Martina Zürcher und Dylan Wickrama erzählen im OLLI-Interview von ihrer ersten Begegnung in Indien, Dylans Motorradweltreise, dem Leben im Van, der Floß-Expedition über den Pazifik und warum Freiheit für sie heute etwas ganz anderes bedeutet als früher.
In den OLLI Stories sprechen wir mit Menschen, die ihr Leben anders leben – bewusst, mutig und auf ihre ganz eigene Art. Keine Floskeln. Kein Hochglanz. Sondern ehrliche Antworten auf die Fragen, die man sich erst stellt, wenn das Lagerfeuer brennt und der Smalltalk vorbei ist. Geschichten, die zeigen: Es geht auch anders.
Zwei Menschen, die unabhängig voneinander losziehen
Bevor sie gemeinsam im VW-Bus durch Europa und über die Seidenstraße bis in die Mongolei reisten, Bücher schrieben, Filme drehten und heute mit einem Fiat Panda von Japan träumen, führten Martina und Dylan zwei völlig unterschiedliche Leben. Der eine verkaufte seine Werkstatt und fuhr mit dem Motorrad einmal um die Welt. Die andere arbeitete als Radiomoderatorin, wurde Reisejournalistin und gründete mit 23 Jahren eine Kinderhilfsorganisation in der Mongolei.
Wir haben mit Martina Zürcher und Dylan Wickrama über ihr Leben, ihre Reisen und die Entscheidungen gesprochen, die sie dorthin gebracht haben, wo sie heute stehen.
Wer steckt hinter Ride2xplore?
Dylan: Ich komme ursprünglich aus Sri Lanka und habe meine Heimat gemeinsam mit meinem Stiefvater, einem Engländer, mit 16 Jahren verlassen. Zuerst lebte und studierte ich einige Zeit in England, bevor ich wegen einer Frau in die Schweiz kam. Das ist inzwischen über 20 Jahre her – heute bin ich wohl mehr Schweizer als Sri Lanker. Vor meiner Motorradweltreise führte ich in Glarus eine eigene Autowerkstatt. Irgendwann verkaufte ich sie, um mir den Traum einer dreieinhalbjährigen Weltreise zu erfüllen.
Martina: Ich komme aus der Schweiz und war schon immer am liebsten unterwegs. Ich war viele Jahre Radiomoderatorin, habe später Journalismus studiert und als Redakteurin beim Schweizer Reisemagazin Transhelvetica gearbeitet. Nebenbei gründete ich mit 23 Jahren gemeinsam mit Freundinnen eine Kinderhilfsorganisation in der Mongolei.
Erinnert ihr euch an den Moment, in dem ihr gespürt habt: So wie es ist, reicht es nicht mehr? Ich will raus. Ich will mehr vom Leben?
Dylan: Kurz bevor ich zu meiner Weltreise aufbrach, bot mir jemand einen Kredit an, damit ich meine Werkstatt vergrößern konnte. Ich stand eines Morgens unter der Dusche. Draußen war es kalt und grau in den Glarner Bergen. Da dachte ich plötzlich: „Mist, ich wollte doch eigentlich immer auf Weltreise. Warum sollte ich jetzt den nächsten Schritt im Hamsterrad machen – und nicht einfach losfahren?“
Ich lebte damals getrennt von meiner Ex-Frau, war psychisch nicht gerade in meiner besten Verfassung und gleichzeitig bereit, alles loszulassen und zu schauen, was danach kommt. Innerhalb von drei Monaten hatte ich meine Firma verkauft und war unterwegs.
Martina: Bei mir war dieses Gefühl schon immer da. Deshalb habe ich als junge Frau acht Monate in Indien studiert und habe mit 23 Jahren gemeinsam mit Freundinnen eine Kinderhilfsorganisation in der Mongolei gegründet. Beides hat mich unglaublich geprägt. Ich habe dabei so viel gelernt und bin daran gewachsen.
"Wer reist, merkt schnell, dass es zwischen Schwarz und Weiß unzählige Grautöne gibt. Oder besser gesagt: unendlich viele Farben."
Gab es Situationen, in denen ihr euch bewusst gegen Vernunft, Erwartungen oder gut gemeinte Ratschläge entschieden habt?
