Chaos Tours: 50 Jahre sich selbstorganisierendes Reisen

Chaos Tours: 50 Jahre sich selbstorganisierendes Reisen

Ein Fiat, ein Zelt und ein Gaskocher: So begann 1976 die erste gemeinsame Reise von Sylvia Furrer und Holger Hoffmann. Fünfzig Jahre später haben sie 110 Länder besucht, Chaos Tours gegründet und immer noch neue Pläne.

OLLI Friends sind Menschen, die rausgehen und ihr eigenes Ding machen. Sylvia und Holger zeigen, dass man das auch ein halbes Jahrhundert lang gemeinsam tun kann – gründlich vorbereitet, offen für das Unerwartete und mit echtem Interesse daran, wie andere Menschen leben.

Seit 1976 reisen Sylvia Furrer und Holger Hoffmann gemeinsam. Die pensionierte Anwältin und Ökonomin und der pensionierte Psychiater leben in Bremgarten bei Bern; zusammen haben sie mehr als 85 Reisen außerhalb Europas unternommen und 110 Länder besucht. 1995 gründeten sie aus Spaß Chaos Tours: Sylvia als Geschäftsführerin, Holger als Reiseleiter. Ihre einzigen Kunden sind sie selbst – und offenbar sehr zufrieden. Die beiden planen gründlich, lassen unterwegs aber Raum für Begegnungen, Umwege und bessere Ideen. Auch wenn Alter und Weltlage manche Ziele inzwischen unerreichbar machen, gehen ihnen die Reisepläne nicht aus.

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Wie alles begann: Die erste gemeinsame Reise ging nach Korsika

Ihr habt noch immer Pläne. Aber wie sah euer allererster aus?

Sylvia: 1976 fuhren wir mit Holgers Fiat und einem Zelt und Gaskocher im Kofferraum nach Korsika. Obwohl die Insel im Polyglott in den höchsten Tönen angepriesen wurde, war die Reise für uns eine Enttäuschung.

Holger: Als Studenten konnten wir uns nichts leisten. In der Erinnerung ernährten wir uns vor allem von Birchermüsli. Strandleben war nie meine Sache und den Kontakt zu den Einheimischen fanden wir auch nicht.

Sylvia: Ich war damals sehr interessiert an den Altertümern in Griechenland, der Türkei und in Mesopotamien. So gingen unsere beiden nächsten Reisen dorthin.

Holger: Irak 1978 war schon „heavy“ und prägend für unseren späteren Reisestil. Seither konnte uns nur noch wenig auf unseren Reisen erschüttern.

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Sylvia und Holger 1978 in Bagdad
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Sylvia und Holger 2012 auf Yamal

Wann wurde aus Sylvia und Holger eigentlich „Chaos Tours“ und warum – und wer hatte die Idee für diesen Namen?

Holger: Es gab immer wieder Situationen, sei es in Ländern wie China, die Individualtourismus noch nicht kannten, oder Reiseplanungen, bei denen es sich als vorteilhaft erwies, als Tour Operator auftreten zu können. Da ich mich in den 90er-Jahren in der sozialpsychiatrischen Forschung intensiv mit der Chaostheorie beschäftigte, kam der Vorschlag für den Namen Chaos Tours von mir.

Sylvia: Ich fand den Namen witzig. Die erste Assoziation ist natürlich Unordnung und Planlosigkeit. Dabei planen wir unsere Reisen intensiv, lassen aber unterwegs bewusst Raum für das Unvorhersehbare, Spontane.

Holger: In der Chaostheorie gibt es die Begriffe Selbstorganisation und Nichtlinearität: Aus kleinen Ereignissen können plötzlich ganz neue Entwicklungen entstehen. Genau das erleben wir auf unseren Reisen. Eine zufällige Begegnung, ein Tipp von jemandem oder eine unerwartete Situation kann dazu führen, dass wir unsere Pläne ändern, wenn die neue Option interessanter ist als der ursprüngliche Plan – und oft wird genau daraus das spannendste Erlebnis. Unser „Chaos“ ist also nicht Planlosigkeit, sondern die Freiheit, die Reise sich ein Stück weit selbst entwickeln zu lassen.


