Überrollt, verhaftet, schwanger – und trotzdem immer weiter: Olga on Tour
Zweieinhalb Jahre, 44 Länder, 91’000 Kilometer – und ein Abenteuer, das fast an einem Überrollunfall, einem Gefängnisaufenthalt und unzähligen Autopannen scheiterte. Doch Martina und Toby machten weiter. Denn Aufgeben war nie eine Option.
Wir sprechen mit Menschen, die ihr Leben anders leben – bewusst, mutig, manchmal radikal. Nicht, um zu beeindrucken, sondern um zu inspirieren.
Hier geht’s nicht um Floskeln. Nicht um Hochglanz. Sondern um echte Antworten – auf die Fragen, die man sich am Lagerfeuer stellt, wenn keiner mehr Smalltalk macht. Denn wer unterwegs ist, hat viel zu erzählen. Und oft mehr zu geben, als man denkt.
Über euch und euren Weg
Erzählt kurz von euch: Wer seid ihr?
Wir sind Toby und Martina, ein Schweizer Ehepaar mit einem alten Land Rover Defender. Für 2,5 Jahre waren wir unterwegs – im Nahen Osten und in Afrika. Seit 2023 sind wir wieder zuhause, da unser erster Sohn geboren wurde. Mittlerweile haben wir zwei Kinder und einen Hund.
Erinnert ihr euch an den Moment, an dem ihr zum ersten Mal gespürt habt: Wir wollen raus. Wir wollen mehr vom Leben?
Der Traum einer zeitlich unbegrenzten Overland-Reise begann für uns – genauer gesagt zunächst für mich, Toby – im Jahr 2011, als ich auf einer Abenteuerreise im Yukon zwei Schweizer mit Defender traf, die genau so unterwegs waren. Es hat zwar zehn Jahre gedauert, bis wir uns diesen Traum erfüllt haben – aber irgendwann war es soweit. Und ich konnte Martina mit diesem Traum anstecken – zum Glück.
Was bedeutet Reisen für euch – jenseits von Postkartenmotiven und Bucketlists?
In den Tag leben zu können, ohne Zeitdruck. Wir hatten nie feste Pläne, Erwartungen oder Verpflichtungen. Das gibt Raum und Freiheit in der Tagesplanung und ermöglicht, auf spontane Gegebenheiten zu reagieren und sich darauf einzulassen. Das gibt uns Freude und die gesuchte Freiheit.
Die Frage, die sich alle stellen
Wie habt ihr euch diese Reise finanziert?
Wir haben fünf Jahre gespart, um unsere 2,5-jährige Reise zu ermöglichen. Nun sind wir wieder zuhause und leben ein «normales» Leben … Obwohl – normal? Naja, wir arbeiten wesentlich weniger als unser Umfeld, weil uns Zeit als Familie sehr viel mehr wert ist als viel Geld auf dem Konto. Nur ist es nun auch schwieriger, wieder Geld zu sparen für die nächste Reise. Aber wir werden das schon irgendwie hinkriegen.
Wie sah euer Alltag unterwegs aus?
Auf Reisen hatten wir verschiedene Arten von Alltag. Da gab es Fahrtage, an denen wir oft nicht einmal zum Essen angehalten haben. Dann gab es Organisations- oder Reparaturtage. Die sind zwar Teil des Reisealltags, aber so chaotisch, dass sie kaum etwas Repetitives, Alltägliches innehatten. Und dann gab es auch Entspannungs- und Entdeckungstage, wo wir einfach präsent in unserer Umgebung waren.
Das, was all diese Tage gemeinsam hatten: Der Schwarztee am Morgen durfte nicht fehlen – und Achtung, vermutlich kam gleich noch ein neues Autoproblem dazu.
Gab es Momente, an denen ihr alles hinschmeissen wolltet?
Manche Momente auf einer langen Reise brennen sich tiefer ein als jeder Sonnenuntergang. Drei davon werden wir nie vergessen: der Überrollunfall in der Türkei, die 48 Stunden im äthiopischen Gefängnis – und der Moment, als wir erfuhren, dass wir Eltern werden.
Euer Überrollunfall in der Türkei klingt nach einem Albtraum. Wie habt ihr das vor Ort organisiert – von der Bergung bis zur Reparatur?
Glücklicherweise haben wir zwei Tage vor dem Unfall einen Defender-Mechaniker kennengelernt. Ihm haben wir ein Foto geschickt. Da er die Region gut kannte, war er etwa zwei Stunden später mit zwei Defendern, einem Traktor und einem Übersetzer vor Ort. Mit dieser Unterstützung konnten wir uns selbst bergen und sind dann sogar noch in die Werkstatt gefahren. Der Defender ist einfach immer fahrtauglich – fast immer. ;)
Die Reparatur dauerte drei Monate. Unsere Mechaniker sprachen nur Türkisch und lebten ihre Mentalität natürlich voll aus. Darum hat die ganze Organisation, Vorbereitung und tatsächliche Reparatur sehr, sehr lange gedauert – es war chaotisch und eine grosse Geduldsprobe für uns.
