Allrad im Staub: mit dem Buchanka in ein Leben ohne Enddatum

Allrad im Staub: mit dem Buchanka in ein Leben ohne Enddatum

Jana und Dominik von @allrad_im_staub sind mit einem UAZ Buchanka auf Langzeitreise durch den Kaukasus und Zentralasien. Im OLLI-Interview sprechen sie darüber, warum sie ihre Jobs gekündigt haben, weshalb sie ausgerechnet einen russischen UAZ-Allradbus gewählt haben, wie sie mit Pannen und Unsicherheit umgehen – und wie Tadschikistan, Kirgistan und Kasachstan ihren Blick auf Sicherheit, Besitz und Gastfreundschaft verändert haben.

In den OLLI Stories sprechen wir mit Menschen, die ihr Leben anders leben – bewusst, mutig und auf ihre ganz eigene Art. Keine Floskeln. Kein Hochglanz. Sondern ehrliche Antworten auf die Fragen, die man sich erst stellt, wenn das Lagerfeuer brennt und der Smalltalk vorbei ist. Geschichten, die zeigen: Es geht auch anders.

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Wer seid ihr? Seit wann seid ihr unterwegs? Was habt ihr bisher erlebt? Wo seid oder lebt ihr gerade? Und was kommt als Nächstes?

Wir sind Jana (36) und Dominik (39), aufgewachsen in der Pfalz – zwei Menschen, die auf dem Papier eigentlich alles „richtig“ gemacht hatten. Dominik hat in der Chemiebranche gearbeitet, Jana 16 Jahre lang bei dmTECH, zuletzt in einer Führungsposition mit rund 40 bis 45 Mitarbeitenden. Beide Jobs waren sicher, es gab keinerlei Grund zu kündigen. Im Gegenteil: Vor uns standen weitere Karrierestufen offen, gerade bei Jana lief es beruflich richtig gut. Und trotzdem haben wir irgendwann beschlossen, all das gegen ein Leben auf vier Rädern einzutauschen.

Seit März 2026 sind wir mit unserem UAZ Buchanka und unserer Hündin Bella auf einer langen Reise durch den Kaukasus und Zentralasien unterwegs. Es ist nicht unser erstes Abenteuer dieser Art: Schon von April bis Ende September 2024 waren wir ein halbes Jahr mit einem selbst ausgebauten Ford Transit durch Osteuropa und den Balkan unterwegs – als eine Art Testlauf, wie sich dieses andere Leben eigentlich anfühlt. Und schon für diesen ersten Ausflug ins Ungewisse haben wir radikal aufgeräumt: Wir haben unsere Mietwohnung komplett aufgelöst, fast alle Möbel verkauft oder verschenkt, einen ganzen Flohmarkt organisiert und die letzten drei Monate vor der Abfahrt bei Janas Eltern gewohnt. Übrig blieb am Ende nur, was in ein paar Kisten passt, plus zwei, drei Möbelstücke – mehr Besitz haben wir bis heute nicht wieder aufgebaut. Das Einzige, was wir uns damals noch bewahrt haben, waren unsere Jobs, für die wir sechs Monate unbezahlten Urlaub genommen hatten.

Also sind wir noch einmal zurück in unsere Jobs, haben rund eineinhalb Jahre diszipliniert gespart und alles für die zweite, größere Reise vorbereitet. Diesmal ohne Netz – wir haben unsere Jobs gekündigt.

Bisher haben wir unfassbar viele Landschaften und Menschen erlebt, jede Menge Abenteuer und mindestens genauso viele Herausforderungen mit dem Auto – wir sind schließlich keine gelernten Automechaniker und mussten trotzdem lernen, mit Pannen umzugehen. Aktuell befinden wir uns in Zentralasien, auf und um den Pamir Highway in Tadschikistan. Was als Nächstes kommt, planen wir bewusst nicht auf Jahre voraus – wir entscheiden meistens spontan, je nachdem, wie es sich anfühlt, wie unsere Vorräte reichen und wie viel Zeit uns Visa und Jahreszeiten lassen. Denn das Reisen ist für uns kein Projekt mit Enddatum mehr, sondern einfach unser Leben.

„Genau das ist die Geschichte, bei der wir zu Hause oft nur ungläubiges Kopfschütteln ernten: dass ausgerechnet dort, wo die Menschen am wenigsten besitzen, am meisten echte Wärme und Zufriedenheit zu finden ist.“ 

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Könnt ihr euch noch an den Moment erinnern, in dem ihr wusstet: „Wir machen das jetzt.“?

Der Moment kam eigentlich schon während unserer ersten, halbjährigen Reise 2024. Wir haben gemerkt, wie viel Spaß uns das Leben im Bus macht – diese Unabhängigkeit, das Gefühl, mit so wenig auszukommen. Gleichzeitig ist uns aufgefallen, dass wir mit unserem damaligen Auto nicht in alle Regionen kamen, in die wir eigentlich wollten – deshalb der Wunsch nach einem Allradfahrzeug. Als klar wurde, dass wir unbedingt Zentralasien bereisen wollten (ursprünglich getriggert durch den Wunsch, in die Mongolei zu fahren), stand fest: Wir wollen nicht zurück in dieses System, vor allem Jana nicht in ihren früheren, sehr fordernden Managementjob. Diese halbjährige Auszeit hat uns beide verändert – und dann war klar: Wir machen das jetzt.


Welcher Satz, Gedanke oder Moment hat euer Leben verändert?

Es war kein einzelner Blitzmoment, sondern ein Gedanke, den eine Freundin von Jana einmal ausgesprochen hat – und der sich danach nicht mehr aus dem Kopf verabschieden wollte.

Im Kern ging es darum: Unser Leben ist kurz, und wir wissen nie, wie viel Zeit uns wirklich bleibt. Wir hatten so viel gearbeitet, so viel für den Job investiert – aber irgendwann haben wir uns gefragt, ob wir wirklich so viel Verantwortung, so viel Absicherung um jeden Preis brauchen. Daraus wurde ein Entschluss: bewusst aus dem System ausbrechen. Herausfinden, was das Leben sonst noch zu bieten hat, was alles möglich ist, wenn man es einfach ausprobiert – mit dem vollen Risiko, dass es auch scheitern kann. Aber genau dieses Risiko war uns die Sache wert. Denn so oder so hätten wir danach etwas, das uns keiner mehr nehmen kann: Geschichten zu erzählen, statt uns eines Tages fragen zu müssen: „Hätten wir es doch gemacht.“


Wie haben Familie und Freunde reagiert?

Ganz unterschiedlich – und ehrlich gesagt genau die Bandbreite, die man erwarten würde.

Janas Eltern waren die ersten, denen wir von der Idee erzählt haben, noch während unserer ersten Reise am Telefon. Die Reaktion kam prompt und unmissverständlich: „Nein, nein, ihr mit euren Ideen – bleibt bloß weg damit.“ Für sie stand plötzlich alles infrage: der sichere Job, die Wohnung, das ganze bisherige Leben, das wir schon vorher Stück für Stück aufgelöst hatten. Erst als wir wieder zurück waren und in Ruhe, ganz konkret darüber gesprochen haben, konnten sie langsam nachvollziehen, warum wir das wirklich wollen – die Sorge um Sicherheit und Finanzen ist geblieben, aber aus dem ersten Schock wurde echtes Verständnis.