Dylan: Eigentlich ständig. Wenn mir jemand sagt: „Das geht nicht“, muss ich fast beweisen, dass es eben doch geht. Das galt vor allem für meine Floß-Geschichte. Ich meine: Wer baut schon sein Motorrad zu einem Floß um und fährt damit 800 Kilometer von Panama nach Kolumbien – über den Pazifik und ohne Segelerfahrung? Einen Tag bevor ich losfuhr, sagte mir jemand, ich würde mich damit umbringen.
Martina und ich hatten damals noch keine feste Beziehung, aber wir kannten und liebten uns bereits. Sie war vermutlich diejenige, die am stärksten versuchte, mir diese verrückte Idee auszureden. Rückblickend war diese Floß-Expedition die beeindruckendste Erfahrung meines Lebens.
Martina: Ich habe mich schon früher immer wieder gegen das entschieden, was andere für vernünftig hielten. Später fanden meine Eltern auch unsere Entscheidung, Wohnung und Jobs aufzugeben, für eine Schnapsidee. Es wird immer Menschen geben, die dagegen reden. Deshalb finde ich es wichtig, die Bedenken anderer auszublenden, wenn sich eine Entscheidung für einen selbst einfach richtig anfühlt.
"Es war die härteste Zeit meines Lebens – und gleichzeitig die schönste."
Was hat euch unterwegs stärker gefordert als erwartet – körperlich, mental oder emotional?
Dylan: Meine achtwöchige Floßreise war in jeder Hinsicht schwieriger, als ich erwartet hatte. Ich dachte: „Ich schippere einfach die Küste entlang Richtung Kolumbien.“ Am Ende war ich acht Wochen unterwegs, davon fast zwei Wochen auf dem offenen Meer, ohne genau zu wissen, wo ich mich überhaupt befand. Ich war chronisch übermüdet, weil ich alleine unterwegs war und ständig Ausschau halten musste. Mehr als vielleicht zwei Stunden am Stück konnte ich nie schlafen.
Noch Monate später kamen mir die Tränen, wenn ich Wasser sah oder über diese Zeit sprach. Den Elementen so lange ausgeliefert zu sein, zwei Stürme zu überstehen und mit sehr viel Glück und unermüdlicher Arbeit wieder Land zu erreichen, war definitiv viel schwieriger als erwartet. Aber eben auch viel schöner.
Ein Tempel in Indien
Wie und wo habt ihr euch kennengelernt?
Martina: Ich verbrachte ein Semester meines Studiums in Indien. Warum ein Auslandsemester in Hamburg machen, wenn auch Ahmedabad in Gujarat zur Auswahl steht? Weil mein Semester in der Schweiz erst später wieder begann, reiste ich anschließend noch durchs Land. In einem Tempel in Hampi traf ich auf Dylan. Er war bereits seit rund neun Monaten mit dem Motorrad auf Weltreise und saß in Hampi fest, weil er für sein Motorrad auf Ersatzteile aus Deutschland wartete. Wir kamen ins Gespräch, weil er meinen Schweizer Akzent heraushörte. Für mich war ziemlich schnell klar: "He’s the one." Dylan brauchte dafür ungefähr drei Jahre Bedenkzeit. Das war 2011.
Aus einer Begegnung wird eine gemeinsame Reise
Was war der finale Auslöser, der euch wirklich hat aufbrechen lassen?
Martina: Als Dylan 2013 von seiner Weltreise zurück in die Schweiz kam, beschlossen wir, es gemeinsam zu versuchen. Bis dahin kannten wir uns eigentlich nur von unterwegs, weil ich ihn während seiner Reise in jedem meiner Urlaube besucht hatte. Schon bald entstand die Idee, gemeinsam ein Buch über seine Reise zu schreiben – vor allem über die Floß-Expedition. Wir beschlossen, "all in" zu gehen und uns mit dem Buch und unseren Vorträgen selbstständig zu machen. Das war der erste Schritt. Ein Jahr später gaben wir unsere Wohnung auf und zogen vollständig in den Van. Wir waren beruflich so viel unterwegs, dass es uns unsinnig erschien, jeden Monat Miete zu bezahlen.
