesehen – nicht in Modellen, sondern in Gesichtern. Bei den Inuit, die ihre Schlittenhunde töten mussten, weil das Eis zu früh schmilzt. Bei den Kuna, die wegen des steigenden Meeresspiegels schon 60 ihrer 365 Inseln verlassen mussten. Wir haben mit Menschen gesprochen, die nichts für den CO₂-Ausstoß können, aber als Erste dafür zahlen. Und wir haben gelernt:
"Klimawandel ist keine Statistik. Es ist Alltag. Und Ungerechtigkeit."
Deshalb wollten wir mehr tun als nur beobachten. Wir sammelten Daten – Eis-, Luft- und Wasserproben –, teilweise in Regionen, wo sonst niemand hinkommt. Wir arbeiteten mit Universitäten wie der ETH Zürich. Wir führten eDNA-Analysen zur Biodiversität durch, sichteten Mikroplastikströme, begleiteten Forschungsprojekte. Aber die größte Wirkung hatten wir wahrscheinlich in den Klassenzimmern. Über 175’000 Kinder in mehr als 100 Ländern haben wir besucht. Keine Vorträge, sondern Begegnungen. Geschichten. Fragen. Antworten, die nicht perfekt sind – aber ehrlich.
Mit dem Global Climate Solution Award zeichnen wir junge Menschen aus, die nachhaltige Ideen, Innovationen oder Erfindungen einreichen. Die Gewinner laden wir dorthin ein, wo wir gerade sind. Das motiviert – und wirkt zurück in ihre Schulen, Städte, Länder.
Unsere Projekte gliedern sich grob in drei Bereiche: wissenschaftliche Aufträge, edukative Programme – also Schulbesuche, Workshops und Expeditionen mit Studierenden – und spontane Begegnungen unterwegs.
Wie das Projekt mit den Massai in Ostafrika: Die Menschen wurden vom Land vertrieben – weg vom Wasser. Um Grundwasser zu fördern, schickten manche ihre jungen Frauen auf den Strich. Nicht aus Mutwillen, sondern aus Not. Wir wollten das nicht stehen lassen. Also sammelten wir Geld, organisierten Materialien, halfen, Regenwassersysteme auf Schulhausdächern zu installieren. Seither gibt es Suppe für die Schüler. Und sauberes Trinkwasser für 10’000 Menschen. Es war kein großer Masterplan – nur eine konkrete Hilfe. Aber genau das hat Schule gemacht: Heute nutzen viele Schulen in Ostafrika ähnliche Lösungen. Und es zeigt uns, was möglich ist, wenn man einfach mal anfängt.
Gab es Momente, in denen ihr ernsthaft ans Aufgeben dachtet?
Ja. Mehr als einen. 2004, südlich von Südamerika. Wir waren auf dem Weg Richtung Antarktis, als wir in der Nacht mit einem treibenden Container kollidierten. Ruder beschädigt. Der Rumpf undicht. Drei Wochen lang versuchten wir, das Schiff notdürftig über Wasser zu halten. Ohne Hilfe. Und Sabine war schwanger. Es gab keinen Panikknopf. Nur Improvisation. Vertrauen. Und die Regel, die wir uns selbst gegeben hatten: Wir dürfen aufgeben – aber erst nach zwanzig ernsthaften Versuchen. Wir waren lange noch nicht bei zwanzig. Also machten wir weiter.
Natürlich gab es auch andere Zweifel. Wenn tagelang kein Wind weht. Wenn das Wetter gegen uns arbeitet. Oder wenn man in Vanuatu gefragt wird, warum man eigentlich Auto fährt – obwohl man weiss, wie viele Menschen dabei jährlich sterben. Diese Art von Perspektivwechsel trifft einen. Aber das sind keine Gründe, aufzuhören. Das sind Gründe, weiterzumachen.
“Der Kompass ist wichtiger als die Zeit.”
Was bleibt – und was wollt ihr weitergeben?
Unsere Kinder sind mit diesem Leben gross geworden. Sie kennen keine Gartenmöbel, aber sie wissen, wie man das Wetter liest. Wir haben nie verlangt, dass sie unsere Mission weiterführen. Aber wir wollten ihnen zeigen, dass man mit Überzeugung leben kann – nicht gegen etwas, sondern für etwas.
Mit 13 ging Salina von Bord, absolvierte die Matura – und arbeitet heute im Meeresschutz, bei Projekten für Korallen und Meeresschildkröten. Aktuell macht sie den Dive Master. Ab Oktober wird sie uns wieder begleiten – um mit uns Schulen zwischen Arktis und Sahara zu besuchen. Das Wichtigste ist: Sie glauben an das Gute. Und sie wissen, dass man nicht perfekt sein muss, um die Welt ein Stück besser zu machen.