„Unser ‚Chaos‘ ist also nicht Planlosigkeit, sondern die Freiheit, die Reise sich ein Stück weit selbst entwickeln zu lassen.“ 


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Sylvia im grünen Maliza hilft beim Aufbau des Tschum
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Unterwegs mit den Nenzen
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Die windstabilen, aber ungeheizten Jarangas der Tschuktschen im fernen Osten Sibiriens

Hat euch das Reisen über die Jahrzehnte optimistischer oder pessimistischer auf die Welt blicken lassen?

Sylvia: Im Allgemeinen schon optimistischer. Es macht einen großen Unterschied, ob man Land und Leute vor Ort erlebt hat oder diese nur aus den Nachrichten kennt.

Holger: Die Begegnungen mit den Menschen in all den Ländern, selbst in den ärmsten oder totalitär regierten, waren immer positiv. Wir haben praktisch nie schlechte Erfahrungen gemacht.

Sylvia: Pessimistischer sehen wir die Welt erst seit Beginn der russischen „Spezialoperation“. Wir waren über zehn Mal in Russland, v. a. in Sibirien bei den Nomaden, und haben die Menschen dort in unser Herz geschlossen. Wir wünschen ihnen so sehr die Öffnung des Landes und wirtschaftlichen Erfolg.

Holger: Aber es war nicht nur der Krieg in der Ukraine, auch anderenorts kam es immer häufiger zu Konflikten und für immer mehr Länder wurde behördlicherseits von jeglichen Reisen abgeraten, erstaunlicherweise nicht von Reisen in die USA.

Sylvia: Mit Sorge erfüllt uns auch die Ausbreitung des Islamismus und die damit verbundenen Folgen …

Holger: … die vielerorts noch unterschätzt werden.


„Es macht einen großen Unterschied, ob man Land und Leute vor Ort erlebt hat oder diese nur aus den Nachrichten kennt.“ 


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Mit dem Monsterli in der weissen Wüste
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Auf dem Salar de Uyuni

Was ist schwieriger: monatelang gemeinsam auf engem Raum unterwegs zu sein – oder danach wieder zu Hause anzukommen?

Holger: Die spontane Antwort lautet: weder noch.

Sylvia: Wir freuen uns jedes Mal, wieder nach Hause zu kommen. Uns erwarten – sei es während unserer Berufszeit wie auch heute noch – so viel Schönes, Interessantes und neue Aufgaben …

Holger: … dazu gehören natürlich auch das Aufarbeiten der Fotos, Schreiben von Reportagen und die Planung der nächsten Reisen.

Sylvia: Weil wir neben unseren Berufen in verschiedenen Bereichen sehr aktiv waren und es uns zu Hause in Bern und in der Schweiz sehr wohl ist, sind mehrmonatige Reisen bei uns die Ausnahme geblieben.

Holger: Unsere längste Reise war 2019 mit unserem Land Cruiser, von Sylvia Monsterli getauft. Sie dauerte gut fünf Monate. Das Monsterli haben wir erst 2017 im Hinblick auf unsere Pensionierung gekauft. Darin ist es uns sehr wohl und es wurde uns auch nie zu eng.

Sylvia: Am liebsten sind wir jedoch zu Fuß oder mit lokalen Transportmitteln unterwegs. Kürzere Reisen haben zudem den Vorteil, dass wir den Fokus enger wählen müssen, an einem Ort tiefer eintauchen können und dadurch das Erlebte intensiver wird.

Holger: Vor der Freude an der Rückkehr steht die Freude am Immer-wieder-von-neuem-Aufbrechen. Natürlich ist dabei das Wissen beruhigend, jederzeit zurückkehren zu können.

Unterwegs durch Sümpfe, über Lavasand und durch Wüsten in Afrika, Indonesien, Myanmar und Kamtschatka

Gibt es einen Ort auf dieser Welt, an dem ihr euch für einen kurzen Moment gedacht habt: «Hier könnten wir auch bleiben»?