Bei Freunden und ehemaligen Arbeitskollegen war es fast durchweg das Gegenteil: „Voll mutig“, „das könnte ich nicht“, „richtig cool, dass ihr das macht“ – so oder so ähnlich haben wir es immer wieder gehört. Manche sind sogar noch einen Schritt weitergegangen und haben ganz offen gesagt: „Ehrlich, ich beneide euch total.“ Für uns war das eigentlich das schönste Kompliment, das man uns machen konnte – der Beweis, dass wir mit dem, was wir uns getraut haben, bei vielen Menschen genau den Nerv getroffen haben, den sie selbst gerne mal ausleben würden.

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Wer von euch musste den anderen eigentlich überzeugen?

Dominik war eindeutig der Treiber, derjenige, der als Erster gesagt hat: Das machen wir jetzt wirklich. Jana hatte dabei ein größeres Sicherheitsbedürfnis – sie hatte einen richtig guten Job, ein gutes Einkommen, eine Karriere, in die sie viele Jahre investiert hatte, und war es schlicht nicht gewohnt, noch einmal bei null anzufangen. Das hat den gemeinsamen Weg aber nicht ausgebremst: Während Dominik den Anstoß gab, hat Jana ihre eigenen Bedenken parallel für sich sortiert – am Ende standen beide gleichermaßen überzeugt hinter der Entscheidung.


Was war das Schwierigste daran, tatsächlich loszufahren?

Das Überraschende ist: Das eigentliche Losfahren war gar nicht der schwierigste Teil – wir waren zu dem Zeitpunkt schon „on fire“. Der wirklich große Schnitt kam schon davor, vor der allerersten Reise 2024: Wir haben unsere Mietwohnung komplett aufgelöst, fast alle Möbel verkauft oder verschenkt, einen Flohmarkt gemacht und die letzten drei Monate vor der Abfahrt bei Janas Eltern gewohnt. Übrig blieben ein paar Kisten mit dem Nötigsten und zwei, drei Möbelstücke – mehr Besitz haben wir bis heute nicht wieder aufgebaut. Dieses radikale Loslassen hat uns paradoxerweise einen Push gegeben, weil wir für diese erste Reise „nur“ sechs Monate unbezahlten Urlaub genommen hatten und uns dieses Sicherheitsgefühl gegeben hat: Wir haben ja noch unsere Jobs, in die wir zurückkönnen.

Richtig anstrengend wurde es erst bei der Vorbereitung der zweiten Reise, gut ein Jahr später: altes Auto verkaufen, den Buchanka finden und ausbauen, die komplette Route planen – und das alles, während wir wieder bei den Eltern wohnten und in unseren alten Jobs arbeiteten, um noch einmal richtig zu sparen. Diesen letzten Sicherheitsfaktor, den wir uns beim ersten Mal noch bewahrt hatten, haben wir dann endgültig aufgegeben: Wir haben unsere Jobs gekündigt. Kein Zurück mehr, kein Sicherheitsnetz – nur noch das Auto, der Hund und die offene Straße vor uns.

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„Unsere Sicherheit liegt nicht in Besitz oder einem vermeintlich sicheren Job, sondern im Wissen, dass wir aus allem, was das Leben bietet, immer etwas machen können.“ 


Womit seid ihr unterwegs – und warum ausgerechnet damit?

Wir fahren einen UAZ Buchanka, ein altes russisches Militärfahrzeug-Design, Baujahr um 2021 – aber nicht irgendeinen: Unserer ist eine echte Spezialvariante, von der es nur wenige gibt. Er hat ein Hubdach, mit dem wir drinnen bequem aufrecht stehen können, und wir schlafen sogar „oben“ auf einem selbst gebauten, ausrollbaren Lattenrost. Dazu kommen eine Seilwinde, ein Schnorchel, eine Höherlegung mit Spezialfedern und angepasstem Unterbau, Raptorlack, ein Ersatzrad sowie Allradantrieb mit Untersetzung und hinterer Differenzialsperre. Ausgebaut haben wir alles selbst, mit genau dem, was wir wirklich brauchen: Wir sind komplett autark unterwegs, mit eigenem Solarsystem, Wasserversorgung und Kühlbox. Dazu eine auffällige blau-weiße Lackierung, Sitz-, Scheiben- und Kabinenheizung und sicher noch das ein oder andere Feature, das wir gar nicht mehr alles aufzählen können. Das Einzige, was fehlt: eine Klimaanlage. Dafür gibt es kaum einen Weg, den dieses Auto nicht meistert.

Auf unserer ersten Reise waren wir noch mit einem selbst ausgebauten Ford Transit unterwegs – den haben wir vor der zweiten, größeren Reise verkauft, weil klar war: Für Zentralasien brauchen wir etwas anderes. Ursprünglich wollten wir einen Land Rover Defender oder Land Cruiser – wir waren sogar kurz davor, einen zu kaufen. Aber das wäre nur über einen Kredit gegangen, und auf diese Spirale hatten wir keine Lust. Dominik hat dann ein Inserat für einen Buchanka gefunden. Wir wollten unbedingt nach Zentralasien, und für dieses Auto gibt es dort Ersatzteile ohne Ende, und im Prinzip kann es fast jeder reparieren. Als wir drinsaßen, hat es sich einfach richtig angefühlt – auch wenn uns klar war, dass es „ein bisschen verrückt“ ist.


Gab es unterwegs Situationen, die ohne euren UAZ Buchanka wahrscheinlich nie passiert wären?

Ständig. Das Auto ist ein regelrechter Begegnungsmagnet. In allen zehn Ländern, die wir bisher bereist haben, wird gehupt, Daumen hoch gezeigt, gefilmt. Wir wurden auf Instagram sogar schon von Fremden erkannt und „gespottet“. An jedem Supermarkt werden wir angesprochen: Woher kommt ihr, ist das euer Auto? Wir haben mit dem Auto auch schon sechs Rettungsaktionen für andere gemacht – Seilwinde, Untersetzung, alles dabei. Die wohl abenteuerlichste davon war gleich unsere allererste, in Georgien: Ein Fluss, der morgens noch ein harmloses Rinnsal war, hatte sich bis zum Nachmittag in ein reißendes Gewässer verwandelt – und ausgerechnet dann versuchten Einheimische, mit ihrem Fahrzeug durchzuqueren, und blieben mittendrin stecken. Mit Seilwinde und vereinten Kräften haben wir sie da wieder rausgeholt – ziemlich wilder Einstand für unsere Karriere als ungewollte Pannenhelfer. Wir sagen dazu nur halb im Scherz: Wir sind quasi der ADAC Zentralasien. Eine Szene, die uns geblieben ist: In Schymkent, Kasachstan, hat uns bei offenem Fenster im Stau jemand einen Geldschein zustecken wollen – einfach, weil wir mit so einem Auto unterwegs sind.

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Wie reagieren Menschen auf euren Buchanka?

Wir könnten mittlerweile eine eigene FAQ-Liste führen, so oft hören wir dieselben Fragen. „Was habt ihr denn für einen Motor drin?“ ist der Klassiker, dicht gefolgt von „Seid ihr wirklich mit diesem Auto hierhergefahren?“ – meist mit einem ungläubigen Blick, der zwischen Bewunderung und leichtem Zweifel schwankt. Andere fragen ganz praktisch: „Ist es nicht wahnsinnig anstrengend, damit zu fahren?“ oder „Wo bekommt man überhaupt so ein Auto?“ Und sobald wir das Dach hochklappen, kommt fast garantiert: „Ist das ein Boot da oben?“ Gerade in Zentralasien fragen uns viele zusätzlich, warum wir als Deutsche nicht mit einem Mercedes unterwegs sind, sondern mit diesem dort eher als einfach geltenden Fahrzeug – genau dieser Kontrast sorgt jedes Mal für gute Gespräche.


