Zwischen Panama und Kolumbien endet die Panamericana. Dazwischen liegt der Darién Gap: rund 100 Kilometer Regenwald ohne Straße. Ein Team aus US-Veteranen fuhr von Deadhorse, Alaska, nach Ushuaia, Argentinien. 31'400 Kilometer auf Kawasaki KLR650 – und mitten durch den Darién, statt ihn per Schiff zu umgehen. Allein der Dschungel kostete acht Tage. Drei von vier Motorrädern kamen durch.
Wir öffneten das sechs Meter hohe Garagentor kurz vor 3:00 Uhr morgens. Die Temperatur in der Wellblechhütte aus dem Zweiten Weltkrieg sank, als der Wind Schnee und Eis hereinwehte.
Einer nach dem anderen schoben wir die Motorräder mit Beiwagen nach draußen in den Schnee, der sich am Eingang zu unserer Unterkunft angesammelt hatte. Bei intensivem Halogenlicht trafen wir die letzten Vorbereitungen für unsere Reise nach Südamerika. «Ich arbeite hier in Deadhorse, Alaska, seit meinem 20. Lebensjahr, und ich habe hier oben im Winter noch nie Motorräder gesehen», sagte ein Zuschauer. Mitten auf dem großen, windumtosten Parkplatz gab ich Ushuaia, Argentinien, auf meinem Handy in Google Maps ein. «Route nicht verfügbar» war die Antwort.
Warum es keine Straße von Nord- nach Südamerika gibt
Viele wissen nicht, dass es keine durchgängige Route zwischen Nord- und Südamerika gibt. Das Haupthindernis ist der Darién Gap, auch El Tapón genannt: eine rund 100 Kilometer breite Lücke im Dschungel zwischen Yaviza in Panama und Turbo in Kolumbien, Heimat indigener Völker wie der Guna (früher Kuna). Mit Fahrzeugen wurde er bis dahin nur wenige Male durchquert, meist in der Trockenzeit von Januar bis April. Er ist eine enorme logistische Herausforderung.
Stand heute: Diese Expedition fand 2017/18 statt. Seither hat sich der Darién stark verändert. 2023 durchquerten ihn über eine halbe Million Migrantinnen und Migranten auf dem Weg nach Norden. 2025 brachen die Zahlen nach verschärften Kontrollen fast vollständig ein. Genehmigungen, Sicherheitslage und Routen von damals sind kein Maßstab für heute. Wer an eine Durchquerung denkt, prüft zuerst die aktuellen Reisehinweise von EDA oder Auswärtigem Amt.
Unsere Entscheidung, die Expedition am 11. November 2017 zu starten, war sowohl strategisch als auch symbolisch. Das Team bestand hauptsächlich aus Veteranen der US-Armee aus dem Irak und Afghanistan. Und die Abfahrt am Veterans Day bedeutete, auf der ersten Etappe der Reise, dem Dalton Highway von Prudhoe Bay, Alaska, nach Fairbanks, würde weniger LKW-Verkehr herrschen – ein großer Vorteil auf den schmalen, schneebedeckten Kurvenstraßen den Atigun-Pass hinauf, 240 Kilometer nördlich des Polarkreises.
Mit Beiwagen durch Alaska: Motorräder mit zwei und drei Rädern
Mit speziell konzipierten Seitenwagen, Zusatzscheinwerfern, Ersatzbatterien und beheizter Ausrüstung fuhren wir die 4'800 Kilometer durch Alaska und Kanada in etwas mehr als zwei Wochen. Nur ein Unfall hielt uns auf. Ein außer Kontrolle geratenes Auto erwischte einen Fahrer von der Seite; sein Bike wurde noch in derselben Woche repariert.
Zwei Wochen lang quälte uns die Kälte, froren unsere Augenlider ein und es litt jedes Stück nicht bedeckter Haut.
In Bend, Oregon, ließen wir die Beiwagen zurück und fuhren auf zwei Rädern weiter nach Mexiko und Mittelamerika. Nach Temperaturen bis minus 25 Grad waren Kalifornien und die Wärme der Baja California in Mexiko eine willkommene Erleichterung.
Die längeren, wärmeren Tage in Kalifornien und Baja brachten eine willkommene Abwechslung zum nasskalten Wetter im pazifischen Nordwesten – das Fahren wurde wieder angenehmer und wir konnten unter den Sternen schlafen.
Bis zu unserer Ankunft in Yaviza, Panama, am 10. Januar 2018 stand infrage, ob wir die endgültige Genehmigung zur Durchquerung des Darién-Nationalparks erhalten würden. Wir lagen fünf Tage hinter unserem ursprünglichen Zeitplan, aber die Gefahr, in Panama City abgewiesen zu werden, trieb uns weiter durch Mittelamerika. Den Weihnachtstag verbrachten wir in Guatemala, in Costa Rica feierten wir eine Nacht mit einem KLR-Club.