Holger: Nicht wirklich. … Vielleicht im Engadin.

Sylvia: Klar, sind wir an tolle Orte gekommen, die uns in Bann gezogen haben, aber nicht, um dort dauerhaft zu bleiben. Dazu sind wir hier zu fest verankert.

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Wenn ihr morgen aufhören müsstet zu reisen: Was würde euch mehr fehlen – die Orte, die Menschen oder das gemeinsame Unterwegssein?

Holger: Das gemeinsame Erleben. Gemeinsam die Welt zu entdecken, neue Kulturen und natürlich Menschen, die dort leben, kennenzulernen und an ihrem Alltag teilhaben zu dürfen.

Sylvia: Na ja, dann müssten wir uns wohl virtuell gemeinsam auf Reisen begeben.

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Unterwegs in Mauretanien
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Langtang: unser erstes Trekking

Taj Mahal, Kunstbiennale, Nächte bei Dorfbewohnern und Köhlern: Bei euch gehört das alles zum Reisen. Wann habt ihr entdeckt, dass eigentlich die Menschen eure Reiseziele sind? 

Sylvia: Das hat bereits 1977 auf unserer Reise in die Türkei begonnen. Diese Herzlichkeit und Gastfreundschaft hatten wir bisher nie zu spüren bekommen.

Holger: Wichtig war für uns auch 1981 das Langtang-Trekking in Nepal, wo wir in den Häusern der Dorfbewohner übernachten konnten und dreimal täglich Dal Bhat mit Heißhunger verschlangen.

Sylvia: Mit dem Besuch der Dogon 1982 in Mali haben wir uns dann von den toten Kulturen verabschiedet hin zu den lebendigen.

Holger: Selbstverständlich können wir uns auch für Sehenswürdigkeiten begeistern wie das Taj Mahal, Angkor Wat, die ägyptischen Tempel (speziell, wenn man sie wie wir während der Corona-Zeit praktisch für sich allein erleben kann) oder New York, Shanghai und Venedig, wo wir regelmäßig die Kunstbiennale besuchen.

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New York
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Shanghai
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Venedig

Ihr reist häufig dorthin, wo andere Touristen gar nicht hinkommen. Was sucht ihr dort eigentlich: das Unbekannte – oder vielleicht auch eine Welt, die es bald nicht mehr geben wird?

Holger: Wir suchen uns unbekannte, möglichst intakte und lebendige Traditionen. Je ursprünglicher, uns fremder und unverständlicher sie sind, desto reizvoller.

Sylvia: Die Menschen spüren, dass wir uns für ihre Kultur begeistern. Vielleicht können wir ihnen damit signalisieren, dass es sich lohnt, sie zu bewahren. Wir erleben immer wieder Kulturen, die nicht verloren gehen, sondern einen Boom erleben. Ich denke da z. B. an die kasachischen Adlerjäger in der Westmongolei oder das Schwingen und Jodeln in der Schweiz. Viele Völker erleben wir als sehr anpassungsfähig an die moderne Technologie: Stromproduktion mittels Solarzellen für die Brunnen im indischen Dorf oder durch Windräder beim mongolischen Ger für den Fernseher. Anpassungsfähigkeit an den Klimawandel konnten wir bei den Robbenjägern in Grönland beobachten: Sie satteln um auf den Fang von international begehrtem schwarzem Heilbutt. Die Welt ändert sich dauernd. Überleben wird, wer sich anpassen kann, ganz im Sinne von Darwin.

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Bei den kasachischen Adlerjägern in der Mongolei
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Am Lueg-Schwinget
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Unterwegs mit den Robbenfischern von Qaanaaq

Was muss man als Reisender tun, damit aus einem Besuch tatsächlich eine Begegnung wird?

Sylvia: Wir bemühen uns, den Menschen zurückhaltend und respektvoll zu begegnen, unser Interesse für sie, ihre Tätigkeit und ihre Kultur zu zeigen, aber auch ihre Neugier an uns zuzulassen.

