Greetings from Douz, Tunisia
GREETINGS FROM … sind kurze Field Notes. Friends of OLLI senden uns ihre Eindrücke von unterwegs.
Douz, Tunesien. Lautes Festival, Sandstürme, Kamele und irgendwo dahinter die endlose Ruhe der Wüste. Martina & Dylan sind mit ihrem Fiat Panda 4x4 „Felicita“ in Tunesien unterwegs und treffen am Rand der Sahara zwei Hirten mit 200 Schafen. Eine Geschichte über Balghas aus Kamelleder, Fladenbrot aus heißem Sand – und Menschen, die lieber unter Sternen leben als in einer Stadt.
Hallo, wir sind Martina & Dylan
Genau genommen kommen unsere Grüße nicht direkt aus Douz. Die Stadt haben wir bereits vor ein paar Tagen hinter uns gelassen, nachdem wir das jährliche Sahara-Festival besucht hatten – laut, stürmisch und voller Leben – bevor es uns wieder hinaus in die Wüste zog.
Jedes Jahr im Dezember treffen sich am Sahara-Festival Beduinenstämme aus Tunesien, Algerien, Marokko, Libyen, Niger und Ägypten, um ihre gemeinsame Kultur zu feiern. Imposant wirken die Reiter in ihren traditionellen Gewändern auf reich geschmückten Pferden, faszinierend sind die langen Kamelbeine, die durch den Wüstensand galoppieren. Auf dem Stadtplatz herrscht ein buntes Durcheinander aus Musikern, Tänzern, Popcornverkäufern, Clowns und Händlern für fast alles.
Bevor wir mit unserem 20 Jahre alten Fiat Panda „Felicita“ die Stadt und das Getümmel hinter uns ließen, füllten wir nicht nur Wasser- und Lebensmittelvorräte auf, sondern hielten auch bei einem Schuhmacher an. Hier werden seit Generationen Lederschuhe von Hand gefertigt. Frei übersetzt würden wir sie „Sahara-Pantoffeln“ nennen, vor Ort heißen sie Balghas. Handgenähte Schuhe aus Kamelleder, perfekt angepasst an das Leben in der Wüste.
Und genau zwei Paar davon brauchen wir. Nicht für uns, sondern als Geschenk für „unsere Hirten“.
Denn knapp zwei Wochen zuvor trafen wir am Rand der Sahara zwei Hirten mit ihren rund 200 Schafen. Es war bereits dunkel, und wir suchten – von der Hauptstraße kommend – einen Platz für die Nacht mit unserem Mini-Camper. Nach längerer Suche entdeckten wir plötzlich in der Ferne ein Feuer.
„Lass uns schauen, wer da ist“, meinte Dylan.
Ein paar holprige Sandhügel später standen wir zwischen blökenden Schafen und bellenden Hunden im Licht ihrer Taschenlampen. Mit offenem, leicht verlegenem Lachen luden sie uns zu sich ein. Über dem Feuer stand ein Topf Couscous mit Tomatensoße, wir steuerten unseren in der Stadt gekauften Grillfisch bei und verbrachten den ersten Abend unter dem funkelnden Nachthimmel der Sahara in neuer Gesellschaft.
Dank Übersetzer-Apps, Händen und Zeichnungen im Sand konnten wir uns verständigen. Woher wir kommen. Woher sie kommen. Wie lange sie hier draußen leben, bevor sie für ein paar Tage zurück nach Douz zu ihren Familien fahren.
„Seid ihr Vater und Sohn?“ Nein, lachen sie. Bekannte.
„Gehören die Schafe euch?“ Natürlich. Wem denn sonst?
Ob die Tiere hier draußen genug zu fressen finden? Ja, sagen sie. Aber dafür müssen sie lange mit ihnen unterwegs sein.
Für uns das Zeichen, uns zurückzuziehen. Die beiden hatten offensichtlich einen langen Tag hinter sich. Also schlagen wir ein paar Meter neben ihrem Nomadenzelt unser Lager auf. Während sie sich vermutlich unter Schafwolldecken einkuscheln, drücken wir den Knopf unserer Standheizung, bis wir nicht mehr frieren. Danach schalten wir sie wieder aus. Zur Stille der Wüste schläft es sich besser.
