Und vor uns die ganze Welt. Im Ambassador von Indien nach Europa.

Und vor uns die ganze Welt. Im Ambassador von Indien nach Europa.

Eine Route aus einem Buch. Ein Auto, das macht, was es will. Und zwei Menschen, die unterwegs merken, dass Reisen weniger mit Aufbruch zu tun hat als mit Aushalten.

Man kann eine Reise planen. Eine Route festlegen, ein Fahrzeug wählen, sich vorbereiten. Und dann gibt es Reisen, die sich erst unterwegs zeigen.

Als Andreas Babst und Rebecca sich auf die Spuren von Annemarie Schwarzenbach und Ella Maillart begeben, geht es nicht nur um eine Strecke von Indien nach Europa. Es geht um eine Idee von einer Reise, die fast ein Jahrhundert später noch nachwirkt – und heute anders aussieht, als man es erwarten würde.

Was bleibt, sind selten Postkartenmotive. Sondern Momente, Zweifel und Fragen, die sich nicht einfach auflösen. Wir haben nicht nach der Reise gefragt. Sondern nach dem, was dahinter liegt.

Die Route – von Indien in die Schweiz


Ihr seid eine historische Route rückwärts gefahren – auf Basis eines Buches aus den 1930er-Jahren von Annemarie Schwarzenbach und Ella Maillart. Wieso genau dieses Buch?

Es sind eigentlich zwei Bücher über dieselbe Reise: Annemarie Schwarzenbach und Ella Maillart fuhren von der Schweiz nach Afghanistan, während der Reise brach in Europa der Zweite Weltkrieg aus. Aus der Reise entstanden zwei Bücher: Maillarts “Der bittere Weg” und Schwarzenbachs “Alle Wege sind offen”. Ich bin 2020 als Reporter nach Indien gezogen und hatte die Bücher damals schon im Gepäck. Ich bin dann beruflich in Afghanistan und Pakistan gereist. Und Schwarzenbachs Buch war immer bei mir. Deshalb kam irgendwann die Idee, von Indien zurück nach Europa zu fahren - in die andere Richtung als Maillart und Schwarzenbach, und mit einer etwas abgeänderten Route. 


Was daran hat euch wirklich gepackt – nicht rational, sondern persönlich?

Ich fand vor allem Schwarzenbachs Buch einen Schatz. Nicht nur, weil sie eine fantastische Schreiberin ist. Sie ist eine Zweiflerin, sie konnte sich während der Reise nie losreissen von dem, was gerade in Europa und der Welt passiert. Sie hat die Begegnungen und die Erfahrungen auf dieser Reise in den Zustand der Welt eingeordnet und mit ihren Erfahrungen abgeglichen. Das hat mich berührt. Ich kenne dieses Zweifeln sehr gut. Wie Schwarzenbach wollte ich nicht reisen, nur um des Abenteuers willen, sondern um die Welt zu erfahren.


Was hat euch unterwegs am meisten desillusioniert – nicht politisch, sondern menschlich?

Ich bin Journalist, Rebecca ist Fotografin, wir haben berufsbedingt schon vor dieser Reise viel Schlimmes und sehr viel Schönes gesehen. Wir hatten wenig Illusionen, als wir aufbrachen. Aber vielleicht eine Hoffnung: Gibt es in dieser Welt, die gerade so fragmentiert scheint, etwas Einendes, etwas tiefes Menschliches, das uns alle verbindet? Und ja, das gibt es. 

“Edwina ist mehr als ein Auto. Sie ist ein schwarzer Hindustan Ambassador, das erst in Indien hergestellte Auto und deshalb verschweißte Nostalgie.”

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Edwina – ein Ambassador, das wohl indischste Auto überhaupt


Edwina wirkt im Buch wie eine eigenständige Figur. War sie für euch eher Belastung – oder der Grund, warum die Reise überhaupt funktioniert hat?