Für Dylan war es leicht, wieder alles loszulassen. Für mich gab es einen ganz persönlichen Auslöser. 2011 verlor ich eine gleichaltrige Freundin, die ich mein ganzes Leben gekannt hatte, an Krebs. Da wurde mir schlagartig bewusst: Wir haben keine Garantie darauf, alt zu werden.
"Irgendwann ist irgendwann zu spät."
Wie hat der Van eure Art zu reisen verändert? Welche Vor- und Nachteile hatte das Leben auf vier Rädern?
Dylan: Das Schönste am Unterwegssein mit dem Van – oder überhaupt mit dem eigenen Fahrzeug – ist die Freiheit, jederzeit dorthin fahren zu können, wo man gerade hin möchte. Zu bleiben, wenn es einem gefällt. Und weiterzufahren, wenn etwas nicht stimmt. Keine Hotels oder Züge buchen zu müssen, eröffnet für uns eigentlich nur Vorteile.
Martina: Etwas, das mit dem Van nicht möglich ist, gibt es für Dylan sowieso nicht. Ich habe durch ihn gelernt, meine Komfortzone immer wieder zu erweitern und Dinge einfach auszuprobieren.
Wie sah eure bisherige Route aus?
Martina: Dylan war von 2010 bis 2013 mit dem Motorrad unterwegs und fuhr von der Schweiz aus über den Osten und Afrika einmal um die Welt. Seit 2016 sind wir kreuz und quer durch Europa unterwegs – meistens ohne festen Plan. 2018 führte uns die Seidenstraße mit dem VW-Bus bis in die Mongolei. Als Nächstes träumen wir davon, Japan mit dem Fiat Panda zu erreichen. Am liebsten würden wir über den Nahen Osten fahren. Im Moment ist das allerdings leider nur schwer möglich.
Habt ihr eure Route vorher festgelegt oder entscheidet ihr vieles spontan?
Dylan: Die Mongolei hatten wir als Ziel bewusst gewählt, weil sie für Martina längst zu einer zweiten Heimat geworden ist. Ansonsten reisen wir meistens ziemlich planlos und hören auf unser Bauchgefühl.
Martina: Dylans Weltreise war sogar komplett ungeplant. Manchmal entschied er per Münzwurf, zu welcher Grenze er als Nächstes fahren würde.
Dylan: Je länger man unterwegs ist, desto einfacher wird es, auf die eigene Intuition zu hören. Und natürlich spielen am Ende auch ganz praktische Dinge wie Visa oder Einreisebestimmungen eine Rolle.
Der Tag, der alles veränderte
Wie hat das Unterwegssein euren Blick auf Sicherheit, Besitz, Kontrolle und Zukunft verändert?
Martina & Dylan: 2017 hatten wir – nach noch nicht einmal einem Jahr Vollzeit-Vanlife – in Deutschland einen Frontalcrash auf der Autobahn. Ein Falschfahrer fuhr mit voller Absicht in den Gegenverkehr, weil er sich das Leben nehmen wollte. Zwei Menschen kamen dabei ums Leben. Wir hätten genauso gut tot oder schwer verletzt sein können. Stattdessen hatten wir an diesem Tag einfach unfassbares Glück. Unser Bus, unser Zuhause, war ein Totalschaden. Wir selbst konnten praktisch unverletzt aussteigen. Seitdem ist uns noch klarer geworden: Sicherheit gibt es nicht. Auch dann nicht, wenn wir uns im vermeintlich sicheren Deutschland aufhalten. Warum also nicht einen Roadtrip nach Zentralasien wagen?
Was die Zukunft bringt, wissen wir alle nicht. Deshalb ist es für uns heute noch wichtiger, im Hier und Jetzt glücklich und zufrieden zu sein. Und wenn wir es nicht sind, liegt es an uns etwas zu verändern. Das ist unsere Leitlinie – und das Einzige, was wir wirklich beeinflussen können.
In diesem Zusammenhang spielt Besitz für uns keine große Rolle mehr. Denn alles, was wir besitzen, besitzt am Ende auch uns und unsere Zeit. Deshalb fragen wir uns bei jeder Anschaffung: Ist sie uns diese Zeit wirklich wert?
