Mit dem Tuk-Tuk von Kambodscha in die Schweiz – 15 PS Weltreise
Mit rund 15 PS fährt Dimitri im Tuk-Tuk von Kambodscha bis in die Schweiz. Eine außergewöhnliche Roadtrip-Geschichte über Mut und Ausdauer.
CRAZY ON PURPOSE ist nichts für „Ja, aber …“. Hier geht es um Mut zur Lücke – und zum Risiko. Ohne Garantie. Ohne Applaus. Und um die Momente, die es ohne den ersten Schritt nie gegeben hätte.
- Name: Dimitri @swiss_yellow_jacket
- Projekt: Mit dem Tuk-Tuk von Kambodscha in die Schweiz
- Route: Kambodscha – Laos – China – Zentralasien – Russland – Europa – Schweiz
- Fahrzeug: Kambodschanisches Tuk-Tuk, Einzylinder, Rückbau von LPG auf Benzin
- Tiefpunkt: Motorprobleme nach Umbau, Lösung erst in Phnom Penh
- Würde ich es wieder tun? Ja. Aber nicht mehr allein.
Und jetzt zu den Momenten, die es ohne diesen Schritt nie gegeben hätte.
Wer bist du – und was machst du normalerweise, wenn du nicht gerade auf so eine Idee kommst?
Mein Name ist Dimitri, und ich komme aus der Schweiz. Vor meiner großen Reise war ich Sozialpädagoge und begleitete Kinder sowie ihre Eltern bei schulischen, familiären oder verhaltensbezogenen Herausforderungen. Seit knapp zwei Jahren kann ich jedoch meinen Träumen folgen, reisen und mit einem Tuk-Tuk von Kambodscha bis in die Schweiz – über Kontinente hinweg – fahren.
Wie kam es überhaupt zu diesem Abenteuer? Eher ein langer Traum oder eine spontane Schnapsidee?
Eine Mischung aus beidem. Der Gedanke entstand spontan, als ich in Südostasien, genauer gesagt in Vietnam, unterwegs war und 1500 Kilometer mit einem Roller zurücklegte. Danach reifte die Idee, als ich über Südamerika sowie Japan und Korea um die Welt reiste. Doch der Traum einer solchen Überlandreise begleitet mich schon lange. So bin ich vor ein paar Jahren mit dem Zug von der Schweiz nach Nordkorea gefahren.
Eigentlich wolltest du in Kambodscha nur starten. Was ist dort passiert, bevor du wirklich losgefahren bist?
Ja, am Anfang war Kambodscha einfach der Startpunkt, weil es dort Tuk-Tuks gibt. Ich dachte, dass ich innerhalb eines Monats losfahren könnte. Aufgrund verschiedener Faktoren – beispielsweise des nahenden Winters oder bürokratischer Hürden – entschied ich mich jedoch, in Kambodscha zu überwintern, und lebte neun Monate dort (und nein, es gab keine Schwangerschaft 😅).
In dieser Zeit fand ich auch eine Familie, die mir heute alles bedeutet. Aus dem Startpunkt wurde eine Heimat. Als ich schließlich losfuhr, sagte ich mir: Ich tue das auch für Kambodscha. Ich möchte, dass die Menschen von diesem wunderbaren Land hören – von einem Land zwischen Thailand und Vietnam, das viele nicht kennen.
"Das Tuk-Tuk öffnet dir eine Welt, die du mit einem Auto oder einem schnellen Motorrad nie erleben würdest."
Gab es einen Moment, in dem du dachtest: Warum mache ich das eigentlich?
Ja. In Kasachstan, wo ich tagelang und wochenlang durch die Einöde fuhr und kaum jemandem begegnete. Ich erinnere mich, wie ich an einem wunderschönen Ort in der Steppe an einem Fluss saß und dachte: Ich möchte jetzt nach Hause. Und dabei wurde mir klar, dass mein Zuhause inzwischen Kambodscha ist. Doch alles hinzuschmeißen und “Tuk Samom” stehen zu lassen, war nie eine Option.
Wer hat am meisten den Kopf geschüttelt, als du davon erzählt hast?
Ich glaube, niemand hat wirklich daran geglaubt. Wer fährt schon mit einem Tuk-Tuk um die halbe Welt? Aber meine Mutter hatte bis zum letzten Tag Angst. Ihre Sorgen haben mich zeitweise sehr belastet.
Was lief komplett anders als geplant?
Ich plante die Route bis nach Kasachstan. Danach war alles offen. Da Aserbaidschan zu kompliziert geworden wäre, organisierte ich eine Fahrt durch Russland. Deshalb musste ich schließlich fast vier Wochen auf mein Transitvisum in Almaty warten. Dadurch kam ich jedoch nach Kirgisistan, Usbekistan und Tadschikistan – Länder, die unglaublich schön sind.
"Der perfekte Moment kommt nicht – du erschaffst ihn."
Was war überraschend einfach – und was unnötig mühsam?
Sehr mühsam war Laos. Die Haltung dort schien zu sein: „Kennen wir nicht, also ist es nicht erlaubt.“ Doch nach stundenlangem Hin und Her ließ man mich schließlich einreisen. Ähnlich war es in Georgien, dort lag die Schwierigkeit jedoch eher in der Kommunikation.
Überraschend einfach waren eigentlich alle anderen Grenzübertritte. Ich hatte viel mehr Angst davor. Die Zollbeamten waren meist fasziniert – vor allem in Russland.
Gab es unterwegs einen Moment, der dir besonders in Erinnerung geblieben ist – auch wenn er eigentlich unspektakulär war?