Ich glaube, die meisten der OLLI-Leser sind besser vorbereitet, wenn sie aufbrechen zu ihren Abenteuer. Wir haben Edwina in Indien gekauft, sie ist ein Ambassador, das indischste Auto überhaupt. Wer schon einmal in Kalkutta war, kennt vielleicht die Taxis, die ganz ähnlich aussehen wie der britische Klassiker Morris Oxford - das ist ein Ambassador. Sie werden leider nicht mehr hergestellt. Und sie sind eigentlich auch nicht gebaut für grosse Überlandreisen. Schon gar nicht, um damit durch Schlamm, Sand und über den Himalaya zu fahren. Aber Edwina hat mit uns alles durchgemacht, dabei oft gemurrt, aber fast nie aufgegeben. Sie ist ein besonderes Auto, und sie hat diese Reise besonders gemacht. Weil sie auch so wunderbar aus der Zeit gefallen aussieht, dass sich unterwegs viele schöne Gespräche ergaben. 


Gab es einen Moment, in dem ihr ernsthaft dachtest: „Wir lassen sie hier stehen“?

Nie. Dieses Auto geben wir nicht auf. Nach Erscheinen des Buches hat mir jemand ein Kaufangebot gemacht. Ich habe abgelehnt. 


Wenn Edwina für etwas steht – was ist es? Freiheit, Kontrolle, Chaos oder etwas ganz anderes?

Sie steht dafür, dass mehr möglich ist, als man glaubt. Man kann mit einem alten indischen Kleinwagen 15 000 Kilometer von Indien nach Europa fahren. Das war nicht immer bequem, aber insgesamt ziemlich elegant. 

“Edwina macht, was sie will, und sieht dabei umwerfend aus.”

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Ihr schreibt selbst: „Wir zählen nicht. Wir sind nur Gäste.“ Gab es einen Moment, in dem ihr dachtet: Eigentlich sind wir hier gerade fehl am Platz?

Zum Glück nicht. Ich glaube, beim Reisen zählt die Haltung, was will ich von meiner Reise? Ein Abenteuer, Instagram-Follower, Begegnungen? Alles ist legitim. Ich wollte Menschen treffen, die sich ähnliche Fragen stellen wie ich. Und mir aufschreiben, welche Antworten sie gefunden haben auf die Dinge, die uns alle beschäftigen: Migration, Klimawandel, der Rückgang der Demokratie. Ich glaube, wer mit einer gewissen Offenheit und Durchlässigkeit reist, wer sich selber nicht zu wichtig nimmt, ist nirgendwo fehl am Platz. 


Was war schwieriger: voranzukommen – oder auszuhalten, dass man nichts verändern kann?

Da hilft mir mein Beruf als Reporter. Ich bin nirgendwo, um irgendetwas zu verändern. Ich bin da, um zu berichten. Ob das dann bei den Lesern meiner Texte irgendetwas verändert, kann ich nicht beeinflussen. Das hilft, sich nicht mitreißen zu lassen, vom Schlimmen und vom Schönen. Aber natürlich: Das für mich Anstrengendste auf so einer Reise ist, ständig aufzubrechen. Man baut Nähe auf zu Menschen und sieht sie dann im Rückspiegel. 

“Edwina hat Sand in der Lüftung … sie klopft und kesselt und ist überhaupt sehr schnippisch wegen des schlechten Benzins … aber sie fährt weiter, immer weiter.”

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Hat euch die Reise offener gemacht – oder vorsichtiger?

Offener. Immer offener.


Was würdet ihr heute nicht mehr so romantisch sehen wie im Moment des Erlebens?

Wir sind 2024 gereist, ich bin also schon wieder am Punkt, wo ich alles romantisiere! Ich glaube, dieses Freiheitsgefühl, du fährst überland von Indien nach Europa, eine Reise, die irgendwie nicht mehr ins Heute passt, weil heute nimmt man das Flugzeug. Dieses Freiheitsgefühl stellt sich dann auf der Straße schon immer wieder ein. Aber zwischendurch ist es auch einfach anstrengend, du musst vorwärtskommen und dein Auto fährt höchstens 80 Stundenkilometer. 


