1939 nach Kabul: Die außergewöhnliche Reise von Ella Maillart und Annemarie Schwarzenbach am Vorabend des Zweiten Weltkriegs

1939 nach Kabul: Die außergewöhnliche Reise von Ella Maillart und Annemarie Schwarzenbach am Vorabend des Zweiten Weltkriegs

Es ist Frühling 1939, in Genf. Europa schwankt zwischen Angst und Taumel. Während sich der Kontinent auf den Krieg zubewegt, steigen zwei Schweizerinnen in ein offenes Auto – Richtung Osten, Richtung Kabul, Afghanistan.

Ella Maillart ist 36, Sportlerin, Fotografin, Reiseschriftstellerin – eine Frau, die ihren Platz in der Welt nicht durch Rebellion, sondern durch Neugier behauptet. Sie hat den Kaukasus zu Fuß durchquert, in der Mandschurei recherchiert, in Indien gelebt – und sie sieht, dass die Welt kippt. Annemarie Schwarzenbach ist 31, stilprägende Autorin, Fotografin, Morphin-Abhängige – eine, die nicht ankommen will, sondern verschwinden. Sie hat Amerika durchquert, Slums fotografiert, Arbeiter interviewt, sich durch Nachtzüge und Nervenzusammenbrüche geschrieben. Zusammen zogen sie 1939 in einem Ford V8 Deluxe Roadster los ... Zwei Frauen, ein offenes Auto, 12’000 Kilometer vor sich, wie sich am Ende herausstellt. Ihr Ziel: Kabul. 

Zwei allein reisende Frauen, ohne Dolmetscher, ohne Schutz? Für viele ein Affront. Für sie: ein Statement.

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Annemarie Schwarzenbach – Rebellin. Reporterin. Stimme einer zerrissenen Zeit.

Annemarie Schwarzenbach (1908–1942) war vieles – und nichts davon bequem. Geboren in eine mächtige Zürcher Industriellenfamilie, war sie Intellektuelle, Kosmopolitin, Antifaschistin, Morphinabhängige, offene Lesbe, Stil-Ikone, Ruhelose – und vor allem: eine der ersten grossen Reiseschriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie reiste durch vier Kontinente: nach Russland, in den Kongo, nach Marokko, in die USA, durch den Nahen Osten bis nach Afghanistan und Indien. Doch sie reiste nicht, um zu zeigen, wo sie war – sondern, um zu begreifen, was ist. In ihren Fotoreportagen und literarischen Arbeiten verschmolzen das Persönliche und das Politische auf radikal neue Weise. Sie fotografierte Slums und Barrikaden, schrieb über Arbeitslose in Amerika, Nationalisten in Europa, Frauen in Palästina. Immer mit einem Blick, der Anteil nahm – aber nie vereinnahmte. 

Die „Reisen in den Orient“ (1933–1939) – durch die Türkei, den Libanon, Syrien, Palästina, Persien, Afghanistan – gelten als das Zentrum ihres Werks. Entstanden sind unterwegs hunderte Fotografien, Reportagen, Briefe und autofiktionale Texte. Keine kalten Chroniken, sondern Kompositionen aus Nähe, Schmerz und Reflexion. Sie schrieb nicht über das Andere – sie schrieb sich hinein. Ihre berühmten „illustrierten Karteikarten“ sind mehr als Reiseberichte. Sie sind kleine Kunstwerke aus Text und Bild – ein Spiel mit Medien, Identität und Erzählform. Sie überschreiten Grenzen: geografisch, kulturell, sprachlich, geschlechtlich. „Bilder müssen Geschichten erzählen“, schrieb sie. Und meinte damit: Geschichten müssen mehr sein als Nachrichten. Sie müssen Haltung zeigen. Auch wenn sie wehtun. Annemarie Schwarzenbach hat das Reisen in eine existenzielle Praxis verwandelt. Ihr Werk ist kein Zeugnis touristischer Neugier – sondern eine Chronik einer Suchenden, die nie aufgehört hat, Fragen zu stellen. An die Welt. An sich. An uns.

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Ella Maillart – Forscherin des Menschlichen. Freigeist auf Weltkurs.