“Diese Zeit hat uns so richtig auf der Reise ankommen lassen.”
Wir wurden Teil der Werkstatt, haben jede Nacht im Auto oder auf dem Werkstattboden übernachtet, mit den Leuten Tee getrunken, zusammen gekocht – und Toby hat viel über Defender gelernt. Jeden Tag kamen neue Fahrzeuge rein, die repariert werden mussten, und Toby hat mitgearbeitet. Dieses Wissen konnten wir auf der weiteren Reise sehr gut gebrauchen.
Und welche Learnings würdet ihr anderen Reisenden mitgeben, wenn plötzlich der Super-GAU passiert?
Ruhig bleiben. Die Leere ertragen. Sich Zeit nehmen für Entscheidungen. Wir Mitteleuropäer wollen oft sofort eine Lösung und möglichst keine Zeit verlieren. Gewisse Dinge brauchen aber Zeit. Hätten wir auf den Rat unserer Freunde und der Versicherung gehört, wäre unser Auto nach Hause abgeschleppt, als Totalschaden gemeldet und auf dem Schrottplatz gelandet.
Wir haben uns aber entschieden, weiterzumachen, für unseren Traum zu kämpfen und die Welt weiter zu bereisen. Das war alles andere als leicht – und es brauchte Zeit.
Im Gefängnis wart ihr auch: 48 Stunden im äthiopischen Gefängnis – wie hat sich das im Moment selbst angefühlt?
Grosse Angst vor dem Unbekannten: Was passiert noch? Wie lange dauert das? Wir haben uns gegenseitig immer wieder ermahnt, im Moment zu bleiben und gedanklich nur einen Schritt weiterzudenken. Ansonsten wären wir – oder besonders ich (Martina) – vor Angst durchgedreht.
„Aufgeben war nie eine Option.“
Was habt ihr konkret getan, um da wieder rauszukommen?
Kooperiert. Ruhe bewahrt. Die Befragungen ernst genommen. Zu Beamten muss man immer respektvoll und ruhig auftreten. Je nervöser, gestresster oder unfreundlicher man wird, desto weniger erreicht man. Das wussten wir zum Glück schon aus vielen vorhergegangenen Begegnungen – und haben uns daran gehalten.
Was würdet ihr anderen Reisenden in einer solchen Situation raten?
Wenn möglich, holt eure Botschaft mit ins Boot. Das ist kein Garant für eine Lösung, aber es erzeugt Druck auf die Beamten. Und kommuniziert: Wiederholt überall eure Sicht der Dinge. Erklärt euch. Schnell ist es passiert, dass eine falsche Version der Geschichte von Beamten zu Beamten weitererzählt wird. Aber nochmals: bleibt ruhig und respektvoll.
Und dann wurdet ihr unterwegs schwanger – das kann ja mal passieren :) Aber was dann?
Das haben wir uns auch gefragt! Nur wenige Tage zuvor hatten wir uns entschieden, die Westküste Afrikas zu bereisen. Das hiess: hohes Malariarisiko, viele Fahrtage, sehr schlechte Strassen, zahlreiche komplizierte Grenzen und Visa-Anforderungen – ein Abenteuer, das zeitlich schwer zu planen ist. Nicht gerade das Beste bei einer bevorstehenden Geburt. Wie wir das gelöst haben, seht ihr in unserem Film.
Was habt ihr euch überlegt – gesundheitlich, organisatorisch und emotional?
Grundsätzlich hätten wir uns vorstellen können, ein Baby am anderen Ende der Welt zu bekommen. Überall werden Babys geboren, wir fühlten uns sicher. Aber für uns war vor allem das Finanzielle ausschlaggebend. Wir hatten kaum mehr Budget. Und eine Geburt kostet – vor allem auch die Zeit danach. Ausserdem war mir die Unterstützung meiner Familie sehr wichtig, wenn wir ein Neugeborenes haben.
Gab es einen Moment, in dem ihr dachtet: «Jetzt wird’s wirklich kompliziert» – oder habt ihr euch getragen gefühlt?
Ganz oft waren wir sehr überfordert – mit all unseren Gedanken, den Möglichkeiten, den Einschränkungen und unseren Bedürfnissen. Viel Austausch mit Freunden und die Entscheidung, nicht sofort zu entscheiden, haben uns sehr geholfen.