Holger: Wir setzen uns bereits im Vorfeld mit ihrer Kultur und ihren Lebensbedingungen auseinander. Ideal ist es, sich Zeit zu nehmen, einzutauchen in ihr Leben, sie in ihrem Alltag zu begleiten und dabei zu beobachten, Fragen zu stellen und zuzuhören.

Sylvia: Besonders gut war dies möglich, wenn wir die Nomaden auf ihrer Migration begleiten durften, mit den Köhlern die Nächte an ihren Meilern verbracht haben, mit den Pygmäen auf die Jagd gegangen sind oder an der Kumbh Mela zusammen mit den Pilgern ein heiliges Bad genommen haben.

Holger: Die Begegnungen wurden besonders intensiv, wenn wir nach Jahren ein zweites Mal dieselbe Gegend besucht und dabei manchmal sogar die gleichen Personen wieder getroffen haben, wie bei den Nomades Arabes im Tschad, bei den Kalashi in Pakistan, bei den Korowai in West Irian oder den Naga in Myanmar.

Sylvia: Sehr hilfreich war, wenn wir einen Guide hatten, der die Leute persönlich kannte und ihre Sprache sprach …

Holger: … ja, wir hatten ein paar großartige Guides.

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An einem Tempelfest in Amdo. Die Neugier ist beidseits.
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Sylvia nimmt heiliges Bad im Ganges am Maha Kumbh Mela
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Nachdem die Frauen der Nomades Arabes vor unserem Zelt getanzt haben, gratulieren sie Sylvia zum Geburtstag
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Am Chaumos-Fest der Kalashi
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Ihr sucht immer wieder Menschen auf, für die das, was wir als Abenteuer bezeichnen, schlicht Alltag ist. Hat sich dadurch euer eigener Blick auf das Wort «Abenteuer» verändert?

Holger: Eigentlich nicht. Für sie ist es Alltag, aber für uns kann es zum Abenteuer werden, denn was wir mit ihnen erleben, ist für uns meist ungewohnt oder birgt mögliche Risiken, wie z. B. bei den Korowai auf die Baumhäuser zu klettern.

Sylvia: Schon bei der Planung versuchen wir die Risiken gut abzuschätzen und dann so gering wie möglich zu halten, indem wir im Beispiel der Korowai Seil und Klettergurt mitnehmen. Weil die Korowai dann selber auch weniger Sorge um uns hatten, durften wir auf jedes Baumhaus klettern.

Holger: Wir suchen den Alltag uns fremder Bevölkerungsgruppen. Den Alltag mit ihnen zu verbringen, birgt kaum Risiken, denn dort leben Frauen und Kinder. Die Risiken bestehen oftmals darin, dorthin zu kommen. Das kann man, wenn man will, als Abenteuer bezeichnen.

Sylvia: Selber haben wir uns nie als Abenteurer gesehen.

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Aufstieg ins Baumhaus der Korowai
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Ihr sagt, dass man als Reisende das Leben anderer beobachten, aber nicht darüber urteilen sollte. Gelingt euch das wirklich immer? Und wo ertappt ihr euch selbst beim Urteilen?

Holger: Natürlich bilden wir uns ein Urteil und vertreten unsere Standpunkte und Werte. Aber wenn wir unterwegs sind in fremden Kulturen, versuchen wir mittels teilnehmender Beobachtung uns ein Bild zu machen und dabei nicht vorschnell aus unserer ethnozentristischen Perspektive zu urteilen und den Menschen aus anderen Kulturen unsere Wertvorstellungen ungefragt aufzudrängen. Klar, es gelingt uns nicht immer.

Sylvia: Es gibt schon Themen, wo wir Stellung beziehen, z. B. die Beschneidung der Mädchen in Afrika oder der Umgang der Taliban mit den Frauen.

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Bei den Kogi-Indianern in Kolumbien
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Überleben in der Lava-Wüste der Danakil-Depression bei bis zu 50°C

Welche Begegnungen haben eure Sicht auf die Welt tatsächlich verändert?