Was liebt ihr an eurem UAZ Buchanka? Und was bringt euch manchmal zur Verzweiflung?

Wir lieben, wie viel Platz das kleine Fahrzeug bietet – aufklappbares Dach zum Schlafen oben, unten Wohnbereich und Küche, genug Platz für uns zwei plus Hund. Auch der Ausbau, den Dominik komplett allein gemacht hat, macht uns stolz. Zur Verzweiflung bringt uns, dass wir quasi jeden Tag unter das Auto und in den Motorraum schauen müssen, ob alles dicht ist – es fühlt sich manchmal an wie auf Messers Schneide, ob der Motor am nächsten Morgen überhaupt anspringt. Und die ständigen neuen Geräusche, bei denen man erst rausfinden muss, was es diesmal ist.


Wenn ihr heute noch einmal losfahren würdet: Würdet ihr wieder genau dieses Fahrzeug wählen?

Ja, ohne zu zögern. Im ersten Impuls denkt man vielleicht kurz an ein Auto mit mehr Komfort, weniger Zicken, mehr Zuverlässigkeit. Aber im Nachhinein wird uns immer wieder klar: Der Weg ist das Ziel, und genau dieses Fahrzeug zwingt uns ständig, aus unserer Komfortzone herauszugehen. Mit diesem Auto lernen wir permanent dazu – übers Auto selbst, aber genauso übers Leben, über kreative Lösungen für Probleme, die wir uns vorher nie hätten vorstellen können, und vor allem über uns selbst. Wir wachsen mit jedem Problem, das dieses Auto uns beschert, ein Stück über uns hinaus. Klar, es gibt Momente, in denen wir fluchen und uns fragen, warum wir uns ausgerechnet dieses „Kackauto“ angetan haben. Aber genau dafür haben wir so viele Menschen kennengelernt, so viele Begegnungen gehabt, die es ohne diese Herausforderungen nie gegeben hätte. Wir haben gelernt, selbst zu schrauben, mit Draht und Improvisation Reparaturen hinzubekommen, die wir uns vorher nicht zugetraut hätten – und vor allem, in Stresssituationen ruhig zu bleiben. Wer weiß, wofür uns das alles noch mal nützt.

„Wenn wir irgendwann alt sind, möchten wir lustige, verrückte, abenteuerliche Geschichten über unser Leben erzählen können. Nicht nur davon, dass wir mal einen guten Job mit toller Karriereleiter hatten.“

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Wie sieht ein ganz normaler Tag bei euch unterwegs aus?

Es gibt keinen Wecker, der uns aus dem Schlaf reißt – meistens werden wir automatisch wach, sobald durch die Plane die ersten Sonnenstrahlen kommen. Dominik ist morgens der Erste auf den Beinen: Er schnappt sich Bella für die erste Runde, während Jana noch ein bisschen in den Federn bleibt. Wenn er mit dem Hund zurück ist, macht er Kaffee, und spätestens zum Kaffeeduft steht auch Jana auf. Dann sitzen wir zusammen, trinken unseren Kaffee, frühstücken und genießen erst mal einfach die Aussicht, egal, wo wir gerade stehen.

Danach entscheiden wir spontan, wie der Tag weitergeht: Entweder wir bleiben an dem schönen Platz, an dem wir gerade sind, oder wir packen zusammen und fahren weiter. Wenn wir bleiben, sieht unser Tag ganz unterschiedlich aus – wir lesen, schauen mal einen Film, gehen spazieren, spielen Karten, trinken abends ein Bier und genießen einfach die Landschaft. Auffällig oft drehen sich unsere Gespräche dabei um die Zukunft: Wie soll es weitergehen, was kommt als Nächstes, wo will jeder von uns eigentlich hin. Das Reisen ist für uns schließlich kein Projekt mit Enddatum mehr, sondern einfach unser Leben.


An welchem Ort seid ihr viel länger geblieben als geplant – einfach, weil ihr nicht mehr weg wolltet?

Ehrlich gesagt: an fast jedem Ort, an dem wir bisher waren. Gerade in Zentralasien ist die Vielfalt der Landschaften so überwältigend, dass wir immer wieder länger bleiben, als wir eigentlich vorhatten – die Steppe in Kasachstan zum Beispiel war für uns einfach überwältigend schön. Unser Muster ist dabei fast immer dasselbe: Wir bleiben am liebsten dort, wo möglichst wenig andere Menschen sind. Wie lange, entscheiden am Ende meist unsere Vorräte – Essen haben wir eigentlich immer genug dabei, aber Trinkwasser ist der limitierende Faktor. Solange das reicht, ziehen wir es vor, zu bleiben, statt weiterzufahren.

Schon auf unserer ersten Reise durch Europa hatten wir dafür mehr Luft, weil man sich als Deutscher dort einfach länger aufhalten kann – am Schwarzen Meer in Bulgarien zum Beispiel sind wir spontan viel länger geblieben, weil es so schön war und das Wetter mitgespielt hat. Am Ende ist es fast immer dasselbe Prinzip: Wenn sich ein Ort richtig anfühlt, gibt es für uns keinen Grund, ihn schon wieder zu verlassen.

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Wann habt ihr unterwegs gedacht: „Was zur Hölle machen wir hier eigentlich?“

Die Frage müsste bei uns eigentlich andersrum lauten: „Was zur Hölle müssen wir noch tun, damit wir bloß nicht zurück ins alte Leben müssen?“ Ernsthafte Sinnkrisen über die Reise an sich hatten wir nämlich nie – höchstens mal einen sehr, sehr schlechten Tag mit Ansage.

Der Gewinner in dieser Kategorie: Georgien, ganz am Anfang der aktuellen Reise. Ein verdächtiges Geräusch beim Rückwärtsfahren sollte „kurz gecheckt“ werden – aus dem kurzen Check wurden drei Tage in einer Werkstatt in Tiflis, inklusive Bett unter freiem Himmel auf dem Werkstattgelände. Klingt romantisch? War es nicht. Direkt nebenan lief bis vier Uhr morgens eine Waschanlage, auf der anderen Seite hupten ab vier Uhr die ersten Linienbusse, und als Nachtprogramm gab es live und in Farbe: Straßenhundegangs von Tiflis, die sich mitten in der Nacht ihre Reviere abgekämpft haben – und wir mittendrin im Zelt aus Blech. In diesem Moment haben wir uns schon ernsthaft gefragt, was wir hier eigentlich verbrochen haben. Kurz darauf war natürlich auch noch das Auto wieder kaputt, dritter Werkstattbesuch in Folge. Grundsätzlich hat es außerdem drei Monate gedauert, bis wir überhaupt realisiert haben: Das hier ist keine befristete Reise mehr, das ist jetzt einfach unser Leben.

Aber ganz wichtig: Egal, wie chaotisch, laut oder nervig es in solchen Momenten wurde – das Gefühl, mit der Reise an sich einen Fehler gemacht zu haben, hatten wir nie. Genervt von der Situation, ja. Am Konzept gezweifelt, nie.


Und wann dachtet ihr genau das Gegenteil?