„Der Mensch ist gut und will Gutes tun – nur manchmal steht ihm seine Uniform im Weg.“
Hat sich euer Blick auf die Welt durch das Unterwegssein und all euren Erfahrungen verändert?
Auf jeden Fall! Wir spürten schnell: Der Mensch ist gut und will Gutes tun. Nur seine Uniform und die Rolle, die der Mensch innehat, hindern ihn manchmal daran.
Auf unserer Reise waren es nicht die Orte, die uns am meisten geprägt haben – sondern die Menschen. Unzählige Begegnungen, flüchtige und tiefe, kurze Besuche und lange Gespräche. Menschen, die uns ohne Zögern in ihr Zuhause eingeladen haben, obwohl wir Fremde waren. Menschen, die teilten, was sie hatten – oft mehr, als sie sich leisten konnten.
So hat uns beispielsweise ein Brite, der in Saudi-Arabien wohnte, sein Vorderdifferential geschenkt, damit wir weiterreisen konnten. Er war eigentlich auch auf sein Auto angewiesen, hat aber eine andere Lösung gefunden, bis das Ersatzteil bei ihm war.
Oder der Araber, der uns einen neuen Kühlschrank geschenkt hat, weil unser kaputt war. Der Iraner, der zwei Tage lang mit uns durch die Straßen lief, um das richtige Ersatzteil zu finden. Der Georgier, der uns mit seinem Truck aus dem tiefen Matsch im Wald zog. Der Sudanese, der uns zum Frühstück in sein Dorf einlud. Der Iraner, der mit seinem Bulldozer anrückte, um uns aus dem nassen Sand zu ziehen. Der Araber, der uns dringend benötigte Ersatzteile von Dubai in den Oman brachte. Der Südafrikaner, der uns seine Werkstatt für einen Monat und eine Komplettrestauration des Autos (wegen eines Chassisbruchs) überliess. Die Liste ist lang – und könnte noch viel länger sein.
Wenn ihr heute auf eure Reise zurückschaut: Was würdet ihr anders machen – und warum?
Wir würden langsamer werden, wenn wir gestresst sind. Immer wenn es hektisch wurde, haben wir noch mehr aufs Gaspedal gedrückt, anstatt uns Zeit zu nehmen, um zur Ruhe zu finden. Mitte der Reise hatten wir diese Erkenntnis und spürten, dass wir oft innerlich getrieben und unruhig sind.
Umsetzen konnten wir es bis zum Schluss nicht sehr gut – aber immer besser. Beim nächsten Mal würden wir langsamer reisen und besonders in Drucksituationen den Stress rausnehmen und in der Situation bleiben, damit Ruhe einkehren kann.
Was uns nämlich aufgefallen ist: Ein Ort wird schön, je länger man dort bleibt. Die überraschenden, kleinen Details fallen erst auf, wenn man wirklich ankommt und geniesst.
„Die Welt ist besser, als man glaubt – man muss sie nur erleben.“
Ihr habt einen Film über eure Reise gemacht. Wann und wie ist die Idee dazu entstanden – schon vor der Reise, unterwegs oder erst danach?
Wir haben unterwegs angefangen zu filmen und irgendwann gemerkt, dass wir ziemlich krasse, herausfordernde Dinge erleben. Diese haben wir dokumentiert, ohne zu wissen, was wir damit machen sollen. Gegen Ende der Reise wurde klar: nicht YouTube, nicht Instagram – wir wollen einen Film.
Um das Ganze zu finanzieren, haben wir ein Crowdfunding gestartet, das glücklicherweise erfolgreich war. Dadurch konnten wir einen Filmemacher engagieren, der die gesamten 170 Stunden Filmmaterial gesichtet hat und nun mit uns gemeinsam am finalen Schnitt arbeitet.
Wovon träumt ihr noch – ganz persönlich, ganz ehrlich?
Wir träumen davon, die Seidenstrasse und die Kultur des Ostens kennenzulernen. Und wir wünschen uns sehr, dass wir unseren kleinen Kindern die Welt zeigen dürfen und diesen Traum eines Tages verwirklichen können. Natürlich gibt es dabei einige Hürden – aber die sind ja da, um überwunden zu werden.
Gibt es ein Projekt, das euch besonders am Herzen liegt?
Ja, unser Reisefilm “Immer weiter” erzählt von unseren eindrücklichsten Momenten unterwegs – vom Überrollunfall in der Türkei, von 1000 Kilometern durch die Wüste, von unserer Zeit im äthiopischen Gefängnis und davon, wie es war, schwanger auf Weltreise zu sein.
Wer Lust hat, noch tiefer in unsere Geschichte einzutauchen, findet alle Infos und Termine auf unserer Website oder bei Instagram.
Website: olgaontour.ch
Instagram: @olgaontour_