Wenn jemand euer Buch liest und danach aufbricht: Was wird er falsch verstehen?

Ich glaube nicht, dass unser Buch ein idealer Reiseführer ist. Es ist eher Reiseliteratur: Geschichten von unterwegs, von wunderbaren Orten mit faszinierenden Menschen. Es ist keine Anleitung, wie man von Indien nach Europa kommt. Aber man kann mir natürlich immer eine E-Mail schreiben, wenn man nach dem Buch eine konkrete Frage hat. 

“Edwina wirkt etwas mitgenommen. Elegant wie eh und je, aber man sieht ihr die Reisestrapazen nun deutlich an.”

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Du schreibst, dass vieles aus der Nähe komplizierter wird. Gab es einen Moment, wo du dachtest: „So einfach ist es eben doch nicht“?

Ständig. Die Welt ist viel weniger schwarz-weiss, als wir sie uns vorstellen, daheim, während die Tagesschau läuft. 


Viele Szenen bleiben hängen – das Kamel im Auto, die Werkstätten, der Schlamm. Was war für dich persönlich unangenehmer, als du erwartet hast?

Definitiv der Schlamm. Wir sind während des Monsuns mit einem Kleinwagen durch Nepal gefahren. Das war nicht nur unangenehm, sondern tatsächlich gefährlich. Auf Englisch sagt man “Ignorance is bliss” - wir wussten schlicht nicht, dass die Strassen so furchtbar sind. 


Du schreibst, dass du irgendwann müde vom Unterwegssein warst. War das nur ein Moment – oder ist dieses Gefühl geblieben?

Ich war nach der Reise ziemlich ermattet. Das ist zum Glück vorbei, ich bin noch immer Reporter in Asien und muss ständig reisen. 


Ihr habt oft improvisiert, repariert und weitergemacht. Gab es einen Moment, in dem ihr dachtet: Wenn jetzt noch etwas kommt, wird’s kritisch?

Eigentlich nicht. Wir wollten es einfach heim schaffen, irgendwie. Das Schlimmste wäre gewesen, wenn Edwina vollständig aufgegeben hätte, also wenn zum Beispiel eine Achse gebrochen wäre. Aber wir haben sie immer wieder flott gekriegt. In China hat ein Mechaniker einen neuen Auspuff improvisiert. Man kann mehr machen, als man denkt, man muss es einfach machen. 

“Wir polieren Edwina in Autowaschanlagen neben der Landstraße, sie glänzt jetzt wie zuletzt in Taschkent, und ich glaube, sie ist auch stolz.”

  • Ein Satz zur Route: Von Indien nach Europa, wie früher einmal die Hippies und die Abenteurer.
  • Ein Satz zu Edwina: Das beste Auto der Welt, eine alte Dame, die sich immer etwas kapriziert und dann doch mitmacht. 
  • Ein Satz zu euch: Ich bin Reporter, Rebecca ist Fotografin, und so richtig gut Autofahren können wir eigentlich auch nicht - aber jeder ist ein Abenteurer. 
  • Und: Würdet ihr die Reise nochmals machen – genauso oder anders? Immer. Genau so. 



Folge Andreas und Rebecca hier:


Fotos: © Rebecca Conway


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Und vor uns die ganze Welt

Eine Reise über Land von Indien in die Schweiz

In einem alten indischen Auto macht sich Andreas Babst zusammen mit seiner Freundin Rebecca auf den Weg von Indien nach Europa – auf der Suche nach Antworten in einer Welt, die uns immer unsicherer und unberechenbarer erscheint. Sie fahren über Nepal nach China, durch Zentralasien, übers Kaspische Meer Richtung Türkei und von dort in die Schweiz. Anhand von Begegnungen beschreibt Andreas Babst diese außergewöhnliche Reise und verleiht den aktuellen Themen, die uns Europäer zunehmend verunsichern, ein Gesicht.

«Eine Ode an den Aufbruch ins Unbekannte, gerade in misstrauischen Zeiten» — NZZ AM SONNTAG

Link zum Buch

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