Eine Szene, die uns beiden im Kopf geblieben ist, kurz vor der Abfahrt: Wir sind mit dem neuen Auto durch den Pfälzerwald gefahren, durch eine Passage mit Durchfahrtsverbot für bestimmte Fahrzeuge – zehn Minuten später stand ein Förster neben uns und wollte wissen, was wir hier machen. Ein kleiner Moment, aber er hat uns schlagartig klargemacht, wie viel Kontrolle und Reglementierung im Alltag zu Hause eigentlich normal ist – und wie befreiend es sich anfühlt, dass genau das hier in Zentralasien einfach wegfällt. Genau in solchen Momenten wird uns bewusst: Deshalb machen wir das. Und dieses Gefühl begleitet uns eigentlich ständig, wenn wir merken, wo wir gerade tatsächlich sind – dass wir vor einem Jahr noch überlegt haben, wie es wohl in Kirgistan sein wird, und jetzt tatsächlich auf dem Pamir Highway stehen.

„Wir wachsen mit jedem Problem, das dieses Auto uns beschert, ein Stück über uns hinaus.“ 

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Welche Geschichte glaubt euch zu Hause bis heute kaum jemand, obwohl sie genau so passiert ist?

Vermutlich, wie tief die Gastfreundschaft hier wirklich geht. Wenn wir davon erzählen, ernten wir zu Hause oft ein höfliches, aber zweifelndes Lächeln – so nach dem Motto: Klingt schön, aber irgendwas muss ja dran sein. Denn das Bild, das wir aus den Nachrichten kennen, ist ja meistens ein anderes: überall Diebstahl, überall Gefahr, man müsse aufpassen. Ehrlich gesagt können wir dieses Bild nicht bestätigen – im Gegenteil, wir haben uns außerhalb Deutschlands oft sicherer gefühlt als zu Hause.

Was wir dagegen erlebt haben: Wildfremde Menschen klopfen ans Autofenster, nur um uns Brot in die Hand zu drücken. Familien laden uns spontan zu sich nach Hause ein, zu Tee, zu Essen, manchmal für einen ganzen Abend. Und wenn wir mal ein Problem haben, sind plötzlich Menschen da, die alles stehen und liegen lassen, um zu helfen – ohne dass wir sie je darum gebeten hätten. Am meisten berührt hat uns dabei etwas anderes: Wir haben mit Menschen gesprochen, die wirklich mit dem Allernötigsten leben, ohne fließendes Wasser, ohne Strom, irgendwo in den Bergen. Und wenn man sie fragt, wie es ist, so zu leben, sagen sie einem mit einem echten Lächeln im Gesicht: Das ist das schönste Leben, das man sich vorstellen kann. Der Tag ist lang, es gibt keine ständige Ablenkung durchs Internet, man ist mit der Familie zusammen – das reicht. Genau das ist die Geschichte, bei der wir zu Hause oft nur ungläubiges Kopfschütteln ernten: dass ausgerechnet dort, wo die Menschen am wenigsten besitzen, am meisten echte Wärme und Zufriedenheit zu finden ist.


Erzählt uns von der Panne, über die ihr heute selbst lachen könnt.

Da haben wir eine ganze Kategorie für uns. Der Klassiker stammt noch aus unserer allerersten Reise, mit dem Ford Transit, und ist bis heute Hollywood-reif: Wir fahren, wir fahren – und plötzlich stirbt unser Motor mitten auf einem Bahnübergang in Rumänien ab. Kein Zug in Sicht, aber trotzdem: Panik pur, Auto schieben, was das Zeug hält, zurück von den Gleisen. Wer diese Szene mal live erlebt hat, vergisst sie nicht mehr. Kurz darauf kommt die Polizei vorbeigefahren, sieht uns da stehen – und macht statt großem Aufstand einfach kurz die Sirene an, als wollten sie sagen: „Macht, dass ihr da wegkommt“, und fährt weiter. Mehr Drama gab’s nicht. Weil aber Wochenende war, blieb uns nichts anderes übrig, als zwei Nächte auf dem Gelände einer Ford-Werkstatt zu campen – inklusive Freundschaft mit dem Wachmann und Fußmarsch zum nahegelegenen Lidl. Am Montag hat uns dann ein Mechaniker gefunden, der uns nach Feierabend gleich zu sich nach Hause eingeladen hat: erst Kaffee, dann Bier, dann selbstgebrannter Schnaps – dazu seine halbe Nachbarschaft samt Polizeikumpels. Aus einer liegengebliebenen Karre wurde so quasi über Nacht eine Dorfparty.

Mit dem Buchanka selbst hatten wir bisher ganze 13 Werkstattbesuche – auf Insta nennen uns Follower deshalb schon liebevoll „Werkstatt-Influencer“, weil wir in praktisch jedem Land, in jeder größeren Stadt, mindestens einmal in einer Werkstatt landen. Die nervigste Tortur war ein gerissener Tank am Einfüllstutzen auf dem Assy-Plateau in Kasachstan: Der Druck durch die vielen Offroad-Kilometer bergauf war einfach zu viel, das Ganze zog sich über Wochen, kostete uns drei Werkstattbesuche – und am Ende hatten wir sogar den falschen Ersatztank bekommen. Fast schon Standardprogramm inzwischen: der Auspuff samt Katalysator, der uns mal komplett durchgerissen ist – Dominik hat kurzerhand alles mit Draht zusammengebunden, damit wenigstens nichts abfällt, bis wir die nächste Werkstatt erreicht haben. Und dann war da noch unsere nachgerüstete Blattfeder, die uns einfach auf der Piste abgefallen ist – wir mussten erst mal anhalten und sie im Staub wiederfinden, bevor wir sie am nächsten Ort wieder anschweißen lassen konnten. Ehrlich gesagt: Bei diesem Auto ist im Grunde jede Panne zum Lachen, weil sie im Moment stressig ist, sich im Nachhinein aber fast immer als lösbar herausstellt.

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Was war die teuerste Lektion eurer Reise – nicht nur finanziell?

Finanziell zum Beispiel eine falsche Vignetten-Kategorie in Ungarn, die uns am Ende zwei Strafzettel und insgesamt 260 € gekostet hat. Oder ein Schweißer in Kirgistan, der unseren Auspuff und Katalysator reparieren sollte, uns 50 € abgenommen hat und danach Pfusch abgeliefert hat – ein anderer Mechaniker musste die Schweißnaht später komplett neu machen. Wir haben uns geärgert, dass wir da nicht nachverhandelt haben. Nicht finanziell war eine echte Lektion, wie sehr wir uns von Horrorgeschichten und Reisewarnungen im Vorfeld verrückt machen lassen können – etwa vor der Russland-Durchquerung. Am Ende war vieles davon machbar, wenn auch anstrengend (z. B. sieben, acht Stunden Wartezeit an der Grenze).


Was würdet ihr heute komplett anders machen – und warum?

Ehrlich gesagt würden wir inhaltlich nicht viel ändern – sonst wären wir heute nicht da, wo wir sind. Wenn überhaupt, würden wir den Start der zweiten Reise entspannter angehen. Die letzten zwei, drei Monate vor der Abfahrt waren wegen der Kombination aus Jobkündigung, Autoumbau und offenem Zeithorizont extrem stressig – das hat uns viele Nerven gekostet. Auch die Entscheidung gegen die Mongolei (wegen Zeitdruck, verzögerter Russland-Durchquerung durch die Werkstattaufenthalte in Georgien und dem Risiko durch die Maul-und-Klauenseuche für unseren Hund) würden wir im Nachhinein nicht anders treffen – das Leben auf Reisen entscheidet vieles einfach selbst.