Ella Maillart (1903–1997) war eine Pionierin – auf den Meeren, in den Bergen und im Denken. In Genf geboren, war sie als Jugendliche eine Ausnahmeerscheinung: Hochleistungssportlerin, Seglerin bei den Olympischen Spielen 1924, Gründerin des ersten Frauen-Hockeyclubs der Westschweiz. Abenteuerlust war für sie kein Konzept – sondern eine Lebensform. Mit 27 reiste sie nach Moskau, überquerte zu Fuß den Kaukasus, berichtete über das Leben junger Menschen im sowjetischen Alltag. Kurz darauf war sie als Journalistin in der Mandschurei unterwegs – damals japanisch besetzt, für westliche Reporterinnen schwer zugänglich. Was sie trieb, war keine Sensationslust, sondern ein humanistischer Kompass. 

Ob in Turkestan, im Iran, in China, Indien oder Afghanistan – Ella Maillart wollte verstehen, nicht bewerten. In ihren Texten begegnet man nie einem kolonialen Blick, sondern einer tiefen Achtung vor dem Anderen. Ihre Reise mit Annemarie Schwarzenbach – von der Schweiz nach Kabul – war ihre berühmteste Reise, aber nur eine von vielen. Später lebte sie in einem indischen Ashram, wo sie sich intensiv mit der hinduistischen Philosophie beschäftigte – nicht als Touristin, sondern als Schülerin. Sie schrieb über ein Dutzend Bücher, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Doch ihre Texte sind keine Reise-How-tos. Es sind Einladungen, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Und ihre Fotografien? Kein Beiwerk. Sondern Aussagen. Atmosphärisch, konzentriert, voller Respekt. Was Ella Maillart so besonders macht, ist ihr Blick: eine Mischung aus analytischer Distanz und poetischer Empathie. Sie zeigte nicht nur, wo sie war. Sie zeigte, wie man schauen kann. Ihre Texte sind feministisch – ohne Parolen. Spirituell – ohne Dogma. Politisch – ohne Ideologie. Sie war eine Reisende mit Haltung. Und bis zuletzt jemand, der nicht von Grenzen sprach, sondern sie überschritt.

Was heute noch als anspruchsvolle Overland-Route gilt, war damals eine Grenzüberschreitung in jeder Hinsicht. Politisch, gesellschaftlich, kulturell.

Ella Maillart und Annemarie Schwarzenbach kannten sich flüchtig aus literarischen und intellektuellen Kreisen der Schweiz, insbesondere über gemeinsame Bekannte wie Erika und Klaus Mann. Es gibt Hinweise darauf, dass sie sich vor dem Klinikaufenthalt bereits begegnet waren, aber erst im Winter 1938/39 durch Maillarts Besuch in Yverdon eine echte Verbindung entstand. In Maillarts Buch „Der bittere Weg“ beschreibt sie, wie sie Schwarzenbach in der Klinik besuchte – aus einer Mischung aus Mitgefühl, Neugier und Hoffnung, sie aus der Krise herauszuholen. Ab da begann die eigentliche Nähe. Man kann also sagen: Sie hatten sich schon gesehen, aber erst jetzt wirklich erkannt. Aus diesem Gespräch wuchs Vertrauen. Und aus dem Vertrauen ein Plan. Ella wollte Annemarie helfen, sich von ihrer Abhängigkeit zu lösen – mit Bewegung, mit Abstand, mit einer gemeinsamen Reise. Nicht als Flucht. Als Versuch, wieder zu sich zu finden.

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Der Ford und der Plan – 12’000 Kilometer bis Kabul

Es ist Mai 1939, als Ella Maillart und Annemarie Schwarzenbach in einem Ford V8 Deluxe Roadster aufbrechen – zwei Frauen, ein offenes Auto, 12’000 Kilometer vor sich, wie sich am Ende herausstellt. Ihr Ziel: Kabul. Nicht, weil es dort ein Abenteuer verspricht, sondern weil es weit genug weg ist. Von der Schweiz. Vom Krieg. Vom Schmerz. Die Route war kein gerader Strich auf der Landkarte, sondern ein tastender Weg durch ein zerrissenes Europa und einen ungewissen Osten – mit Umwegen, Verzögerungen, Irrwegen. So kamen jene 12’000 Kilometer zusammen, auf denen sie sich langsam von allem entfernten, was sie zurückhielt. 

