Vier Jahre waren Romy Müller und ihre Familie mit dem Expeditions-LKW «Ellie» durch Europa und Afrika unterwegs. Während sie ortsunabhängig arbeiteten, standen sie gleichzeitig vor einer ganz praktischen Frage: Wie können Kinder lernen, wenn die Familie keinen festen Wohnort hat? Aus dem ortsunabhängigen Arbeiten wurde so auch ortsunabhängiges Lernen – und aus den Erfahrungen der Familie entstand gemeinsam mit ArcoBern die Schweizer Online-Lerncommunity ArcoOnline.
Eine Frage wurde Ellie & the Family unterwegs besonders häufig gestellt:
"Und wovon lebt ihr eigentlich?"
Die Antwort beginnt in der Schweiz. Von dort brachen Romy, ihr Mann Mario und ihre beiden Kinder mit Ellie, einem Mercedes 1429 Expeditions-LKW, zu ihrer mehrjährigen Reise auf. Die Route führte durch Europa, die Türkei und Marokko, durch Westafrika immer weiter Richtung Süden bis nach Namibia.
Aus einem Haus wurde ein LKW, aus Kinderzimmern wurden Stockbetten und aus einem planbaren Alltag ein Leben, bei dem morgens nicht immer klar war, was der Tag bringen würde. Die Familie schlief an Orten, die sie vorher kaum auf der Karte hätte zeigen können, fuhr schlechte Pisten, überquerte Grenzen, lernte Menschen kennen und änderte immer wieder ihre Pläne.
Das sieht von außen ziemlich nach Freiheit aus. Nur macht Freiheit weder satt noch den Tank voll.
Auch unterwegs gibt es Rechnungen, Lebensmittel, Versicherungen, Reparaturen und Internet. Und einen Expeditions-LKW, der Diesel braucht, egal wie schön die Landschaft gerade ist. Ellie & the Family waren deshalb nicht mit einem riesigen Reisebudget losgefahren, von dem sie einfach mehrere Jahre leben konnten. Sie mussten unterwegs weiter Geld verdienen. Die kurze Antwort auf die Frage lautet deshalb tatsächlich: Sie arbeiteten. Die längere ist aber interessanter.
DEN EINEN PERFEKTEN REMOTE-JOB GAB ES NICHT
Schon vor der Abreise hatte die Familie entschieden, finanziell nicht alles auf eine Karte zu setzen. Ersparnisse, regelmäßiges Einkommen und angelegtes Kapital bildeten drei Säulen, die ihnen genügend Freiheit geben sollten, um unterwegs nicht permanent unter finanziellem Druck zu stehen.
Dazu kam zunächst ihre mobile Cocktailbar, die Romy und Mario als kleines Unternehmen in der Schweiz betrieben. Ein Team führte den Betrieb vor Ort weiter, während sich vieles aus der Ferne organisieren ließ. Als klar wurde, dass die Familie länger unterwegs bleiben würde, verkauften sie die Cocktailbar.
Parallel hatte Romy ihre eigene Arbeit zunehmend so aufgebaut, dass sie sie von überall erledigen konnte. Als selbstständige virtuelle Assistentin unterstützte sie Unternehmen unter anderem bei Organisation, Backoffice, Kundenkommunikation und digitalen Prozessen. Das Büro bestand damit im Wesentlichen aus Laptop, Internet und einer halbwegs ruhigen Ecke. Wobei Letzteres mit zwei Kindern in einem Expeditions-LKW durchaus Verhandlungssache sein dürfte.
Über die Jahre wurde Arbeiten unterwegs normal. Manchmal stand der Laptop an einem Ort, bei dem andere Urlaub machen würden. Manchmal mussten Kinderfragen, Reiseplanung und die nächste Grenzüberquerung gleichzeitig irgendwie in denselben Arbeitstag passen. Einige Einnahmequellen wurden wichtiger, andere verschwanden wieder, Neues kam hinzu. Und irgendwann wurde aus diesem Improvisieren eine ziemlich fundamentale Erkenntnis:
Ortsunabhängigkeit entsteht nicht unbedingt dadurch, dass man den einen perfekten Remote-Job findet. Sie kann auch entstehen, indem man beginnt, Arbeit selbst zu gestalten.
Genau dieser Gedanke sollte für die Familie noch einmal wichtig werden. Nur ging es beim zweiten Mal nicht mehr um Arbeit. Sondern um ihre Kinder.