„Kein Reiseführer, kein Foto und kein Instagram-Post kann einfangen, was es bedeutet, für ein paar Stunden Teil einer fremden Familie zu sein.“ 

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Welcher Mensch geht euch bis heute nicht mehr aus dem Kopf?

Wir schätzen eigentlich jede einzelne Begegnung, die wir auf dieser Reise hatten – und das waren mittlerweile so viele Menschen, dass wir kaum noch alle zählen können. Trotzdem gibt es ein paar, die uns besonders geblieben sind.

Zum Beispiel eine Familie auf dem Assy-Plateau in Kasachstan: Ein Reiter kam mit seiner Tochter bei unserem Bus vorbei, wir kamen ins Gespräch. Aus einer kurzen Begegnung wurde eine Einladung zum Tee in ihrer Jurte – und aus dem Tee ein ganzer Abend mit der ganzen Familie: seiner Frau, den jüngsten Kindern, später kam sogar noch ein Freund von ihnen dazu. Wir wollten eigentlich nicht zur Last fallen und erst nur kurz vorbeischauen, sind aber bis in die Dunkelheit geblieben. Es gab Plov – diesen typischen, leicht gebratenen Reis mit Fleisch, wahrscheinlich Pferd, aus einer riesigen gemeinsamen Schüssel, aus der sich jeder bedient hat. Am nächsten Morgen gab es zum Abschied noch Laghman, und in diesem Moment haben wir uns einfach wie ein Teil ihrer Familie gefühlt.

In Kirgistan, in der Nähe des Peak Lenin, sind wir zufällig auf einem fremden Grundstück gelandet und wurden spontan eingeladen. Die Familie dort hatte wirklich wenig, lebte in einer alten Lehmhütte – und hat trotzdem selbstverständlich ihr Essen mit uns geteilt, einfach, weil sie sich darüber gefreut haben, dass sich jemand für sie interessiert und mit ihnen ins Gespräch kommt.

Und auf dem Pamir Highway sind wir mehr aus Versehen bei einem Mann namens Askar gelandet. Am Ende haben wir auf seinem Grundstück geschlafen, bis tief in die Nacht gegessen und erzählt, seine ganze Familie kennengelernt und sein Pamir-Haus besichtigt. Solche Momente sind der eigentliche Grund, warum wir dieses Leben lieben. Kein Reiseführer, kein Foto und kein Instagram-Post kann einfangen, was es bedeutet, für ein paar Stunden Teil einer fremden Familie zu sein – Menschen, die uns nie zuvor gesehen haben, uns aber trotzdem alles geben, was sie haben. Genau diese Begegnungen sind es, die bleiben, wenn die Landschaften irgendwann im Kopf verschwimmen.


Gab es eine Begegnung, die euch verändert hat?

Eine Frau in einer Jurte auf dem Assy-Plateau hat uns besonders beeindruckt. Auf die Frage, ob das Leben dort oben – ohne fließendes Wasser, Strom oder Heizung – nicht hart sei, hat sie mit einem Lächeln geantwortet: Nein, das ist das beste Leben überhaupt. Man ist mit der Familie zusammen, verdient ein bisschen Geld, das reicht.

Und das ist kein Einzelfall. Wir hören das immer wieder, von ganz unterschiedlichen Menschen unterwegs: dass sie mit dem zufrieden sind, was sie haben – und man merkt es ihnen auch wirklich an, das ist keine höfliche Floskel. Viele von ihnen wollen ganz bewusst nicht so viel arbeiten und unter dem Leistungsdruck stehen, wie wir es aus Europa kennen. Solche Begegnungen mit Menschen, die trotz wenig materiellem Besitz komplett zufrieden wirken, haben uns nachhaltig beeindruckt und uns immer wieder selbst hinterfragen lassen, was wir eigentlich wirklich zum Glücklichsein brauchen.

„So oder so hätten wir danach etwas, das uns keiner mehr nehmen kann: Geschichten zu erzählen, statt uns eines Tages sagen zu müssen: ‚Hätten wir es doch gemacht.‘“ 

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Gab es unterwegs jemanden, der euch geholfen hat, obwohl er eigentlich keinen Grund dazu hatte?

Ehrlich gesagt war es bisher fast immer umgekehrt – wir sind eher die Helfer als die Hilfsbedürftigen. Kein Wunder, unser Auto ist ja quasi eine rollende Werkstatt: Mit Seilwinde, Werkzeug und allem, was man für kleinere und größere Notfälle braucht, sind wir meistens besser ausgestattet als andere, die auf denselben Pisten unterwegs sind. Sechs Rettungsaktionen mit dem Auto haben wir bisher schon hingelegt – Seilwinde raus, Untersetzung rein, Fahrzeug wieder flott. Wir sagen dazu nur halb im Scherz: Wir sind quasi der ADAC Zentralasien. Auch sonst haben wir öfter geholfen, wo es ging – sei es mit kleinen Dingen wie der Powerbank, die wir für Reisende aus unserem Auto aufgeladen haben.

Dass uns selbst jemand ohne erkennbaren Grund geholfen hat, ist uns dagegen kaum passiert – bis jetzt läuft es bei uns eher andersherum, toi, toi, toi. Am ehesten könnte man die Mechaniker nennen, denen wir unterwegs begegnet sind: Die waren fast immer außergewöhnlich bemüht, auch wenn sie theoretisch hätten sagen können, sie hätten den passenden Schlauch nicht oder könnten das Problem nicht lösen. Auch wenn das eigentlich ihr Job ist, hat uns dieses Engagement oft überrascht.

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Wie finanziert ihr dieses Leben – und wie geht ihr mit der Unsicherheit um?

Ganz unspektakulär: mit gutem, altmodischem Sparen. Schon vor unserer ersten Reise 2024 haben wir bewusst zurückgelegt, und nach der Rückkehr haben wir noch einmal rund eineinhalb Jahre konsequent weitergespart – wissend, dass wir dieses Ersparte für die zweite, größere Reise brauchen würden. Aktuell leben wir genau davon und sind in dem Modus, den wir am liebsten „reisen und genießen“ nennen. Ein Job von unterwegs wäre natürlich schön – als digitale Einnahmequelle nebenbei, während wir weiterziehen. Aktuell steht das aber nicht konkret auf unserem Plan; wir schauen einfach, was sich noch ergibt und was das Leben unterwegs so bringt.

Mit der Unsicherheit gehen wir vergleichsweise entspannt um. Uns ist völlig klar, dass unser Erspartes nicht unendlich reicht und wir uns irgendwann wieder Gedanken machen müssen, wie es weitergeht. Aber wir sind überzeugt: Es findet sich immer ein Weg, irgendwo Geld zu verdienen, wenn es wirklich nötig wird. Und falls wirklich alle Stricke reißen sollten, ist die Rückfalloption klar: zurück nach Deutschland und dort wieder arbeiten. Dieses Wissen, dass wir im Zweifel jederzeit wieder Fuß fassen könnten, nimmt der ganzen Sache viel von ihrem Schrecken.


Was war unterwegs euer größter Luxus, obwohl er kein Geld gekostet hat?

An einem wunderschönen Platz zu stehen und einfach die Landschaft zu genießen – dieser Moment kostet buchstäblich nichts, außer der Zeit, ihn wirklich wahrzunehmen. Genau das ist für uns purer Luxus: kein Preisschild, keine Buchung, keine Reservierung – einfach da sein und schauen.