Der Wagen war ein Geschenk von Annemaries Vater – eine Geste zwischen Fürsorge und Kontrolle, vielleicht auch ein Versuch, seine Tochter zur Rückkehr ins Leben zu bewegen. Ein elegantes Cabriolet, gebaut für Boulevards – und doch bereit, zur Bühne einer Ausnahmefahrt zu werden. Sie fahren los, ohne Fanfaren, ohne Begleitschutz, ohne Auftrag. Keine Sponsoren, keine Mission. Nur zwei Frauen auf der Suche nach Richtung.

Die Route führt sie durch Österreich, Jugoslawien, Bulgarien, Griechenland und die Türkei. Über das Taurusgebirge, weiter durch Syrien, den Irak, den Iran. Über den Elburs, an Teheran vorbei, bis nach Herat. Und schließlich nach Kabul.

Sie schlafen in Gasthäusern, bei Bekannten, unter freiem Himmel. Reparieren Reifen, organisieren Proviant, verhandeln mit Grenzbeamten. Maillart dokumentiert präzise und zurückhaltend. Schwarzenbach schreibt melancholisch und existenziell. In vielen Gegenden gibt es kaum befestigte Straßen – oft nur Spuren im Staub. Und zwei alleinreisende Frauen, ohne Dolmetscher, ohne Schutz? Für viele ein Affront. Für sie: ein Statement. Was heute noch als anspruchsvolle Overland-Route gilt, war damals eine Grenzüberschreitung in jeder Hinsicht. Politisch, gesellschaftlich, kulturell.

Der Auslöser der Reise war pragmatisch: Als Schwarzenbach den Ford erhielt, schlug Maillart die Fahrt nach Afghanistan vor – eine Idee zwischen Heilung und Herausforderung. Sechs Monate, finanziert durch Reportagen und Bilder. Schwarzenbach übernahm das Steuer, regelte Visa und Versicherungen. Ihr Diplomatenpass öffnete Türen. Am 6. Juni 1939 brachen sie auf. Anfang September erreichten sie Kabul. Nicht wie Heldinnen, sondern wie zwei, die unterwegs mehr suchten als ein Ziel.

Die Reise war fordernd. Der Ford blieb mehrfach liegen. Schwarzenbach brach seelisch ein und griff erneut zu Morphin. Maillart hoffte auf Erlösung durch Bewegung – doch in der Weite lag kein Trost, nur Konfrontation. 

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Kabul, September 1939 – Die Welt brennt – und sie sind mittendrin

In Kabul holte sie die Welt ein: Der Krieg war ausgebrochen. Europa stand in Flammen, Frankreich und Großbritannien hatten Deutschland den Krieg erklärt. Was als Reise zur Selbstfindung begann, wurde plötzlich zur Fluchtroute. Die politische Wirklichkeit war näher als jeder Grenzposten – und ließ keine Zeit mehr für Illusionen.

Was als Aufbruch begann, endete abrupt. Annemarie erkrankt, verfällt erneut dem Morphin. Ella erkennt: Bewegung heilt nicht. Die Wüste gibt nichts – sie entblößt nur. Maillart reist weiter nach Indien. Schwarzenbach bleibt zurück, ringt mit sich, mit dem Entzug, fährt später allein über den Khyberpass nach Lahore und kehrt nach Europa zurück.

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Was bleibt – kein Roadtrip, sondern ein Vermächtnis

Die Freundschaft zerbricht leise, aber das Erlebte bleibt. 1947 erscheint Maillarts Bericht „Der bittere Weg“, in dem sie Schwarzenbach unter dem Namen „Christina“ beschreibt. Erst Jahrzehnte später wird auch Annemaries Stimme in ganzer Tiefe gehört.

2024 wird ihr gemeinsamer Nachlass ins UNESCO-Register „Memory of the World“ aufgenommen. Nicht wegen der Strecke. Sondern wegen der Haltung. Weil sie aufbrachen, als die Welt zerbrach. Weil sie zeigten, was es heißt, wirklich unterwegs zu sein.

Ich reise nicht, um zu fliehen – sondern um zu schauen“, sagte Ella. Und Annemarie schrieb: „Ich reise, um zu erinnern.“ Ihre Reise war kein Roadtrip. Sie war ein Manifest – für Freiheit, für Freundschaft, für das Suchen.

One Life. Live it.

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Fotos: Schweizerische Nationalbibliothek, SLA-Schwarzenbach 

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