Frühmorgens weckt uns Punchi. Unsere Terrier-Dame muss raus, und wegen der vielen Hütehunde kann sie nicht allein vor die Tür. Zum Glück nicht. Denn als ich mich wenige Minuten später umdrehe, um mit ihr zurück zu „Felicita“ zu gehen, steigt glutrot die Sonne über dem Horizont auf. Ein Marmeladenglas-Moment, der kurz darauf noch schöner wird.
Mohammed und Hamza haben bereits Feuer gemacht und winken mir zu.
„Das musst du sehen. Jetzt. Sonst ist es zu spät“, rufe ich Dylan zu.
Mohammed, der Jüngere der beiden, knetet bereits den Teig für das Fladenbrot. Wenig später wird er zwischen heißer Asche und Sand vergraben und innerhalb kürzester Zeit zum knusprigen Frühstück. Brot in Olivenöl getunkt, dazu Datteln und süßer Tee – einfacher und besser könnte es kaum sein.
Danach beginnt für die beiden der Arbeitstag. Die Schafe werden aus den Nachtweiden geholt, gefüttert und zur Wasserstelle getrieben. Anschließend ziehen die Hirten mit ihren Herden los. Tagsüber essen sie nichts, erzählen sie. Erst abends zurück am Lager gibt es wieder Couscous.
Bevor Hamza über trockenen Sand und dornige Büsche den Schafen hinterherläuft, zeigt er auf seine kaputten Schuhe und fragt, ob wir nicht ein neues Paar für ihn hätten. Leider nicht. In unserem kleinen Camper führen wir keine Ersatzschuhe mit.
Genau deshalb suchen wir anderthalb Wochen später in Douz einen Schuhmacher auf, bevor wir erneut hinaus in die Sahara fahren – in der Hoffnung, Mohammed und Hamza wiederzufinden. Uns zieht es nach der lauten Stadt zurück in die Stille und Einfachheit der Wüste.
Und obwohl das Leben dort rau und hart ist, gefällt es den beiden Männern.
„Immer in der Stadt leben? La, merci.“ Nein danke.
Wir verstehen sie. Auch wir sind, seit wir vor zehn Jahren in unseren Van gezogen sind, keine Stadtmenschen mehr.
💡 Wusstet ihr, dass traditionelle Sahara-Schuhe perfekt an das heiße Wüstenklima angepasst sind? In den Souks Tunesiens werden sie bis heute aus Ziegen-, Schaf- oder Kamelleder gefertigt. Sie sind leicht, atmungsaktiv und setzen statt dicker Sohlen auf Flexibilität und Komfort im Sand. Viele werden noch immer von Hand genäht und gehören fest zur nordafrikanischen Wüstenkultur.
Besonders beliebt sind die offenen, fersenslosen „Babouches“ oder „Balghas“, die hinten einfach heruntergetreten werden können – praktisch und unkompliziert. Heute werden sie oft auch als Hausschuhe getragen.
Doch auch hier hat die Moderne längst Einzug gehalten. Obwohl es Winter ist, sehen wir fast überall Kunststoff-Pantoffeln statt der traditionellen Lederschuhe. Irgendetwas zwischen Adiletten und Crocs trägt hier fast jeder an den Füßen. Egal ob auf dem Motorrad, auf dem Kamel, im Krankenhaus oder im Supermarkt – Plastiklatschen gehören inzwischen ganz selbstverständlich zum Bild.
Liebe Grüße
Martina & Dylan
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Sie sind Reisebuchautoren, Filmemacher und Vortragsreferenten. Während der Covid-Zeit entwickelten sie zudem eine Kompost-Trenntoilette für Camper, weil sie mit bisherigen Lösungen nie wirklich zufrieden waren. Seit 2016 leben sie im Van und haben unterwegs einiges erlebt. Mit ihrem Projekt „Impandable“ reisen sie seit letztem Jahr im Fiat Panda 4x4 um die Welt. Heute wechselt ihr Alltag zwischen dem Unterwegssein und der Arbeit in der FlowerPott-Werkstatt in der Schweiz.
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