Sylvia: Die Begegnung mit den Kogi in Kolumbien, deren ökologische Sichtweise und Respekt vor der Natur mich ungeheuer fasziniert. Die Begegnung mit den Afar und Tschuktschi machte uns deutlich, unter welchen extremen klimatischen Bedingungen der Mensch überleben kann.

Holger: … oder sehr nachdenklich hat uns die Begegnung im Osten des damaligen Zaire mit einem mitreisenden Kongolesen gemacht. Wir waren mit ihm und einem Dutzend anderer Leute unterwegs auf einem mit stinkendem und stachligem Stockfisch beladenen Laster ohne Windschutzscheibe. Öffentliche Verkehrsmittel gab es nicht, denn die Pisten waren in einem derart desolaten Zustand, dass der Laster für 80 km anderthalb Tage brauchte. Nach einer kurzen „Nachtruhe“ im Straßengraben sagte er zu uns: „Für Euch mag das ein Abenteuer sein, weil Ihr das Glück habt, am Ende Eurer Reise das alles hinter Euch lassen zu können. Für mich ist dies jedoch der Alltag. Ich bin verurteilt zu lebenslänglich Zaire, weil ich nie genügend Geld haben werde, das Land zu verlassen.“

Sylvia: Erst durch die Begegnung mit den verschiedensten fremden Kulturen lernten wir unsere eigene schweizerische kulturelle Vielfalt schätzen. Mittlerweile besuchen wir regelmäßig Alpabzüge, Viehschauen, Jodler- und Schwingfeste.

Holger: Am stärksten haben meine Weltsicht allerdings die persönlichen Begegnungen mit Systemikern und Vordenkern des radikalen Konstruktivismus geprägt wie Niklas Luhmann, Fritz Simon, Heinz von Foerster und Humberto Maturana und die Auseinandersetzung mit ihren Theorien. Aber auch die Begegnung mit vielen meiner Patienten, namentlich den jungen Psychotikern. Sie haben meine Weltsicht in Bezug auf das Anderssein und Unverständliche maßgeblich beeinflusst. Zentral war dabei für mich, das Anderssein zu respektieren und auch als Über-Lebensstrategie zu verstehen.


„Für Euch mag das ein Abenteuer sein, weil Ihr das Glück habt, am Ende Eurer Reise das alles hinter Euch lassen zu können. Für mich ist dies jedoch der Alltag.“ — ein Mitreisender im damaligen Zaire, zitiert von Holger


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Unser Laster brauchte anderthalb Tage für 80km auf einer der Hauptverbindungen Ost-Zaires

Wenn ihr morgen früh das Monsterli beladen könntet und Zeit keine Rolle spielte: Wohin würdet ihr fahren – und wen oder was würdet ihr dort suchen?

Holger: … und Frieden auf Erden herrschte, dann würde ich aufbrechen nach Pevek an der Ostsibirischen See in Tschukotka. Pevek ist auf dem Landweg nur im Winter über die Ice Roads auf zugefrorenen Flüssen erreichbar. Nebst der wunderbaren Winterlandschaft Sibiriens würden wir uns auf die dort lebenden Menschen freuen.

Sylvia: Ich würde mich auch über den Spatzen in der Hand freuen und z. B. in die Normandie und Bretagne fahren. Dort waren wir noch nie und es gäbe so viel bezüglich ihrer Handwerkskunst zu entdecken und dokumentieren.

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Holger isst zur Überraschung der Nenzen die in Blut eingelegten rohen Innereien
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Holger schnupft Tabak bei den Mucawana in Angola

Ihr reist seit 50 Jahren gemeinsam. Was wisst ihr heute übereinander, das ihr ohne das Reisen wahrscheinlich nie herausgefunden hättet?

Sylvia: Dass Holger auch vor dem fremdartigsten Essen nicht zurückschreckt, sei es gedämpfte Käfer im Sudan, im Magensaft fermentiertes Fleisch bei den Dong oder rohe Rentier-Innereien in ihrem Blut bei den Nenzen. Ich war als Kind diesbezüglich extrem heikel. Heute verspüre ich fast nie mehr Ekel.