Genauso kostbar ist für uns die Zeit, die wir wirklich allein zu zweit haben. Zu Hause, im normalen Berufsalltag, ist man ständig eingebunden – Verpflichtungen, Arbeit, Vereine, Termine. Wie oft bist du dort wirklich mal nur mit dir selbst und deinem Partner, ohne dass irgendetwas anderes dazwischenfunkt? Hier ist das unser Normalzustand, und genau das fühlt sich an wie Luxus.

Und dann ist da noch etwas, das uns immer wieder bewusst wird, wenn wir kurz innehalten: Wir gehören zu einem verschwindend kleinen Prozentsatz der Menschen, die überhaupt so eine Reise machen können – und das auch noch mit dem eigenen Auto, durch Länder wie Kasachstan oder Kirgistan. Klar gibt es Menschen, die dorthin fliegen. Aber sich mit dem eigenen Fahrzeug durch diese Länder zu bewegen, sich dabei sicher zu fühlen und diese Landschaften und Begegnungen wirklich erleben zu dürfen – das ist für uns der größte Luxus überhaupt. Am Ende bedeutet Luxus für uns vor allem eins: das zu tun, worauf wir wirklich Lust haben, ohne dass uns jemand vorschreibt, wie unser Tag auszusehen hat. Solange man dabei niemandem schadet oder Gesetze bricht, ist das für uns die höchste Form von Freiheit – und damit auch von Luxus.

„Das Reisen ist für uns kein Projekt mit Enddatum mehr, sondern einfach unser Leben.“

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Was ist das Schönste daran, gemeinsam unterwegs zu sein?

Jeden Morgen zusammen aufzuwachen und den Tag von der ersten Minute an gemeinsam zu erleben – das klingt banal, ist es aber nicht. Im normalen Berufsalltag steht ja meistens einer früher auf als der andere, jeder hat seinen eigenen Rhythmus, seine eigenen Termine. Hier ist das anders: Wir teilen buchstäblich jeden Morgen, jeden Kaffee, jeden Sonnenaufgang.

Und wir teilen die Erlebnisse wirklich – nicht nur nachträglich am Telefon oder beim Abendessen, so wie man es mit Freunden zu Hause macht, die selbst nicht dabei waren. Wenn wir heute sagen: „Weißt du noch, als wir das erlebt haben?“, dann war der andere tatsächlich mit dabei, hat dieselben Bilder im Kopf, dasselbe Gefühl gehabt. Das macht die Erinnerungen auf eine Art viel dichter und echter.

Am meisten schätzen wir aber, dass wir gemeinsam durch Situationen wachsen, die wir alleine wahrscheinlich nie erlebt hätten. Als zum Beispiel unsere nachgerüstete Blattfeder mitten auf der Piste kaputtgegangen ist, mussten wir gemeinsam überlegen: Wie kritisch ist das wirklich? Können wir noch weiterfahren? Was ist die Lösung, und wie bleiben wir dabei cool? Genau in solchen Momenten merkt man, wie man sich gegenseitig auffängt und stärkt – man löst das Problem nicht allein, sondern immer als Team. Diese Mischung aus geteilter Freude und geteilten Herausforderungen ist für uns der Kern dessen, was das gemeinsame Reisen so besonders macht.


Und was ist manchmal richtig beschissen?

So schön es ist, praktisch rund um die Uhr zusammen zu sein – genau das ist manchmal auch das Problem. Man ist ja trotzdem zwei eigenständige Menschen, und eins plus eins ist unterwegs nicht einfach zwei, sondern eher elf: Jeder bringt seine eigene Stimmung, seine eigenen Bedürfnisse mit, aber es gibt kaum echten Rückzugsraum. Zu Hause kannst du sagen: Ich treffe mich jetzt mit einer Freundin, ich geh zu meinem Hobby, ich brauch mal ein paar Stunden für mich. Unterwegs geht das schlicht nicht in dieser Form. Klar, man kann mal eine Runde allein spazieren gehen, oder der eine bleibt im Auto und der andere draußen – aber das ist etwas ganz anderes, als wirklich mal komplett rauszukommen aus der Zweisamkeit.

Dazu kommt: Wenn beide müde und erschöpft sind, schaukelt sich das schnell hoch. Man triggert sich gegenseitig, weil keiner mehr die Kapazität hat, entspannt und geduldig zu bleiben – und dann kann jede Kleinigkeit zum Kipppunkt werden. Manchmal merken wir auch gar nicht rechtzeitig, wo unsere eigenen Grenzen liegen: Wir fahren einfach mal acht Stunden am Stück durch, obwohl wir eigentlich längst hätten pausieren müssen – weil wir keinen guten Stellplatz gefunden haben, weil wir Strecke machen mussten, aus was für Gründen auch immer. Das ist dann keine bewusste Entscheidung mehr, sondern passiert einfach, und im Nachhinein merkt man: Das hätten wir uns beide ersparen können.

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Worüber diskutiert ihr unterwegs regelmäßig?

Ehrlich gesagt über kein bestimmtes Thema – „diskutieren“ ist bei uns sowieso das falsche Wort. Es gab noch nie Tage, an denen wir tagelang böse aufeinander waren, höchstens mal eine Stunde angeschwiegen, wenn überhaupt. Was uns aber auffällt: Es gibt bestimmte Tage, an denen es garantiert anstrengender wird – und das hat nichts mit einem konkreten Streitthema zu tun, sondern schlicht mit Erschöpfung.

Typischerweise läuft es so: Wir sind mehrere Tage komplett für uns in der Wildnis, fernab jeder Zivilisation, ohne Internet, total entspannt. Und dann kommen wir zurück in einen Ort wie Murgab und müssen an einem einzigen Tag alles bündeln, was liegen geblieben ist – einkaufen, Wasser auffüllen, Müll entsorgen, irgendwo registrieren, vielleicht noch Hundefutter besorgen. Manche dieser Erledigungen liegen weit auseinander, man muss erst mal suchen und finden, wo es was gibt, und das alles an einem Tag zu schaffen, kann ziemlich stressig werden. Gegen Abend sind wir dann beide platt – und genau in diesem Zustand reicht plötzlich ein einziges unbedachtes Wort, damit die Stimmung kippt. Das ist dann kein richtiger Streit, aber die Gespräche werden kurz angebunden und ein bisschen „doof“, wie wir das nennen. Nicht, weil wir uns nicht zuhören wollen, sondern schlicht, weil uns in diesem Moment die Kapazität fehlt.

Mittlerweile wissen wir das über uns und gehen bewusster damit um: An solchen Tagen versuchen wir, uns einfach kurz aus dem Weg zu gehen, statt aus einer Kleinigkeit etwas Größeres zu machen. Der klare Trigger ist also nicht ein Thema, sondern das Muster – Erledigungstage in der Stadt sind für uns die kritischeren Tage, Tage ohne Pflichtprogramm dagegen fast immer entspannt und schön.


Glaubt ihr, eure Reise wäre eine andere geworden, wenn ihr alleine unterwegs wärt?

Für Dominik ist die Antwort klar: Er würde so eine Reise nicht allein machen. Er braucht jemanden, mit dem er teilen kann, wie schön ein Moment gerade war oder was an dem Tag alles passiert ist – und dafür braucht es nicht irgendeinen Partner, sondern den richtigen: jemanden, der genauso bereit ist, in der Wildnis zu stehen, keine Angst vor dem Unbekannten hat, abenteuerlustig genug ist für Strecken, die auch mal 200 Meter steil über Geröll- und Schlaglochpisten runtergehen, und der genauso offen auf fremde Menschen und Kulturen zugeht. Diesen Partner hat er in Jana gefunden.