Yaviza, Panama: Wo die Panamericana endet
Seit den ersten Darién-Durchquerungen in den 60er-, 70er- und 80er-Jahren ist die politische Situation zwischen Panama und Kolumbien angespannt. Ohne Straßen oder Brücken, mit nur wenigen Dörfern und einem dichten, tückischen Dschungel voller Insekten und giftiger Schlangen, war das Gebiet zum Zeitpunkt unserer Reise seit Langem Rückzugsort für Drogen- und Menschenhändler sowie paramilitärische, regierungsfeindliche Gruppen.
Als wir in Panama City ankamen, erreichte uns die Nachricht: Wir dürfen den Dschungel durchqueren – vorausgesetzt, eine bewaffnete Patrouille der panamaischen Grenzpolizei Senafront begleitet uns bis zur kolumbianischen Grenze.
Die Straße endet in Yaviza, einem kleinen Dorf am Fluss, das als zentraler Handelsposten am Rande des Dschungels dient. Am Ende der Straße überquert eine schmale Hängebrücke den Río Chucunaque, dann führt ein schmaler Fußweg nach Süden in den riesigen, unberührten Dschungel des Darién.
Wir luden vier Motorräder auf schmale Einbaumkanus aus massivem Hartholz, angetrieben von kleinen Außenbordern. Zwei Tage später erreichten wir bei ungewöhnlich heftigen Regenfällen das Dorf Paya, den letzten Ort im Dschungel vor Kolumbien.
Im Nirgendwo zwischen Panama und Kolumbien
Die starken Regenfälle und der tiefe Schlamm verlangsamten das Fortkommen auf den Motorrädern. Nach nur wenigen Kilometern streikte die Kupplung eines Bikes. Die anderen drei schafften es am nächsten Tag noch ein paar Kilometer weiter, bevor auch sie aufgaben.
Mit Hilfe der dort ansässigen Guna begannen wir, die Motorräder mühsam von Hand zu ziehen.
Wir schlugen Schneisen in den Dschungel und arbeiteten mit Flaschenzug und Seilen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, aßen Reis und Kochbananen und filterten schlammiges Wasser zum Trinken.
Gegen Ende des achten Tages überquerten wir den Atrato-Sumpf per Boot und tauschten den Darién-Dschungel gegen die Stadt Turbo. Ein paar Tage Erholung folgten, wir besorgten Ersatzteile für die Bikes, dann waren wir wieder auf der Straße. Von Cartagena reisten wir nach Süden in das berühmte Kaffeeanbaugebiet Kolumbiens und nach einer dringend benötigten Pause weiter in Richtung Peru. Wir trafen uns mit Freunden, wanderten in den Bergen um Machu Picchu und planten die letzte Etappe unserer Route.
Je weiter wir nach Süden kamen, desto stärker wurde uns bewusst, dass der Winter nahte. Schwere Regenfälle folgten uns auf der Carretera Austral durch Chile und ins südliche Argentinien, wo uns starke Winde und gelegentliche Schneefälle bremsten. In fünfeinhalb Monaten auf der Straße legten wir etwas über 31'400 Kilometer zurück und kamen in Ushuaia, Argentinien, an.
Acht Tage Darién: In der glühenden Hitze des Dschungels
Am 10. Januar 2018 erreichten wir schließlich Yaviza und begannen unsere Reise flussaufwärts in den Darién-Dschungel. Ungewöhnlich starke Regenfälle ließen die Flüsse anschwellen und überspülten Straßen und Wege. Mit den Worten eines Teammitglieds: «Nach drei Jahren Planung und monatelanger Sorge stehen wir endlich dem Monster gegenüber.»
Scheinbar resistent gegen Hitze und Luftfeuchtigkeit arbeiteten die einheimischen Guna pausenlos und halfen, den Dschungel von Ranken und umgestürzten Bäumen zu befreien. Nur drei der vier Motorräder schafften es durch den Darién.
Der Dschungel ist eine mächtige Bestie
Wir wechselten uns ab beim Fahren, Schieben und Ziehen der Motorräder durch den dichten Dschungel. Der langsame, ermüdende Prozess war frustrierend.
Wir fanden schnell heraus, dass wir die schweren Adventure-Bikes unmöglich durch den Dschungel «fahren» konnten, da jedes beladene Motorrad knapp 300 Kilogramm wog.
Ranken griffen nach unseren Händen und Wurzeln blockierten die Vorderreifen, so dass wir umkippten. Ungefähr alle 30 Meter hielten wir an, um Schlamm, Zweige und Ranken aus Kette, Zahnrädern und Schutzblechen zu entfernen.
Am Ende des zweiten Tages hatte der knietiefe Schlamm die Motorräder schwer mitgenommen. Ein Bike mussten wir im Dschungel zurücklassen, zwei weitere hatten ausgebrannte Kupplungen.
Jeden Tag plagten uns Giftschlangen, Skorpione, beißende Ameisen, Bienen und Stachelpalmen. Unser morgendliches Mantra lautete: Check deine Stiefel!
Die Anwesenheit der panamaischen Grenzpatrouille erinnerte uns an die ständige Bedrohung durch Drogenschmuggler oder Menschenhändler.