Holger: … und ich habe dank dem Reisen meine Schlangenphobie überwinden können,

Sylvia: … ich aber nicht meine Abscheu vor Kakerlaken.

Holger: Sylvia bekommt ab 3500 m regelmäßig die Höhenkrankheit, was sie nicht hindert, auf 6000er zu steigen.

Sylvia: … mit Diamox als Prophylaxe.

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Sylvia im Ruwenzori-Gebirge mit dem Margherita-Peak im Hintergrund

Wie habt ihr euch kennengelernt? Wart ihr beide von Anfang an Feuer und Flamme fürs Reisen? Oder musste einer den anderen überzeugen?

Holger: Wir wohnten beide im Studentenheim in Bümpliz.

Sylvia: Die Leidenschaft zum Reisen hat sich über die Jahre gemeinsam entwickelt. Wir waren neugierig, manchmal auch etwas naiv und nicht allzu ängstlich. Angst hatten eigentlich nur unsere Eltern.

Holger: Dass wir bereits recht jung eher außergewöhnliche Destinationen wählten, basiert auf dem Interesse an den lebendigen Kulturen, dem Wissen, dass vor uns bereits andere Reisende dort waren und auf unserem Vertrauen in die Menschen, dass sie uns wohlwollend begegnen und im Notfall helfen würden.

Sylvia: … und dieses Vertrauen wurde nie erschüttert, sondern reich belohnt.

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In Kamtschaka vor dem 4754m hohen Kljutschewskaja Sopka

Was bewundert ihr am jeweils anderen als Reisepartner – und womit treibt er oder sie euch zuverlässig auf die Palme?

Holger: Sylvia ist mein bester Kumpel.

Sylvia: Mit Holger wird es mir nie langweilig … und ich kann mich auf ihn verlassen. Wenn es mir auf Reisen schlecht geht, zeigt er Stärke.

Holger: Das gilt auch für Dich! Dass wir uns gegenseitig zuverlässig auf die Palme treiben können, ist nicht reisespezifisch.

Sylvia: Wir arbeiten seit 50 Jahren daran und hoffen auf die Altersmilde.

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Am Checkpoint in Nordpakistan zum Tee eingeladen auf dem Weg zu einem anlässlich einer Hochzeit durchgeführten Buzkashi
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Billiard ist allseits beliebt in Tibet
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Das Zelt ist praktisch immer dabei. Hier in einem Langhaus der Naga in Myanmar

Wer sagt schneller «Das geht schon» – und wer denkt «Das geht garantiert schief»?

Sylvia: Holger ist schon der mit der Devise „Never give up!“

Holger: … und Sylvia diesbezüglich die Vernünftigere. Risiken schätzen wir eigentlich immer sehr ähnlich ein …

Sylvia: … und übernehmen dann auch gemeinsam die Verantwortung dafür.

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Sehnsuchtsdestination Shibam im Wadi Hadramaut

Wer von euch sagt häufiger: „Da müssen wir hin“ – und wer fragt zuerst, ob das überhaupt eine gute Idee ist?

Holger: Sylvia kann sich schneller für eine Idee begeistern. Ich bin der, der, sobald eine Reiseidee im Raum steht, intensiv zu recherchieren beginnt. Deshalb kommen von mir auch mehr Bedenken.

Sylvia: Ich ermutige Holger dann, Lösungen zu finden.

Holger: Mit einer gewissen Hartnäckigkeit und zunehmender Erfahrung gelingt es mir dann auch meist. Manchmal braucht es Jahre von der ersten zündenden Idee bis zur Realisierung, wie z. B. beim Südsudan, den Nomaden in Chukotka oder den Naga in Myanmar. Bei Afghanistan hat es über 40 Jahre gebraucht. Manche Ideen sind immer noch pendent, wie nochmals zu den jemenitischen Lehmpalästen im Wadi Hadramaut und Wadi Dawan zu reisen oder von Wladiwostok mit dem Zug nach Nordkorea.