DIE WELT LIEFERT ZIEMLICH VIEL UNTERRICHTSSTOFF
Je länger Ellie & the Family unterwegs waren, desto drängender wurde eine Frage, die sich mit zwei Kindern nicht auf unbestimmte Zeit vertagen lässt: Wie sollen sie eigentlich lernen, wenn ihr Leben keinen festen Ort mehr hat?
Ganz ohne formale Regeln geht das natürlich nicht. Ob und unter welchen Bedingungen Homeschooling möglich ist, wird in der Schweiz kantonal geregelt – und die Unterschiede sind erheblich. Die Familie ist im Kanton Aargau gemeldet, wo Eltern ihre Kinder auch ohne Ausbildung zur Lehrperson selbst unterrichten dürfen. In anderen Kantonen gelten strengere Vorgaben. Wer mit schulpflichtigen Kindern länger auf Reisen gehen möchte, sollte deshalb zuerst klären, welche Regeln am eigenen Wohnort gelten.
Die erste Assoziation ist naheliegend. Stundenplan, Schulbücher, Aufgaben – nur eben unterwegs. Man nimmt Schule mit und versucht, das bestehende System irgendwie in den neuen Alltag zu packen.
Doch Romy und ihr Mann beobachteten bei ihren Kindern etwas anderes. Sie lernten ohnehin. Ständig.
Warum verändern sich Landschaften? Warum sprechen Menschen unterschiedliche Sprachen? Welche Tiere leben hier? Wie funktioniert eine Grenze? Warum gibt es in manchen Regionen kaum Wasser? Woher kommt der Strom im LKW? Und was macht Papa eigentlich, wenn er etwas an Ellie repariert?
Wer mit Kindern durch verschiedene Länder und Kulturen reist, muss die Welt nicht erst auf einem Arbeitsblatt interessant machen. Sie steht jeden Morgen vor der Tür. Eine Frage führte zur nächsten, manchmal kamen gefühlt hundert an einem einzigen Tag. Lernen fand nicht nur dann statt, wenn jemand Lernzeit ausrief. Es entstand aus dem Leben.
Das veränderte den Blick der Familie auf Bildung. Und trotzdem wäre es zu einfach, die Geschichte an dieser Stelle mit einem hübschen Satz über die Welt als Klassenzimmer zu beenden. Denn die Welt ist ein ziemlich gutes Klassenzimmer. Aber eben keine Schule.
SCHULFREUNDE PASSEN IN KEINEN SCHULRUCKSACK
Romy kannte zu diesem Zeitpunkt bereits Kirsten Timmer und ArcoBern. Kirsten hatte ArcoBern 2005 in Bern gegründet und dort einen Lernort entwickelt, an dem Kinder nicht einfach Stoff abarbeiten, sondern ihren Fragen, Interessen und eigenen Projekten nachgehen können.
Je länger Romy selbst unterwegs war, desto häufiger stellte sich ihr deshalb eine eigentlich simple Frage: Warum sollte ein solcher Lernort zwingend an einen geografischen Ort gebunden sein?
Ellie & the Family waren schließlich nicht allein mit diesem Problem. Unterwegs begegnet man Familien auf Langzeitreise, Menschen, die zwischen mehreren Ländern leben, Expats, Homeschooling-Familien und digitalen Nomaden. Viele finden Möglichkeiten, ihren Kindern ortsunabhängiges Lernen zu ermöglichen.
Schulstoff lässt sich mitnehmen. Bücher ebenfalls. Aufgaben können digital verschickt und Unterricht kann online organisiert werden. Schwieriger wird es bei etwas anderem: Gemeinschaft.
Andere Kinder regelmäßig zu treffen, gemeinsam an Dingen zu arbeiten, Ideen auszutauschen und Fragen weiterzuverfolgen. Und Lernbegleiterinnen und Lernbegleiter zu haben, die nicht nur Aufgaben verteilen, sondern Interessen erkennen, aufgreifen und vertiefen.
Das Problem war also nicht einfach: Wie bekommen wir Schule ins Internet? Die interessantere Frage lautete: Was brauchen Kinder für gutes Lernen – und wie viel davon muss tatsächlich an einen Ort gebunden sein? An diesem Punkt treffen Arbeit und Lernen plötzlich auf dieselbe Frage.