Wenn wir heute an Schulen sprechen – egal ob in der Arktis oder in Afrika – erzählen wir nicht von Problemen. Wir sprechen von Herausforderungen. Und davon, wie man sie in Chancen verwandeln kann. Denn die Welt ist voller Schönheit, voller Menschen, die Gutes tun. Und genau das erzählen wir weiter. Hoffnung ist ansteckend.
“Unsere Uhren sollten nicht Sekunden messen, sondern Momente.”
Gibt es ein Projekt, einen Ort, eine Idee, für die ihr Mitstreiter sucht?
Ja, mehrere sogar. Aber am dringendsten suchen wir aktuell eine Lehrperson, die mit uns weiterzieht – auf dem nächsten Abschnitt unserer Reise. Jemand, der bereit ist, Schule neu zu denken. Draußen, unterwegs, mitten im echten Leben.
Dann wäre da noch dieses Buch, das längst geschrieben gehört. Der Verlag wartet. Die Geschichten auch. Wir bräuchten nur jemanden, der sie mit uns aufschreibt – mit Herz, mit Tiefe.
Und ein Film. Nicht über das, was war. Sondern über das, was kommt. Mount Winston, Antarktis, der letzte „Top“. Und danach: eine letzte grosse Umrundung – auf den Spuren der Naturwunder. Um zu zeigen, dass Veränderung möglich ist.
Seit fünf Jahren erforschen wir mit Save the Arctic den Mikroplastik am Rand des Packeises – der Gebärmutter des Planeten, wie ich sie nenne. Studierende, Schüler, Doktoranden – sie alle waren schon mit an Bord. Und wir sagen immer: Unsere Türen sind offen. Für alle, die wollen. Wer mitkommen will: Jetzt wäre der Moment.
Was bedeutet für euch: ONE LIFE – LIVE IT?
Wenn man das Leben nur für sich lebt – mit Vollgas, ohne Rücksicht auf Verluste –, fühlt es sich vielleicht eine Zeit lang gut an. Aber auf Dauer macht es nicht glücklich. Wirklich erfüllend wird das Leben, wenn es mit etwas Sinnvollem verbunden ist. Wenn man es teilt – mit anderen, mit der Umwelt, mit etwas, das bleibt. Teilen ist das Schönste. Für andere. Für die Erde. Für uns alle. Vielleicht beginnt genau hier die Veränderung: Nicht mit einem Zeigefinger. Sondern mit einem offenen Herzen.
TOPtoTOP in Zahlen
Name der Expedition
- TOPtoTOP Global Climate Expedition
Startpunkt
- 1999, Schweiz
Bereiste Länder
- Über 100
Zurückgelegte Strecke
- 132’000+ Seemeilen
- 25’000+ Kilometer mit dem Fahrrad
- 1’000’000+ Höhenmeter zu Fuss und auf Skiern
Familie an Bord
- 6 Kinder (davon aktuell 2 dauerhaft an Bord)
Schulvorträge weltweit
- Über 1’000 Vorträge an Schulen
- 175’000+ teilnehmende Schülerinnen und Schüler
Plastik-Sammelaktionen
- 85’000+ kg Plastikmüll gesammelt – oft gemeinsam mit Schülern
Forschung & Wissenschaft
- 150+ Proben zu Mikroplastik und eDNA in Zusammenarbeit mit Universitäten (u. a. ETH Zürich)
Aktuelle Kampagnen (2024)
- Swiss TOPtoTOP 2.0
- Save the Arctic
Auszeichnungen & Medien
- UNEP-Patronat, WWF-Ambassadoren
- Mehrere TV-Dokus & internationale Berichte
- Buch: Die Schwörers: Wie die Welt zum Kinderzimmer wurde
- Film: Home is the Ocean
Manchmal braucht es keinen lauten Knall, keine Revolution, kein Manifest. Sondern nur zwei Menschen, die sich entscheiden, anders zu leben. Mutiger. Einfacher. Mit Kompass statt Uhr. Dario und Sabine zeigen mit ihrer Familie, was möglich ist, wenn man nicht auf andere wartet – und auch nicht darauf, dass sich die Welt von allein verändert. Wenn euch ihre Geschichte berührt hat – bleibt dran. Folgt ihnen, unterstützt ihre Projekte, erzählt weiter, was Hoffnung macht.