Sylvia: Immer mehr Ideen zerschlagen sich an der aktuellen politischen Situation …

Holger: … und daran, dass wir nicht jünger werden.

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Bier aus der Kalebasse in einem Cabaret in Burkina Faso
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Wir haben den Dorfältesten in einem Turkana-Dorf eine Runde Bier spendiert

Was könnt ihr euch heute als Reisende erlauben, was ihr mit 30 noch nicht konntet – und was könnt ihr heute nicht mehr, obwohl ihr es manchmal gerne würdet?

Holger: Wir fühlten uns eigentlich nie in unseren Reiseplänen eingeschränkt. Heute, wo wir nicht mehr berufstätig sind, können wir länger unterwegs sein, sind bezüglich Terminen flexibler und können jederzeit auf das Monsterli zugreifen.

Sylvia: Früher sind wir mit Begeisterung getrekkt, sei es im Himalaya, den Anden, im Regenwald Afrikas, Südamerikas und von West Irian oder in der Wüste Badain Jaran. Das alles könnten wir heute nicht mehr.

Holger: Aber wir können auch nicht mehr in den Jemen, den Sudan, nach Mali oder Sibirien, wo wir zum Glück überall bereits waren, aber wieder gerne hingingen. Und es gibt noch ein paar Länder, bei denen wir hoffen, dass irgendwann nicht von jeglichen Reisen dorthin abgeraten wird.

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Früher verscheuchten wir lästige Kinder, heute haben wir Spielzeug dabei und verwickeln sie in Gespräche. Das ist für beide Seiten viel lustiger.
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Unterwegs mit den Even in Jakutien. Der fünfjährige Ruslan strotzt vor Energie und Lebensfreude

Wie lange gehört das Monsterli schon zu eurer Geschichte – und warum ist er mehr als einfach ein Reisefahrzeug?

Holger: Mit unserem Monsterli, einem Toyota Land Cruiser GRJ79 (Benziner, weil wir damit nach Sibirien wollten) mit Azalaï-Kabine, sind wir seit 2017 unterwegs.

Sylvia: Es bietet alles, was wir brauchen und hat uns bisher nie im Stich gelassen.

Holger: Die Motorleistung ist super, allerdings mit entsprechendem Benzinverbrauch und unterdimensionierter Bremsleistung. Aber das Monsterli verführt uns dazu, die Welt zu ‚erfahren‘. Wir fahren mit ihm durch wunderbare Natur und übernachten an den schönsten und einsamsten Orten, mussten aber feststellen, dass das Monsterli eher eine Barriere darstellt, mit der lokalen Bevölkerung in Kontakt zu kommen und in ihre Kultur einzutauchen, als dass es dies erleichtert. Hier sind wir immer noch am Lernen.

Sylvia: Auf unserer letzten Reise zu den Köhlern auf dem Balkan ist es uns schon recht gut gelungen.

„Das Monsterli verführt uns dazu, die Welt zu ‚erfahren‘.“ — Holger


Auf welche drei Ausrüstungsgegenstände würdet ihr nie verzichten?

Holger: Fotoausrüstung, Medikamentenkiste und wenn wir mit dem Monsterli unterwegs sind ein Navigationsgerät, ansonsten den Schlafsack.

Sylvia: … und die Telefonnummer vom Globetrotter Helpdesk.

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Die wohlverdiente Pause der slowenischen Köhler beim Ausräumen des Meilers und Absacken der Holzkohle
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Rabari-Hochzeit in Rajasthan. Das Interesse scheint beidseitig.

Die Autoren Sylvia Furrer und Holger Hoffmann (Fotos) haben seit 1977 gemeinsam über 60 Länder ausserhalb Europas bereist. In den letzten Jahren haben sie sich vermehrt mit traditionellen Kulturen auseinandergesetzt und immer wieder abgelegene Gebiete besucht.

Folgt Sylvia & Holger auf: 

Spannende Beiträge über ihre Besuche bei besonderen Menschen: 

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