GREETINGS FROM … sind kurze Field Notes. Friends of OLLI senden uns ihre Eindrücke von unterwegs.
Yellowknife, Nordwest-Territorien, Kanada. Es gibt „abgeschieden“, und dann gibt es den Norden Kanadas. Wer der Zivilisation entfliehen und in der Wildnis untertauchen möchte, ist hier genau richtig. Mit Erfahrung und der richtigen Ausrüstung kann man monatelang wandern oder Kajak fahren … und trifft dabei nur auf Bisons, Bären und Karibus. Christopher Many und seine Partnerin Laura Pattara verschifften vor 15 Monaten ihren alten Mercedes 308D T1, einen ehemaligen Postwagen, nach Nordamerika. In dieser Zeit legten sie über 35.000 Kilometer zurück – von Halifax nach Texas und dann wieder nach Norden bis nach Yellowknife.
Eine Hauptstadt am Ende der Sackgasse
Hallo allerseits!
Man merkt, dass man wirklich in der Wildnis ist, wenn einem jeder entgegenkommende Lkw-Fahrer zuwinkt. Der Verkehr ebbte deutlich ab, als wir den 60. Breitengrad überquerten, in die Nordwest-Territorien einfuhren und uns Yellowknife näherten … einer Hauptstadt wie keine andere. Sie liegt am Ende einer Sackgasse, 1450 Kilometer nördlich von Edmonton (der nächstgelegenen größeren Stadt).
Um das für Europäer verständlicher zu machen: Stell dir vor, du lebst in einer ruhigen Stadt in Mitteldeutschland. Und nun stell dir vor, du möchtest ins Theater, im Supermarkt einkaufen, einen Facharzt aufsuchen oder einfach mal etwas anderes sehen … und du musst dafür bis nach Barcelona, Stockholm oder Neapel reisen! Das vermittelt vielleicht eine ungefähre Vorstellung von der Größe dieser kanadischen Region. Die Nordwest-Territorien sind tatsächlich 3,3-mal so groß wie Deutschland, haben aber nur 44.000 Einwohner.
Man muss schon ein ganz besonderer Mensch sein, um an einem Ort zu leben, an dem die Wildnis das uneingeschränkte Sagen hat. Dichte boreale Wälder scheinen sich bis ins Unendliche und darüber hinaus zu erstrecken. Diese Wälder sind die Heimat von Bären, Füchsen, Luchsen, Karibus, Elchen und Trilliarden von Mücken. Der Kühlergrill unseres Fahrzeugs gleicht einem riesigen Friedhof – übersät mit den Überresten der vielen Tierchen, die wir unterwegs erwischt haben (keine Sorge: nur Insekten, keine Elche!).
Straßen, die keine sind
Nur eine Handvoll Straßen durchzieht diese riesige Wildnis und verbindet Bergbausiedlungen sowie Dörfer der indigenen Bevölkerung mit der Außenwelt. Sie tragen Namen wie „Mackenzie Highway“, „Hay River Highway“ oder „Liard Highway“, doch mit mehrspurigen Autobahnen haben sie nichts gemein. Auch an zügiges Fahren ist hier nicht zu denken. Oft handelt es sich kaum mehr als um holprige Schotter- oder Erdpisten, die sich nach starken Regenfällen in Schlammwege verwandeln. Die Abstände zwischen Tankstellen können mehr als 300 Kilometer betragen, und auf einigen dieser sogenannten „Highways“ kamen wir im Schnitt nur auf 30 km/h. Kommt einem ein Lastwagen entgegen, sollte man besser das Tempo drosseln und auf die Windschutzscheibe achten! Wir haben uns durch umherfliegenden Schotter bereits ein halbes Dutzend Risse eingehandelt.
Wenn Seen zu Straßen werden
Die Straße in die Hauptstadt Yellowknife wurde 2006 asphaltiert, sodass die Fahrt heute problemlos ist, zumindest im Sommer. Laura und ich genießen 20°C und 20 Stunden Sonnenschein am Tag. Unser Schlafrhythmus ist völlig durcheinander. Im Winter sieht die Sache jedoch ganz anders aus. Wir befinden uns auf demselben Breitengrad wie Trondheim in Norwegen, doch das Klima lässt sich kaum vergleichen. Nordeuropa wird stark vom Golfstrom erwärmt, während diese Region in einer extremen subarktischen Klimazone liegt. Im Januar und Februar fallen die Temperaturen oft auf minus 40°C. Wenn das geschieht, und Seen oder Flüsse zufrieren, können Autos und Lastwagen über sogenannte „Eisstraßen“ darauf fahren, um auch abgelegenere Siedlungen zu erreichen. Der See bei Yellowknife heißt „Großer Sklavensee“, ist aber so riesig, dass er eher wie ein Ozean wirkt.
💡 Wusstet ihr, dass der Große Sklavensee (Great Slave Lake) nichts mit „Sklaverei“ zu tun hat? Er ist nach den Slavey (oder Awokanak) benannt, einer indigenen Gruppe der Dene First Nations, die in dieser Region ansässig ist. Das Gewässer umfasst eine Fläche von über 27.000 km² und ist damit etwa so groß wie Belgien oder Albanien!
24% der Bevölkerung von Yellowknife sind indigener Abstammung, 17% sind asiatischer Herkunft (vorwiegend philippinisch, vietnamesisch, chinesisch und koreanisch). Die wichtigsten Geschäftsstraßen sind belebt und modern, doch in der historischen Altstadt liegen Hausboote in der Bucht vor Anker, und Wasserflugzeuge ziehen brummend ihre Bahnen am Himmel. Anbieter von Abenteuertouren setzen regelmäßig Kajakfahrer und Wanderer in der Wildnis ab … oft mit Kanus, die an den äußeren Streben der Flugzeuge befestigt sind.
Aufbruch auf den Ingraham Trail
Wir brechen zu unserem eigenen Abenteuer auf und begeben uns auf den Ingraham Trail für eine Woche voller Kajakfahren, autarkem Campen und Schwimmen unter Wasserfällen. Uns gelingt es sogar, ein paar leckere Regenbogenforellen zu angeln, die wir abends über dem Lagerfeuer grillen. Doch schon bald heißt es weiterziehen; wir haben noch einen weiten Weg vor uns. Als Nächstes steht der Dempster Highway zum Arktischen Ozean an!
Viele Grüße aus Kanada und stets gute Reise,
Christopher
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