Jana dagegen ist überzeugt, dass sie so eine Reise auch allein machen würde – für sie ist es keine Frage von Können oder Trauen. Was sich für sie aber ändern würde, ist die Qualität der Erlebnisse selbst: Zu zweit teilt man die Landschaft, die Begegnungen, die kleinen und großen Abenteuer in Echtzeit, statt sie im Nachhinein nur zu erzählen. Genau das macht für sie den entscheidenden Unterschied. Sich abends gemeinsam ans Lagerfeuer zu setzen, ins Feuer zu schauen und über das Leben zu philosophieren – dieser gemeinsame Resonanzraum, wie Jana es nennt, ist für beide einer der schönsten Teile dieser Reise, gerade weil sie ihn zusammen erleben.

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Hand aufs Herz: Welche Frage könnt ihr wirklich nicht mehr hören?

Wir haben da unsere ganz persönliche Top 3, die uns wirklich in jedem Land, an jedem Stellplatz, an jeder Tankstelle begegnet: Ist der Motor original? Seid ihr wirklich mit diesem Auto hierhergekommen? Und – natürlich – ist das da oben auf dem Dach ein Boot? Gerade die letzte Frage kommt, sobald wir unser Hubdach hochklappen, praktisch garantiert, egal, in welchem Land wir gerade sind. Mittlerweile können wir die Fragen fast im Chor mitsprechen, bevor sie überhaupt zu Ende gestellt sind – und ehrlich gesagt lachen wir inzwischen selbst am meisten darüber, wie zuverlässig sich diese drei Klassiker wiederholen.


Was glauben viele Menschen über euer Leben unterwegs, obwohl es überhaupt nicht stimmt?

Dass es ein „Easy-Peasy“-Leben ist – nur in der Natur stehen, Landschaften genießen und chillen. Gerade durch Social Media, wo ja auch viele Freunde und Bekannte mitlesen, entsteht schnell dieser Eindruck: schöne Bilder, entspannte Vibes, ein Leben ohne Aufgaben. Tatsächlich haben wir einen ganz normalen Alltag mit Einkaufen, Aufräumen und vor allem: Wasser organisieren. Wir hatten schon Wochen ohne echte Dusche, waschen uns in Flüssen oder mit Feuchttüchern und Waschlappen.

Was viele auch nicht sehen: dass wir – anders als klassische Touristen – aktuell buchstäblich jeden Tag woanders stehen. Das klingt erst mal aufregend, ist aber auf Dauer auch anstrengend: jeden Tag einen neuen Platz suchen, sich neu orientieren, wieder von vorne herausfinden, wo es Wasser oder einen Laden gibt. Und manchmal läuft es auch anders, als man es sich wünscht: Man sucht sich bewusst einen abgelegenen Platz, will einfach mal für sich sein – und dann taucht plötzlich doch noch jemand anderes auf demselben Stellplatz auf. Das gehört zwar dazu, aber es ist eben nicht immer die romantische Alleinsein-in-der-Wildnis-Situation, die man sich erhofft hatte.


Was wird auf Social Media über das Reisen romantisiert, obwohl die Realität manchmal ganz anders aussieht?

Ehrlich gesagt eine ganze Menge – und das fängt schon beim Stellplatz an. Auf Social Media sieht man fast ausschließlich die traumhaften Aussichten: Berge, Sonnenuntergänge, absolute Idylle. Was man nicht sieht, sind die richtig schlechten Stellplätze, an denen man manchmal landet, wenn man einfach keinen Bock mehr hat, weiterzufahren, und nichts Besseres findet – direkt an der Autobahn, zugemüllt, alles andere als schön. Die zeigt natürlich keiner.

Auch der ganz normale Alltag findet auf Social Media praktisch nicht statt. Man sieht aufgeräumte, hübsch inszenierte Vans und Autos – die Realität sieht anders aus: Auf so wenig eigenem Raum wie bei uns sieht es nach ein, zwei Tagen oft aus, als wäre eine Bombe eingeschlagen, einfach weil man nicht ständig aufräumen kann oder will. Und dieser ganze Organisationsaufwand – wo finden wir Wasser, wo ist der nächste Supermarkt, wo müssen wir uns registrieren, wo gibt es Hundefutter – frisst enorm viel Zeit, taucht aber nirgends auf. Ganz einfach, weil man in solchen Momenten beschäftigt ist und nicht das Handy zückt, um genau das zu dokumentieren.

Ganz besonders romantisiert wird für uns aber das Thema Leben mit Hund unterwegs. Klar, wenn man einen Hund hat, der mit allem und jedem klarkommt, mag das easy wirken. Aber es gibt eben auch viele Hunde, bei denen das anders ist – und gerade in Ländern wie hier, aber auch in Europa, etwa in Bulgarien oder Rumänien, trifft man ständig auf Hirtenhunde, die Schaf- oder Kuhherden bewachen und jeden fremden Hund als Bedrohung sehen. Man muss ständig aufpassen: Kommt gerade eine Herde? Liegt hier überall Wurmbefall im Gras? Gibt es giftige Pflanzen? Wird der Hund krank – wie erst vor Kurzem bei uns, mitten im Nirgendwo ohne Internet, wo wir nur durch puren Zufall über das Starlink von Bekannten Kontakt zu einer Tierärztin bekommen haben. Und dann die ganz praktischen Einschränkungen: Im Sommer kann man den Hund nicht im heißen Auto lassen, aber auch nicht überallhin mitnehmen, wenn es zu heiß, zu laut oder zu stressig für ihn wird. Das heißt, einer von uns bleibt oft im Auto, während der andere einkaufen geht – auch wenn man das eigentlich lieber zusammen machen würde. Und für den Hund selbst ist jeder Ortswechsel ein kleiner Schock: eingeladen, gefahren, ausgeladen, ohne zu wissen, was dazwischen passiert ist – fast wie eine tägliche Entführung, bei der er sich jedes Mal neu orientieren muss. All das gehört zum Alltag, den man auf Social Media so gut wie nie sieht.

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„Wir hatten so viel gearbeitet, so viel für den Job investiert – aber irgendwann haben wir uns gefragt, ob wir wirklich so viel Verantwortung, so viel Absicherung um jeden Preis brauchen.“ 


Was hat euch das Unterwegssein beigebracht, das euch keine Schule der Welt hätte beibringen können?

Vor allem eins: Für so gut wie jede Situation gibt es eine Lösung – man muss sie nur finden. Egal, ob eine kaputte Blattfeder mitten auf der Piste, ein zäher Behördengang oder Janas Passproblem, wegen dem sie nicht mit durch Russland reisen durfte: Es gibt immer einen Weg weiter, auch wenn er anders aussieht, als man geplant hatte. Und selbst wenn dieser Weg bedeutet, dass man auf etwas verzichten oder etwas hinnehmen muss, das einem eigentlich nicht passt – das Leben geht trotzdem weiter. Kaputtes Auto heißt nicht „Reise vorbei“, sondern „Was machen wir jetzt daraus?“. Genau dieses Vertrauen, dass sich für alles ein Weg findet, hätte uns so konkret und so oft am eigenen Leib erlebt keine Schule der Welt beibringen können.