Russland. Ich hatte große Angst vor dem Grenzübertritt, weil man viele Geschichten hört. Doch es war erstaunlich unkompliziert. Bei der Ausreise schenkte mir ein Zollbeamter sogar seinen Badge, der nun prominent über der Windschutzscheibe hängt.
Warum genau ein Tuk-Tuk? Was kann es, was andere Fahrzeuge nicht können?
Ursprünglich sollte es ein Roller sein – einfach etwas Unkonventionelles. Doch das Tuk-Tuk schützt besser vor Wind und Regen und bietet mehr Platz. Vor allem aber ist es etwas, das man sonst kaum sieht. Und es ist langsam. Genau das ist seine Stärke. Weil man nicht auf die Autobahn kann, sieht man mehr, erlebt mehr und kommt leichter ins Gespräch. Es öffnet dir eine Welt, die du mit einem Auto oder einem schnellen Motorrad nie erleben würdest.
Welche Länder waren für das Tuk-Tuk technisch die größte Herausforderung?
Laos war extrem anspruchsvoll wegen der Straßen. Im Norden gab es gelegentlich Abschnitte zwischen den Schlaglöchern. China war vor allem aufgrund der Distanz eine Herausforderung: knapp 6000 Kilometer in vier Wochen.
"Ich habe gemerkt, dass Erschöpfung gefährlicher ist als schlechte Straßen."
"Ich möchte, dass die Menschen von Kambodscha hören – diesem wunderbaren Land zwischen Thailand und Vietnam, das viele nicht kennen."
An welcher Grenze hat niemand geglaubt, dass du dort wirklich durchfährst?
Viele sagten mir, dass China nicht möglich sei. Für mich persönlich war es – wie bereits erwähnt – Russland. Eigentlich wollte ich das vermeiden. Außerdem waren Kirgisistan, Usbekistan und Tadschikistan ursprünglich nicht geplant.
Welche Begegnung hättest du ohne das Tuk-Tuk nie erlebt?
Eine Hochzeitseinladung in China.
Oder Yavuz in der Türkei – ein deutscher Türke, der in Istanbul lebt. Wir trafen uns auf einem Campingplatz, und er sagte: „Wenn du in Istanbul bist, kommst du ein paar Nächte zu mir.“ Es war eher eine Aufforderung als eine Einladung, die ich jedoch sehr gerne annahm. Ich wurde mit der berühmten türkischen Gastfreundschaft überschüttet.
Wann dachtest du: „Okay, das war eine wirklich dumme Idee“?
Nach dem Umbau von LPG auf Benzin, als das Tuk-Tuk plötzlich ständig Probleme machte. Erst als ich einen Mechaniker in Phnom Penh fand, der mir half, den Umbau sauber abzuschließen, wurde es besser.
Was war der gefährlichste Moment, den man im Nachhinein kaum glauben würde?
Eigentlich gab es keinen wirklich gefährlichen Moment. Die gesamte Reise war sehr sicher. Vielleicht war es nicht ganz so klug, in Tschetschenien neben der Straße zu campen und am nächsten Morgen die Drohne steigen zu lassen.
Welche Regel hast du dir unterwegs selbst auferlegt, nachdem du sie einmal gebrochen hattest?
Nicht mehr fahren, wenn ich mental müde bin. Lieber ein oder zwei Tage abschalten. Ich habe gemerkt, dass Erschöpfung gefährlicher ist als schlechte Straßen. Und vor allem: nicht im Dunkeln fahren.
Was war die lustigste Polizeikontrolle?
In Kasachstan. Die Polizei fuhr an mir vorbei und winkte mich heraus – nur um Fotos zu machen.
Was versteht man über die Welt erst, wenn man so langsam reist?
Verbreite Liebe und Freude – und sie kommen zu dir zurück. Länder bestehen nicht aus Schlagzeilen. Gerade China und Russland waren das komplette Gegenteil von dem, was man oft hört und liest. Und man erkennt, dass Menschen fast überall neugierig, hilfsbereit und freundlich sind.
Ohne mein Tuk-Tuk hätte ich Luan, einen Kosovoschweizer im Kosovo, nie kennen gelernt. Er sprach mich am Straßenrand an, und wir schraubten fast eine Woche lang gemeinsam am Tuk-Tuk – nicht, weil es nötig gewesen wäre, sondern weil wir Lust hatten, alles für die letzten Kilometer ein wenig aufzupolieren. Mein Tuk-Tuk sah danach aus wie neu. Sogar den Tank haben wir ausgebaut und instand gesetzt.
Würdest du es wieder machen? Und wenn ja: genau so – oder anders?
Das ist eine schwierige Frage. Natürlich wäre die Rückreise episch. Aber inzwischen habe ich eine Familie. Wenn, dann mit ihnen – und mit einem Begleitfahrzeug. Oder vielleicht einfach gemütlich durch Europa.
Wenn du „One Life. Live It.“ mit deinen eigenen Worten erklären müsstest – was bedeutet das für dich ganz persönlich?
Der erste Schritt ist immer der schwerste. Mach ihn. Der perfekte Moment kommt nicht – du erschaffst ihn. Ich hatte immer Angst, ins Ungewisse zu gehen, wollte stets eine Absicherung, zum Beispiel einen Job zu Hause, um finanziell abgesichert zu sein. Mein Leben hat sich um 1000 Grad gedreht. Ich habe das Abenteuer meines Lebens erlebt und nenne nun Kambodscha meine Heimat. Das ist das Beste, was mir je passiert ist.
One Day? Day One.
ONE LIFE. LIVE IT.
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