Nach zwei anstrengenden Tagen, an denen wir die Bikes mit Seilen und Flaschenzügen nur wenige Meter vorwärtsbewegen konnten, schlugen wir ein Lager auf und diskutierten unsere weiteren Möglichkeiten.
Nach einem weiteren Tag im Dschungel war alles schlammbedeckt. Mit jedem Schritt wurden unsere Stiefel schwerer. Der Schlamm verschlang unsere Energie, zerstörte unsere Ausrüstung, schwächte die Moral.
Die Motorsägen waren uns voraus, ihr entferntes Summen durchbrach gelegentlich die Stille. Ohne das Stöhnen und Schreien der Männer, die sich abmühten, die Motorräder zu ziehen, war der Dschungel ein unheimlicher Ort. Wenn man nur wenige hundert Meter zurückfällt, fühlt man sich plötzlich sehr einsam im unendlichen, grünen Laub.
Obwohl die Kupplungen der Bikes vom Fahren im tiefen Schlamm unbrauchbar waren, beschlossen wir weiterzumachen.
Mit Seilen und einem 1:4-Flaschenzug bewegten wir uns Meter um Meter vorwärts.
An der Grenze von Panama zu Kolumbien
Hier schlossen sich uns Angehörige der Wounaan aus dem Dorf Cristales an. Mit frischem Mut und den zusätzlichen Arbeitskräften holten wir verlorene Zeit auf.
Nach fünf Tagen begannen dichter Dschungel, Stachelpalmen, Hitze und Luftfeuchtigkeit dem Team zuzusetzen. Teamwork wurde für uns überlebenswichtig.
Blasen, Insektenstiche und Fußbrand erinnerten uns mit jedem Schritt an unsere mangelnde Vorbereitung.
Jeder Fluss brachte willkommene Erleichterung: zum Ausruhen, um Mittag zu essen und den Schlamm von der Kleidung zu waschen.
Einer unserer Guna-Freunde kochte stärkehaltige Bananen und Reis zum Abendessen und zum Frühstück am nächsten Tag. Jeden zweiten Tag genossen wir eine Dose Spam dazu, ein bisschen Luxus nach einem langen Tag voller Arbeit und Schweiß.
Die Freude, als wir das kolumbianische Flussnetz erreichten, das in den größeren Río Atrato mündet, war von kurzer Dauer. Nach nur einer Stunde Bootsfahrt stießen wir auf unser letztes großes Hindernis im Darién: den Atrato-Sumpf.
Jede Biegung im Sumpf bedeutete, Schlamm zu beseitigen, umgestürzte Bäume wegzuräumen und die schweren Piraguas (Einbaumboote) manchmal auf Händen und Knien, Zentimeter um Zentimeter, flussabwärts zu ziehen.
So nahe am offenen Fluss hatten wir das Gefühl, der Dschungel unternehme einen letzten Versuch, uns aufzuhalten.
Nach dem Darién Gap: Bürokratie in Kolumbien
Nach acht Tagen im Darién erreichten wir die Stadt Turbo, unser Tor nach Südamerika. Wir reparierten die Bikes und schlugen uns noch ein paar Tage mit der Bürokratie Kolumbiens herum, bevor wir schließlich mit Fotos belegen konnten, dass wir über die Nordwestgrenze nach Kolumbien gekommen waren.
Die offiziellen Straßen und selbst verkehrsreiche Städte waren eine willkommene Abwechslung zu den Erfahrungen im Dschungel.
Zum größten Teil flog Südamerika viel zu schnell an uns vorbei. Kurz vor dem Ziel in Ushuaia wünschten wir uns, wir hätten mehr Zeit, all die Nebenstraßen zu erkunden.
Am Ende unserer Reise erreichten wir den südlichsten Punkt bei Ushuaia – nach 31'400 Kilometern auf der Panamericana und einer lückenlosen Motorradtour durch den berüchtigten Darién Gap. Einerseits waren wir erleichtert, dass wir es geschafft hatten, aber auch traurig, dass es schon vorbei war.
Die meisten von uns fragten sich, welches Abenteuer uns wohl als nächstes erwarten würde.
Darién Gap mit dem Motorrad: Die Expedition in Zahlen
- Route: Deadhorse/Prudhoe Bay, Alaska – Ushuaia, Argentinien
- Start: 11. November 2017 (Veterans Day)
- Distanz: rund 31'400 Kilometer in rund fünfeinhalb Monaten
- Motorräder: Kawasaki KLR650, in Alaska und Kanada mit Beiwagen
- Darién Gap: acht Tage von Yaviza (Panama) bis Turbo (Kolumbien), drei von vier Motorrädern kamen durch
- Team: überwiegend Veteranen der US-Armee, begleitet von Panamas Grenzpolizei Senafront sowie einheimischen Guna und Wounaan
Fotos: Jake Hamby, Alex Manne
In redaktioneller Zusammenarbeit mit dem Overland Journal Europe.