Bei ihrer Arbeit hatte die Familie längst aufgehört, nur darüber nachzudenken, wo gearbeitet werden muss. Viel wichtiger war geworden, was vorhanden sein muss, damit Arbeit funktioniert. Beim Lernen ihrer Kinder begann sie dieselbe Frage zu stellen.
ORTSUNABHÄNGIG LERNEN HEISST NICHT, SCHULE EINFACH ZU DIGITALISIEREN.
Aus diesen Überlegungen und dem bestehenden pädagogischen Ansatz von ArcoBern entwickelte sich nach und nach eine Idee. Aus der Idee wurde ein Projekt. Aus dem Projekt wurde ArcoOnline.
ArcoOnline ist eine Schweizer Online-Lerncommunity für Kinder und Jugendliche und baut auf mehr als 20 Jahren Erfahrung von ArcoBern auf. Das Ziel war von Anfang an nicht, klassische Schule einfach auf einen Bildschirm zu übertragen. Entscheidend war vielmehr, das möglich zu machen, was Romy unterwegs als besonders wichtig erkannt hatte: Gemeinschaft, persönliche Lernbegleitung und Raum für die eigenen Interessen und Fragen der Kinder.
Bei ArcoOnline lernen Kinder deshalb projektorientiert und interessengeleitet. Sie arbeiten an eigenen und gemeinsamen Themen, treffen regelmäßig andere Kinder und werden von Lernbegleiterinnen und Lernbegleitern begleitet. Verschiedene Labs schaffen Raum, um gemeinsam zu entdecken, auszuprobieren und Themen weiterzuverfolgen.
Der vielleicht beste Satz, um die Idee dahinter zu verstehen, kommt von Romy selbst:
"Der Bildschirm ist nicht der Lernort. Er ist der Treffpunkt."
Gelernt wird überall. Am Küchentisch in der Schweiz, auf einer Finca in Spanien, in einem Haus in Namibia oder vielleicht tatsächlich einmal unter der Markise eines Expeditions-LKWs. Damit versucht ArcoOnline nicht, das Schulzimmer ins Internet zu verfrachten. Der digitale Raum soll vielmehr das zusammenbringen, was durch geografische Distanz auseinanderliegt. Und plötzlich wird aus einer ziemlich speziellen Geschichte über eine Schweizer Familie im Expeditions-LKW eine wesentlich größere Frage.
WAS, WENN DER WOHNORT NICHT MEHR ALLES BESTIMMT?
Man muss nicht vier Jahre durch Afrika reisen, um über Bildung nachzudenken. Und die meisten Kinder werden ihren Unterricht weiterhin in einer Schule besuchen. Darum geht es auch gar nicht. Das interessante an der Erfahrung ist etwas anderes: Ein radikal veränderter Alltag zwingt dazu, Dinge infrage zu stellen, über die man vorher kaum nachgedacht hat.
Bei der Arbeit kennen wir diese Diskussion längst. Tätigkeiten, die jahrzehntelang selbstverständlich an einen Arbeitsplatz gebunden waren, können heute von verschiedenen Orten erledigt werden. Nicht immer, nicht überall und längst nicht für jeden Beruf. Aber oft genug, dass sich unsere Vorstellung davon verändert hat, was ein Arbeitsplatz eigentlich ist.
Beim Lernen ist diese Diskussion weniger selbstverständlich. Wenn der Wohnort nicht mehr automatisch bestimmt, wo ein Kind lernt – welche Teile von Schule sind dann wirklich entscheidend?
Die Erfahrung unterwegs lieferte darauf keine einfache Antwort. Sie zeigte vielmehr ziemlich deutlich, dass Lernen eben nicht nur aus Schulstoff besteht. Gerade wenn der feste Lernort wegfällt, werden Gemeinschaft, Begleitung, Austausch und Verbindlichkeit umso wichtiger.
ArcoOnline ist eine mögliche Antwort darauf. Und vor allem eine, die nicht am Reißbrett mit der Frage entstand, welche Geschäftsidee funktionieren könnte. Sie entstand aus einem Problem, das Romy selbst kannte.
WIR FAHREN MAL LOS. UND GRÜNDEN DANN EINE SCHULE.
So stand es natürlich nicht im Reiseplan. Als Ellie & the Family die Schweiz verließen, wollten sie reisen. Sie mussten einen Weg finden, dieses Leben zu finanzieren, und begannen deshalb, ihre Arbeit immer stärker an ihr Leben anzupassen, statt ihr Leben vollständig nach der Arbeit auszurichten. Dann kam die Bildung ihrer Kinder dazu.