Genauso beeindruckend fanden wir die Offenheit und Neugier, die uns überall entgegengebracht wird. Die Menschen, denen wir begegnen, sind fast durchweg freundlich und neugierig, fragen uns, was wir hier machen, ob bei uns alles gut ist, ob wir etwas brauchen. Am Anfang waren wir davon fast überfordert – man ist es einfach nicht gewohnt und denkt automatisch: Warum machen die das? Was wollen sie von uns? Diese Skepsis kennt man aus Deutschland, wo Fremde einen selten einfach so ansprechen. Aber irgendwann haben wir verstanden: Das ist einfach so, außerhalb Deutschlands ganz besonders. Die Menschen hier lieben Reisende, echt und ohne Hintergedanken. Und genau diese Erfahrung hat uns selbst verändert: Wir gehen heute viel offener, neugieriger und weniger misstrauisch auf andere Menschen zu, als wir es früher getan hätten – eine Lektion, die keine Schule uns hätte theoretisch vermitteln können, die man einfach erleben musste.


Welche Meinung hattet ihr vor eurer Reise – und würdet heute das komplette Gegenteil behaupten?

Wir hatten unbewusst ein etwas verzerrtes Bild von der Sicherheit in diesen Ländern – auch weil wir bewusst keine offiziellen Reisewarnseiten mehr lesen, seit wir gemerkt haben, wie sehr einen das verrückt macht. Heute sind wir überzeugt: Wir fühlen uns hier teilweise sicherer als in Deutschland.


Wenn ihr eurem „Ich“ vor der Abreise einen einzigen Satz mitgeben könntet – welcher wäre das?

„Leb dein Leben, hör nicht auf andere.“ Und: „Genieß es, die Zeit kommt nicht wieder.“


Wann habt ihr unterwegs zuletzt gedacht: „Verdammt, was haben wir für ein Glück, dass wir dieses Leben führen dürfen“?

Ehrlich gesagt fast jeden Tag – und das beginnt oft schon ganz banal, beim gemeinsamen Aufstehen. Der Kaffee an einem wunderschönen Ort, die Stille, die Aussicht, während man weiß, dass man nirgendwohin muss. Auch wenn wir Menschen aus völlig anderen Kulturen treffen, die uns mit einer Offenheit und Herzlichkeit begegnen, wie wir sie so aus Deutschland nicht kennen, kommt dieses Gefühl hoch. Solche Momente poppen oft wie aus dem Nichts auf, meistens genau dann, wenn wir kurz innehalten und uns bewusst machen, wo wir gerade eigentlich sind – mitten in Kasachstan, auf dem Pamir Highway, an Orten, von denen wir vor ein, zwei Jahren nicht mal genau wussten, wo sie liegen.

Ein Beispiel, das uns besonders präsent ist: Um der Tageshitze beim Fahren zu entgehen, hat bei uns mal der Wecker um vier Uhr morgens geklingelt. Eigentlich eine ziemlich unangenehme Uhrzeit zum Aufstehen, noch dunkel, kalt, man will eigentlich nur weiterschlafen. Und trotzdem kam uns beiden im selben Moment der gleiche Gedanke: „Stell dir mal vor, du müsstest jetzt eigentlich zur Arbeit.“ Und plötzlich fühlte sich dieses viel zu frühe Aufstehen überhaupt nicht mehr schlimm an, sondern fast schon wie ein Privileg – wir durften ja frei entscheiden, wohin die Fahrt an diesem Tag geht, während wir zur selben Uhrzeit früher noch im Bett gelegen hätten, um Kraft für einen ganz normalen Arbeitstag zu sammeln. Genau solche Vergleiche mit unserem alten Leben holen uns immer wieder ein: was wir zur selben Uhrzeit früher gemacht hätten – nämlich gearbeitet – und was wir stattdessen jetzt gerade erleben dürfen. In diesen Sekunden wird uns jedes Mal aufs Neue bewusst, wie viel Glück wir eigentlich haben, dass wir uns für dieses Leben entschieden haben, so anstrengend es manchmal auch sein mag.

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Was bedeutet für euch persönlich „One Life. Live It.“?

Für uns steckt in diesem Satz die schlichte, aber radikale Erkenntnis: Wir haben nur dieses eine Leben. Wir können nicht einfach von vorn anfangen und sagen, das alte war doof, jetzt kommt ein neues – dieses eine ist alles, was wir haben, und wir wissen nie, wie viel Zeit uns davon noch bleibt. Es kann heute vorbei sein, morgen, in zwanzig Jahren. Trotzdem leben so viele Menschen, als hätten sie unendlich viel davon – als könnte man das eigentliche Leben immer noch auf später verschieben. Genau das wollten wir nicht mehr.

Für uns heißt „One Life. Live It.“ deshalb: dieses eine Leben so zu leben, wie es sich für uns richtig anfühlt – und nicht so, wie die Gesellschaft es vorgibt. Diese Gesellschaft hat ein sehr klares Bild von Sicherheit: ein Job, ein Haus, ein Auto, der jährliche Urlaub. Unsere Sicherheit sieht anders aus. Sie liegt nicht in Besitz oder einem vermeintlich sicheren Job, sondern im Wissen, dass wir aus allem, was das Leben bietet, immer etwas machen können – dass wir notfalls jede Arbeit annehmen würden, die uns weiterbringt, wenn es wirklich nötig wird.

Wir haben dabei auch gemerkt, wie erstaunlich wenig wir eigentlich brauchen, um glücklich zu sein. Keine zwanzig Tassen im Küchenschrank, kein drittes Auto, kein großes Haus. Uns reicht das Minimalistischste: wir zwei, der Hund, ein Dach über dem Kopf, das gerade mal so groß ist wie unser Bus. Und wir sind glücklicher damit als je zuvor. Ein großes Stück dieses Lebendigseins hängt für uns auch damit zusammen, wieder im Rhythmus der Natur zu leben, statt gegen die Uhr. Wir wachen mit der Sonne auf, weil es durch unsere Plane hell wird, nicht weil ein Wecker klingelt und wir zur Arbeit müssen. Wenn es dunkel wird, geht es bei uns langsam Richtung Bett. Auch mal drei Stunden Wäsche von Hand zu waschen, tut manchmal richtig gut – man merkt, dass nicht nur der Kopf arbeitet, sondern auch der Körper, und genau das macht lebendig.

Und schließlich bedeutet „One Life. Live It.“ für uns auch: das zu tun, was sich für uns richtig anfühlt, statt das zu tun, was andere von einem erwarten – auch wenn das bedeutet, sich von gesellschaftlichen Erwartungen zu lösen. Wenn wir irgendwann alt sind, möchten wir lustige, verrückte, abenteuerliche Geschichten über unser Leben erzählen können. Nicht nur davon, dass wir mal einen guten Job mit toller Karriereleiter hatten.


Wenn jemand nach dem Lesen eurer Geschichte ebenfalls den Mut findet, loszufahren – was möchtet ihr ihm oder ihr mit auf den Weg geben?

Es ist manchmal härter, als man denkt – aber gleichzeitig auch geiler, als man denkt. Man kann fast alles erreichen, was man möchte, aber es kommt nicht geschenkt: Man muss sich bewusst überlegen, worauf man verzichten will – zeitweise oder sogar dauerhaft –, um dahin zu kommen. Es ist keine Frage von „Opfern“, sondern eine bewusste Entscheidung, Dinge anders zu machen, wenn man das alte Leben nicht mehr so weiterleben will oder kann.


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