Wir leben nicht bewusst minimalistisch. Es ist einfach mit der Zeit so geworden. Unsere Konsumlust ist heute viel kleiner als früher. Im Gegenteil: Manchmal denken wir sogar, dass wir immer noch zu viel besitzen. Es ist erstaunlich, was wir Menschen alles ansammeln.
Der größte Unterschied ist vielleicht dieser: Unser Fokus hat sich von „Was vermisse ich?“ zu „Was brauche ich wirklich, um zufrieden zu sein?“ verschoben.
Die Welt ist größer als Schlagzeilen
Hat sich euer Blick auf die Welt durch die lange Reise verändert?
Martina & Dylan: Definitiv. Wenn man nicht unterwegs ist, versteht man die Welt oft nur durch Schlagzeilen. Dann gibt es meist nur diese eine Sicht auf ein Land. Wer reist, merkt schnell, dass es zwischen Schwarz und Weiß unzählige Grautöne gibt. Oder besser gesagt: unendlich viele Farben.
Für uns bedeutet Reisen vor allem, mit den Menschen vor Ort an einem Tisch zu sitzen. Zuhören. Verstehen, statt zu urteilen. So lernen wir Schritt für Schritt, was anderswo als normal gilt – und wie stark wir selbst oft durch eine eurozentrische Brille auf die Welt schauen.
Begegnungen, die bleiben
Gab es Orte, Menschen oder Momente, die euch besonders geprägt, berührt oder verändert haben – und die ihr nie vergessen werdet?
Martina: Es sind so viele. Nach einer Motorradpanne lebten wir zum Beispiel eine Woche lang auf dem Sofa eines argentinischen Automechanikers und seiner Freundin. Obwohl wir uns fast nur mit Google Translate verständigen konnten, haben wir bei der Verabschiedung alle vier Rotz und Wasser geheult. Es war einer dieser Urlaube, wo ich Dylan auf seiner Weltreise besuchte und eigentlich hätte ich lieber gerne mehr vom Land gesehen, als nur die Motorradwerkstatt. Entsprechend war ich zwischendurch auch recht genervt von der Situation. Dazu kam, dass der Alltag in Argentinien – mit den sehr späten Abendessen – ganz anders getaktet war als unserer.
Rückblickend war aber genau diese Woche eines unserer größten Highlights. Ihre älteste Tochter trägt heute meinen Namen und auch mehr als zehn Jahre später haben wir noch immer Kontakt. Bahía Blanca steht deshalb ganz oben auf unserer Liste. Genauso wie Ulan Bator, Mumbai oder Bizerta.
Reisen heißt für uns, überall ein Stück Herz zurückzulassen – und überall Menschen zu haben, die wir irgendwann wiedersehen möchten.
Was bedeutet Freiheit für euch heute – und was hat sich daran verändert?
Martina & Dylan: Freiheit bedeutet für uns, das tun zu können, was wir uns wünschen – mit den Mitteln, die wir haben. Sie bedeutet aber auch, in einem Land zu leben, das diese Freiheit überhaupt ermöglicht. Deshalb würden wir unsere Heimat, die Schweiz, auch wenn wir sehr viel unterwegs sind, niemals für immer verlassen wollen.
Wer viel reist, erkennt, dass es alles andere als selbstverständlich ist, seinen Lebensmittelpunkt hier haben zu dürfen. Und wie unglaublich privilegiert wir als Schweizer sind.
Wenn ihr One Life. Live It. mit eigenen Worten erklären müsstet – was bedeutet das für euch ganz persönlich?
Martina & Dylan: So zu leben, dass jeder Tag der glücklichste Tag deines Lebens ist. Klingt im ersten Moment nach einem belanglosen Kalenderspruch. Aber seit unserem Frontalunfall meinen wir es genau so. Glücklich sein im Hier und Jetzt. Mit dem, was wir tun. Nicht warten, nicht hadern oder irgendwo bleiben, wo wir uns nicht voll entfalten können. Sondern machen. Dinge anpacken. Ins Tun kommen. Auch wenn andere über unsere Lebensweise den Kopf schütteln. Für uns bedeutet das auch, jeden Tag mit Dankbarkeit zu leben – dankbar dafür, dass wir auf dieser wunderbaren Welt leben dürfen.