Und ausgerechnet dort tauchte derselbe Gedanke wieder auf: Vielleicht muss man nicht zwangsläufig nach dem einen bestehenden Modell suchen, das irgendwie passt. Vielleicht kann man anfangen, die Bedingungen selbst zu gestalten. Rückblickend sieht die Entwicklung erstaunlich logisch aus. Unterwegs war sie es vermutlich deutlich weniger.
ArcoOnline entstand aus Gesprächen mit anderen Familien, aus Erfahrungen unterwegs, aus der Beobachtung der eigenen Kinder und aus der Frage, wie Lernen aussehen könnte, wenn der Wohnort nicht automatisch darüber entscheidet, welche Möglichkeiten ein Kind hat.
Vielleicht ist genau das eine der interessanteren Nebenwirkungen einer langen Reise. Man fährt los, weil man andere Länder sehen möchte. Und irgendwann betrachtet man das eigene Leben mit anderen Augen.
FREIHEIT IST KEIN DAUERURLAUB
Heute hat sich die Familie in Namibia ein zweites Zuhause aufgebaut – aber nicht aufgehört zu reisen. Zwischen Namibia, der Schweiz und weiteren Stationen unterwegs hat sich ihr Leben längst nicht mehr auf einen einzigen Ort festlegen lassen. Das Bild vom ewigen Aussteigerleben trifft deshalb nicht so richtig auf ihr Leben zu.
Es wird gearbeitet, organisiert, telefoniert, geplant, geschrieben, entschieden und ziemlich viel improvisiert. Romy beschreibt Freiheit deshalb nicht als Zustand, in dem man morgens aufsteht und nichts mehr tun muss. Für sie bedeutet Freiheit, mehr Einfluss darauf zu haben, wo, wie und wofür sie arbeitet.
Auch beim Lernen ihrer Kinder geht es nicht darum, möglichst wenig Schule oder möglichst wenig Lernen zu haben. Im Gegenteil. Die Kinder sollen sich Wissen erschließen, Fragen stellen, Dinge ausprobieren, scheitern, weiterdenken und erleben, dass Lernen etwas mit ihnen und ihrem eigenen Leben zu tun hat. Damit landen Reisen, Arbeiten und Lernen am Ende überraschend nah beieinander.
Bei allen drei Dingen hat Ellie & the Family irgendwann aufgehört, ausschließlich zu fragen: Wie macht man das normalerweise? Und stattdessen: Wie könnte es für uns funktionieren? Diese Frage hat die Familie ziemlich weit gebracht. Geografisch sowieso. Vor allem aber an einen Ort, den sie beim Losfahren mit Ellie auf keiner Karte hätte finden können.
Aus einem Haus wurde ein LKW. Aus einem festen Arbeitsplatz wurde ortsunabhängige Arbeit. Aus der Frage nach der Bildung der eigenen Kinder entstand eine Online-Lerncommunity.
Und aus einer Reise, die eigentlich hinaus in die Welt führen sollte, kam am Ende eine ziemlich gute Frage zurück: Was würden wir anders machen, wenn wir nicht schon zu wissen glaubten, wie es gemacht werden muss?
ELLIE & THE FAMILY
Romy Müller, ihr Mann Mario und ihre beiden Kinder sind Ellie & the Family. Ihre mehrjährige Reise führte sie mit dem Expeditions-LKW Ellie von der Schweiz durch Europa und Afrika bis nach Namibia, wo die Familie heute ihr Zuhause hat. Romy arbeitet ortsunabhängig und ist Mitgründerin von ArcoOnline.
ARCOONLINE
ArcoOnline ist die Schweizer Online-Lerncommunity, die aus den Erfahrungen und Fragen entstand, von denen dieser Field Report erzählt. Kinder und Jugendliche lernen dort projekt- und interessengeleitet, arbeiten an eigenen und gemeinsamen Themen und treffen sich mit anderen Kindern und Lernbegleitenden in verschiedenen Labs.
UND ELLIE?
Ellie hat die Familie bis nach Namibia gebracht – bleiben kann der Mercedes 1429 dort allerdings nicht. Da das Fahrzeug nicht nach Namibia importiert werden kann, steht der Expeditions-LKW mit seinem heute seltenen V8-Motor aktuell im OLLI Marktplatz zum Verkauf.