Was würdet ihr in eurem Leben bereuen, wenn ihr es nicht zumindest versucht hättet?
Martina & Dylan: Das Leben im Van. Und sehr wahrscheinlich auch die Reise mit dem Panda. Noch so eine Schnapsidee, bei der viele fragen: „Aber warum?“ Unsere Antwort ist ganz einfach: Warum nicht? Wir haben so viel Spaß damit.
Für alle, die noch zögern
Was würdet ihr jemandem sagen, der spürt, dass er los sollte, aber noch zögert?
Martina & Dylan: Stell dir vor, du hättest nur noch ein Jahr zu leben. Würdest du dann immer noch zögern – oder dich vielleicht für etwas ganz anderes entscheiden?
Wenn ihr jemanden trefft, der spürt, dass er los sollte, aber Angst hat – was würdet ihr ihm nicht sagen?
Martina & Dylan: Wir würden ihm sicher nicht sagen, dass es unterwegs garantiert Situationen geben wird, in denen er noch viel mehr Angst haben wird. Stattdessen würden wir sagen: Angst ist der beste Berater – solange sie dich nicht lähmt. Und geh in kleinen Schritten. In den Schritten, die für dich passen. Du wächst unterwegs. Jeder Tag auf Reisen gibt dir mehr Vertrauen in dich und das, was du kannst.
Dylan hat schließlich auch nicht mit der Floß-Expedition angefangen. Davor lagen drei Jahre Weltreise auf vier Kontinenten und unzählige Erlebnisse.
Jedes Mal, wenn du deine Komfortzone verlässt, wächst du ein Stück. Und mit jedem Mal wird es ein bisschen einfacher.
Welchen Satz hättet ihr eurem früheren Ich gern erspart – und welchen hättet ihr ihm mitgeben sollen?
Martina & Dylan: Sehr wahrscheinlich die immer wiederkehrende Frage: „Kann man denen vertrauen?“ Diese Frage schwingt auch heute manchmal noch mit. Aber unsere eigenen Erfahrungen – und die vieler anderer Reisender – zeigen etwas anderes: Rund 95 Prozent der Menschen da draußen sind gut. Man muss schon ziemlich lange suchen, um auf die faulen Eier zu treffen.
Deshalb würden wir unserem früheren Ich wohl eher diesen Satz mitgeben – klingt vielleicht etwas abgedroschen. Ist aber nach wie vor wahr.
"Die Welt ist besser als die Schlagzeilen."
Die Frage, die sich viele stellen: Wie habt ihr eure Reisen und euer Leben unterwegs finanziert – und wie seid ihr mit der Unsicherheit umgegangen?
Martina: Dylan hat vor seiner Weltreise seine Werkstatt verkauft und ist so lange gereist, bis kein Geld mehr aus dem Geldautomaten kam. Seit wir gemeinsam unterwegs sind, arbeiten wir eigentlich immer auch auf Reisen. Wir schreiben Texte und Bücher, produzieren Filme, fotografieren, machen Podcasts, leiten einmal im Jahr eine Motorradreise in Dylans Heimat Sri Lanka und haben während der Covid-Zeit unser Unternehmen für Kompost-Trenntoiletten aufgebaut.
Dylan: Bei uns kommen viele verschiedene Dinge zusammen. Genau das mögen wir. Wir lieben es, unseren Alltag immer wieder neu gestalten zu können. Und obwohl es von außen vielleicht nicht so aussieht: Wir arbeiten beide unglaublich gerne. Wir sind froh, dass wir damals den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt, Eigenverantwortung übernommen und daran geglaubt haben, dass dieses Leben möglich ist.
Was möchtet ihr bei den Menschen hinterlassen, denen ihr begegnet seid?
Martina & Dylan: Die Inspiration, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen, das Leben zu genießen und für das eigene Glück Verantwortung zu übernehmen.
Bayasgalant – Kinderhilfe Mongolei
Was 2003 nach einer dreiwöchigen Reise durch die Mongolei als spontane Idee von vier jungen Frauen begann, ist heute eine etablierte Kinderhilfsorganisation.
Bayasgalant betreut in Ulan Bator täglich rund 200 Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen. Auf einem eigenen Gelände mit drei Häusern kümmern sich rund 20 Mitarbeitende um Bildung, Betreuung und Perspektiven für Kinder, die sonst oft kaum Chancen hätten.
Viele der ersten Kinder von damals stehen heute selbstständig im Leben – als Psychologen, Managerinnen, Schauspielerinnen, Reiseleiter oder Köchinnen. Andere studieren Medizin oder haben inzwischen selbst Familien gegründet.
Eine Geschichte, die zeigt, was entstehen kann, wenn aus einer Reise mehr wird als nur schöne Erinnerungen.
Das nächste Kapitel heißt Panda. Kleiner Fiat Panda. Ein großes Abenteuer.
Mit dem Fiat Panda unterwegs: Wie sieht eure nächste Reise aus? Und wie lebt man auf so kleinem Raum?
Martina: Die Panda-Weltreise wird uns wahrscheinlich die nächsten zehn Jahre begleiten – immer wieder in Etappen. Denn wir können unsere Firma nicht jahrelang liegen lassen. Wahrscheinlich wird es sich irgendwo bei sechs Monaten unterwegs und sechs Monaten in der Schweiz einpendeln. So zumindest der Plan. Im Moment sind wir allerdings noch etwas länger in der Schweiz geblieben, als wir ursprünglich gedacht hatten. Es macht einfach unglaublich viel Spaß zu sehen, wie unsere selbst entwickelte Kompost-Trenntoilette zu einem Produkt geworden ist, an dem so viele Menschen Freude haben.
Dylan: Unterwegs schlafen wir direkt im Panda. Anfangs hatten wir ein Dachzelt. Das haben wir aber wieder verkauft, als Martina meinte, sie wolle auch im Auto schlafen können. Also haben wir eine ausziehbare Kiste gebaut, mit der hinten ein rund 1,85 Meter langes Bett entsteht – mit richtigen Matratzen und erstaunlich bequem. Dazu kommen eine Standheizung, ein 12-Liter-Heißwasserboiler, ein 80-Liter-Frischwassertank, ein Kühlschrank und sogar eine Toilette.
Eigentlich fehlt uns an nichts.
Was ist euer nächstes großes Ziel?
Martina & Dylan: Als Nächstes träumen wir davon, Japan mit dem Fiat Panda zu erreichen. Am liebsten würden wir über den Nahen Osten fahren. Im Moment ist das allerdings nur schwer möglich. Deshalb schauen wir Schritt für Schritt, welche Route sich in den kommenden Jahren ergibt.
Das Ziel bleibt Japan.
Über Martina & Dylan
Martina Zürcher (1980) arbeitete zehn Jahre als Radiomoderatorin, bevor sie zum Schreiben wechselte. Sie studierte Journalismus und Kommunikationswissenschaften in der Schweiz sowie in Indien und war mehrere Jahre Chefredaktorin des Schweizer Reisemagazins Transhelvetica. Gemeinsam mit Dylan ist sie Autorin mehrerer Bücher, Filmemacherin und Vortragsreferentin. Bereits 2003 gründete sie gemeinsam mit drei Freundinnen die Kinderhilfsorganisation Bayasgalant, die in Ulan Bator bis heute täglich rund 200 Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen betreut.
Dylan Wickrama (1970) wuchs in Sri Lanka auf, studierte später in England und kam schließlich in die Schweiz. 2010 verkaufte er seine Autowerkstatt in Glarus und brach zu einer dreieinhalbjährigen Motorradweltreise auf. Bekannt wurde Dylan unter anderem durch seine außergewöhnliche Floß-Expedition von Panama nach Kolumbien, bei der er sein Motorrad zu einem Floß umbaute. Heute arbeitet er als Buchautor, Filmemacher und Vortragsreferent.
Seit ihrer Begegnung 2011 in Indien gehen Martina und Dylan gemeinsam ihren eigenen Weg. Unter dem Namen Ride2xplore erzählen sie Geschichten über Menschen, Reisen und das Leben unterwegs – in Büchern, Filmen, Podcasts und Live-Reportagen. Seit 2016 leben und arbeiten sie überwiegend unterwegs, organisieren Motorradreisen in Sri Lanka und entwickelten mit Flower Pott eine eigene Kompost-Trenntoilette für Camper und Reisefahrzeuge.
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